Take That

Progress

Veröffentlicht: 19.11.2010 / Polydor / Universal Music

Von: Andreas Weist

Take That

Das Pop-Ereignis des Jahres lässt die musikalische Entwicklung dahinter stark in den Hintergrund treten: Die Rückkehr von Frauenschwarm Robbie zu Take That. Man denkt an die großflächig enttäuschten Gesichter in den 90ern – an hysterisch kreischende Mädels. Wie konnte Robbie uns das antun? Und dann war er gar nicht mehr der Böse. Denn seine Musik war weiter in den Charts und Take That versanken zunächst mal im Pop-Niemandsland, bis sie vor wenigen Jahren wie Phönix aus der Asche aufstiegen. Ehrlich gesagt, habe ich mich geärgert: Ihr Idioten, dachte ich, jetzt seid ihr endlich mal erfolgreicher als dieser Selbstdarsteller und dann nehmt ihr ihn zurück wie den verlorenen Sohn. Ein Drama biblischen Ausmaßes.

Und was vergisst man hinter all diesen Stories? Den musikalischen Aspekt. Die Leute werden das Album kaufen und es vermutlich in sechs Wochen verbleibender Zeit zum erfolgreichsten Album des Jahres machen. Dafür muss man kein Prophet sein. Sie werden es kaufen, weil sie gleichzeitig das neue Robbie-Album bekommen, das neue Take That-Album und das neue Madonna-Album. Denn als Produzent fungiert Stuart Price, der 2005 auch Madonnas "Confessions On A Dance Floor" zu seinen höchst eigenen Bekenntnissen werden ließ.

Hört sich das an, als ob ich mich darüber ärgere? Ja – denn ich bin ein großer Fan der Take That-Alben "Beautiful World" und "The Circus". Wenn ich jetzt aber "Progress" höre, dann habe ich bei den meisten Songs das Gefühl, dass Robbie und Gary wundervolle Stücke geschrieben haben, Price sie aber im Anschluss nahm ("da kann man nicht ordentlich drauf tanzen" / "das hört sich zu altbacken an") und aus den Balladen und Hymnen stilvolle Dancepop-Nummern formte. Durchaus legitim, denn zum Aufpeppen hat man ihn schließlich engagiert.

Wir wissen, dass Take That das auch alleine können. Die Williams-Barlow-Nummer "Shame" (die sich bezeichnenderweise nicht auf dem Album befindet) war ein guter Anfang. Und auch die erste Single-Auskopplung "The Flood" klingt sehr nach Take That-Konsens, um die Fans nicht zu verschrecken. Doch dann übernimmt Price das Zepter. "SOS" bietet einen Ohrwurm-Refrain, nervt aber durch Sirenengeheul-Keyboards. Ähnlich wie "Underground Machine", das sich in einem elektronischen Soundteppich verliert. "Wait" startet als Piano-Ballade, die sich aber schnell mit sterilen Beats durchmischt. Ziemlich Retro, aber auch innovativ, wenn man die aktuelle musikalische Entwicklung betrachtet. So klingt "Pretty Things" nach 80er-Jahre-Retro und erinnert an Depeche Mode, während "Happy Now" zumindest einen optimistischen Refrain im Stil der frühen Yes zu bieten hat. Am stärksten imponieren mir die neuen Take That in Tracks wie "Kidz" mit mutig durchgezogenem Marschrhythmus und in der hymnischen Ballade "What Do You Want From Me?", die dann aber wieder stark Richtung Coldplay tendiert. "Eight Letters" schließlich ist eine typische Abschlussnummer – halbwegs emotional und pathetisch und zum Glück ohne orchestrale Eskapaden. Solche gibt es dann (am Keyboard erzeugt) im Hidden Track "Flowerbed".

Boygroup-Reunions funktionieren normalerweise nicht. Die ehemals hysterischen Mädels sind zunächst verzückt, wundern sich dann aber, warum sich das Kribbeln im Bauch nicht mehr einstellen mag. Bei Take That ist das anders. Und in meinen Augen liegt es nicht an Robbie, sondern an der guten Vorarbeit, die Barlow, Owen und Co. geleistet haben. Sie hatten bereits zwei Alben Zeit, um die Teenieband zum seriösen Popact zu formen und sie haben diese Aufgabe mit Bravour gemeistert. Jetzt werden sie zurück gepfiffen. Das Kribbeln erzeugt Price in Zukunft auf elektronischem Weg.

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