Travis

Ode To J. Smith

Veröffentlicht: 26.09.2008 / Vertigo / Universal Music

Von: Andreas Weist

Travis

Diesmal haben sich die Schotten um Fran Healy nicht viel Zeit gelassen, um ihr neues Werk unter’s Volk zu bringen. Erst 16 Monate sind seit dem 2007er „The Boy With No Name“ ins Land gegangen. Mein erster Gedanke zum September-Release: Passt. Die herbstliche Melancholie, die Travis in der Regel verbreiten, dürfte im verregneten 2008 besonders gut zur Geltung kommen. Um so überraschter war ich dann aber, als aus den Boxen für Travis ungewöhnlich rockige Töne kamen.

Der Longplayer startet mit einem stakkatoartig gespieltem Piano und kantigen Gitarrentönen. Schon an zweiter Stelle steht der Song „J. Smith“, der mich so vom Hocker reißt, dass ich glatt geneigt bin zu sagen, für diesen Song lohne sich der Kauf des kompletten Albums. Knapp drei Minuten Zeit brauchen Travis für den perfekt arrangierten Song mit eingängiger Melodie, erzählenden Gitarrensoli, chorischen Fragmenten und einem starken Break, das mich immer wieder aufhorchen lässt. Ein kluger Schachzug, diesem Song das komplette Album zu widmen. Healy begründet die Titelwahl einmal mit diesem kurzen Song, um den sich alles dreht, und mit der Tatsache, dass alle Songs des Albums von namenlosen Charakteren handeln.

„Something Anything“ führt die rockige Linie mit verzerrten Gitarrentönen fort und widmet sich ebenso wie „Long Way Down“ der härteren Seite des Britpop. Das wird nicht jeden Fan der Band auf Anhieb begeistern – ich zumindest finde die Veränderung erfrischend. Und im zweiten Teil des Albums kommt ja auch der melancholisch veranlagte Träumer auf seine Kosten. Schon „Broken Mirror“ bringt Healys weinerliche Vocals zurück, die von psychedelischen Gitarren perfekt geleitet werden. Und „Last Words“ bietet eine traurige Verstimmtheit, die mit mandolinenartigen Gitarren ungewöhnlich instrumentiert ist. Die melodische Verspieltheit von „The Boy With No Name“ fehlt dabei jedoch völlig.

Die Band hat sich selbst unter Druck gesetzt, die Songs innerhalb von fünf Wochen geschrieben und 16 Tracks in nur 14 Tagen aufgenommen, was teilweise zu Live-Einspielungen führte. Dass dabei eines der besten Alben ihrer 18jährigen Karriere das Licht der Welt erblickte, war nicht unbedingt vorhersehbar, allerdings hilft es manchmal, von der Verkopftheit durchproduzierter Alben wegzukommen und den Blick fürs Wesentliche zurück zu gewinnen. Das Experiment ist geglückt und selbst Travis-Standards wie „Quite Free“ und „Song To Self“ klingen plötzlich erfrischend anders und äußerst kraftvoll. Schön so.

Fans sollten sich von den neuen Klängen nicht abschrecken lassen und dem Longplayer einige Durchläufe gönnen, bevor sich das gewohnt wohlige Gefühl einstellt. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, hat HIER die Gelegenheit, in das Album reinzuhören.

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