The Circus

Was war das für eine triumphale Rückkehr, als Take That nach neun Jahren Pause und ohne den vermeintlichen Star der Band – Robbie Williams – wieder den Weg ins Rampenlicht fanden. Über 35 Millionen verkaufte Alben weltweit, mehr als 50 Gold- und Platinauszeichnungen in aller Herren Länder und drei Brit Awards, unter anderem für die beste Single und als bester Live-Act. Die Aufzählung könnte endlos weitergehen und würde das Phänomen der grandiosen Wiederauferstehung doch nur ansatzweise beschreiben. Bei den ganzen mehr oder weniger geglückten Comeback-Versuchen ehemaliger Tanz- und Sing-Gruppen wie den No Angels, den Spice Girls und den Backstreet Boys haben Take That wahrlich den Vogel abgeschossen. Ein Album wie „Beautiful World“ hinzulegen ist schon stark. Dass dieses dann noch zum bestverkauften in der jetzt 18jährigen Geschichte wird, ist der verdiente Lohn.
Auch der Herbst 2008 wird dem Quartett gehören. „Greatest Day“ war der erste Vorbote aus ihrem neuen Album „The Circus“, welches sie zusammen mit Produzent John Shanks (in der Vergangenheit unter anderem tätig für Bon Jovi, James Morrison und Keith Urban) in Los Angeles aufgenommen haben. Gary Barlow bezeichnet das neue Werk bereits jetzt als das beste Album in der Geschichte von Take That: „Wir sind alle sehr glücklich und stolz auf unser fünftes Studioalbum und können es kaum abwarten, die Songs unseren Fans zu präsentieren!“ Die Vorfreude scheint zumindest groß zu sein, denn für die angekündigte Stadiontour durch Großbritannien „The Circus – live“ wurden bereits vor Veröffentlichung der Single mehr als 600.000 Karten verkauft – neuer britischer Rekord.
Die erste Single-Auskopplung, die seit langem die Airplay-Charts beherrscht, bietet das hymnische „Greatest Day“. Beginnend mit einem im Stakkato angeschlagenen Piano baut der Song sich zu einer wahren Bombastorgie auf. Die in höchste Töne schwebenden Vocals geben ihr Übriges hinzu. Ein Song, der nicht auf Anhieb ins Ohr geht, sich dafür aber um so länger dort festsetzt. Das Album startet jedoch mit ruhigeren Tönen. Der Opener „The Garden“ beginnt sehr sanft und unterlegt die Pianoklänge mit zarten Streichern. Die Leadvocals schleichen sich extrem entspannt in den Song, bevor dieser sich in der zweiten Hälfte mit militärisch anmutendem Schlagzeugrhythmus und Fanfarentönen enorm steigert. Ein Opener, der die ganze Klasse der aktuellen Take That aufzeigt. Das typische Pop-Tralala bleibt aus und weicht einem virtuosen Songaufbau, der für die gereifte Band steht. So darf und muss Britpop heute klingen.
„Hello“ enthält eine fröhliche Melodielinie und eine treibende Instrumentalbegleitung, die den Beatles alle Ehre gemacht hätte. Nach den Balladen „Said It All“ und „Julie“ kommt man im Titeltrack „The Circus“ ins Erzählen: „Silence please ‘cos I‘ve got something to say“. Wie Britney Spears auf ihrem am gleichen Tag erscheinenden Longplayer widmen sich auch Take That ausführlich dem Zirkusthema und setzen ihre Rolle als Bühnenstars den Protagonisten im Zirkus gleich. Ein sehr emotionaler Song, der deutlich macht, dass wir es schon lange nicht mehr mit der umjubelten Boygroup zu tun haben, sondern mit vier erwachsenen Ausnahmesängern, die sich hervorragend entwickelt haben und dies in den genialen Arrangements unter Beweis stellen.
„How Did It Come To This“ geht stark in Richtung Keane oder Coldplay. Der intensive Pianoeinsatz zieht sich wie ein roter Faden durch das Album und bestimmt noch stärker als in „Beautiful World“ den musikalischen Charakter der Band. Daneben gelingt aber mit einem Song wie „Up All Night“ auch ein akustischer Ausflug in die Klänge der 70er Jahre, bevor das schmachtende „What Is Love“ und das melancholische „You“ uns in die Gegenwart zurücktragen. Letzter Höhepunkt ist zweifelsohne „Hold Up A Light“. Die Streicher diesmal parallel im Stakkato und sanft angestrichen. Schon beim ersten Hören werden Erinnerungen an Coldplays „Viva La Vida“ wach, die sich bestätigen, wenn der Song dem orchestralen Finale entgegengeht. Als Hidden Track findet sich noch ein beschwingter südländisch angehauchter Abschluss. Für mich überflüssig, aber wem’s gefällt... Zumindest ein weiterer Beweis für die stimmliche Vielfalt des Vierers, der auch in diesem ungewöhnlichen Song seine Vocals gekonnt in den Vordergrund stellt.
„The Circus“ gehört zu den Alben 2008, die ich mit größter Spannung erwartet habe. Können Take That an den Megaerfolg von „Bautiful World“ anknüpfen? Werden sie die gleiche Klasse abliefern, wenn die Mühle der Musikindustrie sie wieder gänzlich in ihren Fängen hat? Ein eindeutiges „Ja“ für beide Fragen. Die einzig wahre real existierende Boygroup hat ihren jugendlichen Elan ins neue Jahrtausend rüber gerettet und sich bei der Gelegenheit quasi neu erfunden. Eine Reunion, die wirklich mal zur langfristigen Bereicherung der Musikwelt beiträgt.