Croweology (2 CD)

Der US-amerikanische Musiksender VH1 führt die Black Crowes an Position 92 unter den "100 Greatest Artists Of Hard Rock". Dieses Ranking stammt aus dem Jahr 2000 und würde man es aktuell neu bewerten, so hätte die Band aus Atlanta, Georgia inzwischen sicherlich viele Plätze gutgemacht. Zumal seitdem mit "Warpaint" (2008) und "Before The Frost... Until The Freeze" (2009) zwei weitere grossartige Alben aus der Krähen-Schmiede erschienen sind. Die Geschichte der Black Crowes beginnt aber natürlich schon viel früher. Genauer 1990 mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums "Shake Your Money Maker", dem bis heute sieben weitere Studioalben folgten. Das 20-jährige Jubiläum des mit fünffach Platin dekorierten Erstlingswerkes feiert das Sextett nun in Form seiner ganz persönlichen "Croweology", der ersten Doppel-CD seiner Geschichte. Dazu hat die Band um die Gebrüder Chris (Gesang) und Rich Robinson (Gitarre) 20 Songs in teilweise völlig neue und rein akustische Gewänder verpackt. Als Dankeschön an die Fans für zwei Jahrzehnte Treue (lässt man die Auszeit zwischen 2001 und 2005 mal außen vor) wird "Croweology" zum Preis einer Einfach-CD verkauft.
Unterstützt wurden die Black Crowes dabei erneut von Paul Stacey, der bereits ihre letzten beiden Alben produziert hat und von 2006 bis 2007 ein kurzes Zwischenspiel als deren Aushilfsgitarrist gab. Desweiteren brachte Joe Magastro sein Percussion-Equipment und Donny Herron seine Steel Guitar, sein Banjo und seine Geige mit in die Sunset Sound Studios von Los Angeles, in denen "Croweology" entstand. Nicht zu vergessen die zwei zauberhaften Background-Sängerinnen Charity White und Monalisa Young. Die ausgewählten Songs decken fast die komplette Crowes-Diskographie ab und erstrecken sich von "Shake Your Money Maker" über "The Southern Harmony And Musical Companion" (1992), das sträflich unterbewertete "Amorica" (1994), "Three Snakes & One Charm" (1996) und "By Your Side" (1999) bis hin zu "Lions" (2001) und "Freak `N` Roll... Into The Fog" von 2006. Darunter sind mit den beiden Country-Blues-Elogen "Cold Boy Smile" sowie "She" zwei bisher unveröffentlichte Tracks.
Das Ergebnis ist schlichtweg genial! Alleine das Artwork ist grosses Kino. Das von Alan Forbes einmal mehr äußerst geschmackvoll gestaltete Ecopak entfaltet beim Aufklappen zwei in Ehren gealterte Krähen (Selbstironie!?), die an einem Lagerfeuer vermutlich verbotene Substanzen rauchen (keine Selbstironie!?). Auf ihrer Rückseite finden sich die 20 Jahre jüngeren Pendants. Dazu gibt es noch einen Aufkleber mit dem Album-Schriftzug. So lässt sich auch das Fehlen eines Booklets leicht verschmerzen...
Wahrscheinlich gab es noch nie eine Band, die sich derart entspannt und souverän durch ihren Backkatalog gejammt hat wie die Black Crowes. Dabei vermischen sie ihren typischen Southern Rock mit Elementen aus Blues, Country, Soul und sogar Gospel (wie in "The Morning Song"). Das führt beispielsweise zu einer grossartigen Neuinterpretation von "Remedy", einem furiosen "Ballad In Urgency" oder dem wunderschön-spartanischen "She Talks To Angels". So schmerzhaft schön, dass es schon fast weh tut. "Girl From A Pawnshop" wird zu einem filigranen Gebilde voll rauen Charmes. Von der Geige umschmeichelt und der Akustikgitarre in Wallung versetzt. "Thorn In My Pride" hingegen bewegt sich zunächst noch recht deutlich am Original, ehe die Mundharmonika einen minutenlangen Jam einläutet, in dem dann die Steel Guitar die Hauptrolle übernimmt. Man möchte nicht nur hier ewig zuhören. Und über all den außergewöhnlichen musikalischen Glanzleistungen schwebt die charakteristisch-kratzige Stimme von Ober-Krähe Chris Robinson. Ein einziger Genuss.
Vor lauter eingestreuten Jam-Parts braucht die Band manchmal etwas, bis sie zum eigentlichen Kern der Originalsongs vordringt. Dabei erreichen einige von ihnen fast das doppelte ihrer ursprünglichen Länge. Aus fünfeinhalb werden bei "Ballad In Urgency" über neun Minuten, bei "Wiser Time", "Non-Fiction" oder "Thorn In My Pride" ist es ähnlich. Geige, Banjo und Mundharmonika feiern fröhliche Wiederauferstehung. Hört euch nur "Downtown Money Waster" oder "Good Friday" an. Spass pur! Kurz gesagt: "Croweology" ist von vorne bis hinten einfach ein absolut geiles Stück Musik. Für mich DAS Album des Jahres! Und das werde ich mit Sicherheit auch noch im Dezember behaupten. Schade nur, dass die Black Crowes im Anschluss an ihre im August beginnende "Say Goodnight To The Bad Guys"-Tour (die sie leider nicht nach Europa führt) nach eigener Aussage erstmal wieder eine längere Pause einlegen wollen. Bleibt zu hoffen, dass diese nicht schon wieder vier Jahre lang dauert...