Ill Seen Ill Sung

Harfe, Weinglas, Theremin und Säge. Alles Instrumente die man auf „Ill Seen Ill Sung“, dem vierten Longplayer des New Yorker (genauer gesagt Brooklyner) Quintetts Timesbold zu hören bekommt. Wie auf den drei Vorgängern – bei denen u.a. auch Ofenrohre und Rucksäcke zu Musikinstrumenten umfunktioniert wurden – gelingt es den Mannen um Sänger und Texter Jason Merritt (solo unter dem Alias ’Whip’ bekannt) esperantoartige Klangteppiche zu konstruieren, die gleichzeitig faszinieren, verstören und mitreißen. Wenn man sich mit dem neuen Album beschäftigt hört man nicht sofort, aus welchen Instrumenten sich gewisse Songs zusammensetzen. Das bedarf eines eingehenderen Studiums – des Öfteren sitzt man vor den Boxen und fragt sich was genau man hört, allerdings macht das den gewissen mystischen Reiz von Timesbold aus. Immer ergänzt durch Merritt’s poetische Lyrik und seine brüchige Art der Vortragsweise erwarten den Hörer dreizehn Stücke zwischen Wehklang, Einöde, Lo-Fi-Pomp und mittelalterlichem Bluegrass (oder so ähnlich).
Fast poppig und geradlinig startet „Ill Seen Ill Sung“ mit „Old Hannah“. Das Banjo klingt überall durch und treibt das restliche Instrumentarium vor sich her. Direkt danach wird es konfus. „Any Lethal Storm“ macht seinem Namen alle Ehre und fegt wie ein instrumenteller Wirbelsturm über den Hörer hinweg. Überall kracht, zischt und dröhnt es – aber trotz, oder vielleicht auch wegen, all dem Durcheinander fesselt einen die starke Nummer. Träumerisch und verspielt wird es bei „All Readymade“ (und „Mama“), wenn der Track läuft wird das Wunderland real, Alice nimmt dich an die Hand und los geht der Spaziergang durch den etwas befremdlichen, aber aufregenden, musikalischen Zauberwald. Melodien und Töne, direkt aus dem Märchen. Die erwähnte mittelalterliche Stimmung kommt z.B. bei „Takeaway“ auf. Eher atmosphärische Songs wie „Cancao Bebendo“ (ein ins Englisch übersetztes portugiesisches Traditional) oder „Far To Strange“ erinnern an manch dichte Undurchdringlichkeit eines Stückes von Smog. Sicher gut gemacht, aber nicht ganz mein Fall. Tracks die, angeführt vom Banjo, ohne größere Irritationsfaktoren auskommen – wie z.B. „When I Come Around“, „Fencepost“ oder das Cowboy-esque „Lame Horse“ – sind die spannendere, weil abgeklärtere, Timesbold-Seite.
Im Booklet zitieren Timesbold Robert Walser’s Satz, there’s something missing when I don’t hear music, and when I do, then there’s really something missing. Wenn man “Ill Seen Ill Sung” so hört, fragt man sich was uns die Band mit diesem Zitat sagen möchte. Eine vermisste instrumentale Vielfalt kann es definitiv nicht sein, denn diese reizen Timesbold auf Longplayer Nummer vier fast vollends aus. Vielleicht spielen Tony Leva, Max Avery Lichtenstein, Tony San Marco, Jesse Sparhawk und Jason Merritt aber auch einfach nur auf die träumerische Sehnsucht an die einen bei „Ill Seen Ill Sung“ packt. Was genau der Satz bedeuten könnte, muss jeder Hörer für sich selbst herausfinden.