Tocotronic

Schall und Wahn

Veröffentlicht: 22.01.2010 / Vertigo Berlin / Universal Music

Von: Sascha Knapek

Tocotronic

Verschrammelt, LoFi-ig, mit vielen Worten im Bauch und Gefühlen im Kopf grüßten Tocotronic Mitte der 90er aus Hamburg. Der Stil wurde zur Schule erklärt, die Schublade war geboren und von nun an da, um sich an ihr zu reiben und zum Abfackeln anzusetzen. Jede neue Tocotronic-Platte glänzte von da an mit Überraschendem und Sachen, die man vorher nicht erwartet hätte. Die Auslotung des Möglichen wurde zum Rezept und spätestens mit "K.O.O.K." (1999) gingen Tocotronic in ihrer Rolle als rastlos Suchende vollends auf. Auch ihr neues, das mittlerweile neunte, Album "Schall und Wahn" besitzt einen abnutzungsfreien und distinktiv eigenen Lebenskern. Die Kraft des Blumenstrauß‘, die Selbstreflektion als private Hausaufgabe oder die programmatische Suche nach innerhalb und außerhalb liegenden Widerständen.

Der Vorgänger, "Die Kapitulation", wurde anno 2007 zum Paradebeispiel eines unbändigen Interpretationsdrangs der üblichen Verdächtigten. Tocotronic wurden zu allem und zu nichts ausgerufen, kontextualisierter Deutschrock at it’s best (was die Kontextualisierer anbetrifft). Vielleicht auch als Antwort darauf singt Dirk von Lowtzow auf "Schall und Wahn" davon, dass es "Keine Meisterwerke mehr" gibt. Den Willen zum politisch gemeinten Statement lassen Tocotronic sich nicht madigmachen und wenn damit auch gleich noch ein gesellschaftlicher Wahn nach Superstar-Kadavern verdammt werden kann, na umso besser. Alles zu finden in "Stürmt das Schloss", dem kondensierten Scheitelpunkt von "Schall und Wahn". Eine Band am Optimum.

Tocotronic bleiben mit ihrem neunten Album die intellektuelle, bundesdeutsche Anti-Intellektuellen-Elite. Die zwischen bedeutungsschwanger, renitent, romantisch und kopfraucherisch pendelnden Texte werden das Feuilleton wieder verzückt nach Luft schnappen lassen und trotzdem im Duktus der studentischen Wortverdreherei den Dauerparkerstatus verlängern. Wer, was und wo Tocotronic, und besonders Textkreator von Lowtzow, dabei sein, oder besser gesagt nicht sein wollen, ist nebensächlich. Das Ding mit der Jugendbewegung ist vorbei, beschweren und kapitulieren hilft auch nicht, was bleibt, ist schöngeistiges Chaos. Manche mögen das intellektuell nennen, aber das stört Tocotronic bestimmt nicht mehr so wie vielleicht noch vor ein paar Jahren. Die Scheuklappen sind ab und die Midlife-Crisis noch gute zehn Jahre entfernt.

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