Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher

Relevant für unser Magazin wird Sven Regener natürlich als Texter und Sänger der Band Element of Crime, doch auch außerhalb des musikalischen Metiers ist er ein hervorragender Storyteller: Sein Roman "Herr Lehmann" verkaufte sich über eine Million mal und wurde so zum ersten wichtigen deutschen Werk des Jahrtausends. Die Trilogie um Frank Lehmann ist inzwischen abgeschlossen – Regener kann sich also neuen literarischen Ergüssen zuwenden.
Früher hat man Romane auszugsweise in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht – und heute? Richtig: "Blog" nennt sich das moderne Zeug, mit dem man seine Gedanken an den potentiellen Leser bringen kann. Sven Regener steht (nach eigenen Worten) dem Internet und dieser Bloggerei recht skeptisch gegenüber. Und doch hat er sich überreden lassen. Ganze acht Mal inzwischen. Beginnend mit dem Jahr 2005 erschienen über einen Zeitraum von fünf Jahren jeweils begrenzt auf wenige Tage oder Wochen fortlaufende Blog-Einträge auf unterschiedlichen Internet-Plattformen. Berlin.de / taz.de / spiegel.de – die üblichen Verdächtigen halt.
Diese Einträge aus fünf Jahren sind jetzt im Buch "Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher", erschienen im Galiani-Verlag, zusammengefasst. Zunächst mal: Wer zum Teufel ist Hamburg-Heiner? Hört sich nach Versicherungsgesellschaft an, wird aber als real existierende Person beschrieben. An seltenen Stellen ist aber erkennbar, dass es sich um "imaginäre Telefongespräche" handelt, die Sven mit Hamburg-Heiner führt. Er existiert also nicht wirklich – ist eher etwas wie ein Alter Ego des Künstlers (Marke "hier spricht dein Gewissen"). Sicher auch kein Zufall, dass für den Bremer Regener der Antagonist den Zusatz "Hamburg" tragen muss.
Und worum geht’s nun? Um alles und nichts – eigentlich. Um Begebenheiten aus Regeners Leben, aus seinem Alltag als Künstler oder um Gedanken, die er schon lange mit sich rumträgt, z.B. die Fragen, ob man "O, Tannenbaum" nun im 3/4- oder 4/4-Takt zu singen hat, warum Lindenbergs "Unterm Säufermond" ein so starkes Lied ist oder was Delmenhorst der Band Element of Crime zu verdanken hat. Es gibt weitreichende Gedanken zu allen Orten, die EoC auf der 2007er Tour heimgesucht haben. Später geht es dann um die Buchmesse oder einen Ausflug nach Nashville.
Die Begebenheiten hören sich wahr an, sind es aber meist wohl nicht – eher existiert ein echter äußerer Rahmen, der hier mit abstrusen Geschichten und den immer wieder genialen Dialogen mit Hamburg-Heiner gefüllt wird. So bringt Regener sich gekonnt auf die Meta-Ebene und lässt Hamburg-Heiner alles hinterfragen, was er gerade erst zu Tastatur und PC gebracht hat. Überhaupt misstraut er dem Internet – findet es überbewertet. Eine Aussage aus dem Buch: "Da wird nicht recherchiert – da wird behauptet."
Es macht Laune, Regeners Gedankengängen zu folgen – und seinem lakonischen Redeschwall kann man stundenlang zuhören, ohne müde zu werden. Ihr ahnt es schon: Ich habe das Buch nicht gelesen, sondern es über knapp 5 ½ Stunden Dauer als Hörbuch konsumiert. Gelesen vom Autor selbst. Ein kurzweiliges Vergnügen, das ich nur weiter empfehlen kann. Und gerade Hamburg-Heiner ist mir sehr ans Herz gewachsen. Schlimm. Zur Strafe ohne Socken ins Bett.