The Boy With No Name

Im Jahr 1999 war das erste (und bisher einzige) Mal, dass ich im örtlichen Saturn zum Infostand ging, um einen Titel vorzusingen, den ich gerne erwerben wollte: „Why Does It Always Rain On Me“. Der Verkäufer nickte verständnisvoll. Ja, ich sei nicht der einzige. Travis hieße die Band, von der alle nur diesen Song aus dem Radio kennen. Ah ja, nie gehört, egal. Album blind gekauft und nicht bereut.
Fran Healy hat die Melancholie für sich gepachtet. Das war 1999 so und auch auf dem Nachfolger „The Invisible Band“ mit der eingängigen Single "Sing". Danach habe ich die Truppe aus den Augen verloren und entdeckte sie erst vor wenigen Wochen wieder. „Closer“ – diese weinerliche Stimme gepaart mit einer ebenso weinerlichen Gitarrenlinie, das konnten nur Travis sein.
Gut, zwischen 2001 und 2007 ist auch musikalisch gar nicht so viel passiert. Schlagzeuger Neil Primrose hatte einen schweren Unfall, ist aber zum Glück vollkommen wiederhergestellt. Das Album „12 Memories“ erschien 2003 und ging komplett an mir vorüber. Dann gab es eine lange kreative Pause bis zu „The Boy With No Name“.
Kurz gesagt: das Warten bzw. Wiederentdecken hat sich gelohnt. Die Schotten sind ganz die Alten, immer noch zu viert und erinnern nicht nur auf den Bandfotos an Take That. Im Prinzip waren Travis schon Ende der 90er Jahre da, wo sich die Mannen um Gary Barlow erst in einem mühsamen Prozess hin entwickeln mussten. Britpop vom Feinsten. Aha, da haben wir’s wieder. Der beste Britpop kommt aus Schottland – und allein das ist schon Grund genug, dass sich die Engländer standhaft allen Abspaltungsideen des schottischen Parlaments entgegen stellen sollten.
„The Boy With No Name“ bietet 12 Titel, im Prinzip ohne größere Ausfälle. Ich sag’s mal so: Healys tragische Sangeskunst wird auf Dauer etwas eintönig. Viel Melancholie, mehr Moll als Dur. Damit macht man vor allem Coldplay Konkurrenz. Aber trotzdem hat’s was. Es ist viel Radiotauglichkeit dabei, nicht nur bei der Single „Closer“, auch im vokalistisch starken „Eyes Wide Open“ oder dem Opener „3 Times And You Loose“.
Doch selbst Songs, die eigentlich fröhlich rüberkommen sollen, tun’s einfach nicht. „Selfish Jean“ oder „My Eyes“. Gibt es so was wie melancholische Fröhlichkeit? Wenn nicht, dann hat Healy sie erfunden. Die Musik ist verträumt, nicht besonders phantasievoll oder experimentierfreudig. Das hört sich jetzt nicht gerade begeistert an, aber trotzdem gefällt mir das Album. Wer Travis haben will, bekommt halt Travis.
Zum Anspielen empfehle ich „One Night“ oder das gefühlvolle „Under The Moonlight“. Etwas reinhören muss man sich vor allem in „New Amsterdam“. Das könnte auch als verlorener Beatles-Song aus der psychedelischen Ära durchgehen. Hört rein, dann wisst ihr was ich meine. Und sehr gut kommt dann noch der Hidden Track nach dreiminütiger Pause rüber. Das geniale Zusammenspiel der Gitarren macht ihn glatt zum Höhepunkt des Albums. Eigentlich zu schade, um ihn zu verstecken.
Fazit: Gitarrenpop, Britpop. Es werden keine neuen Welten geschaffen – aber die alten werden solide ausgebaut.