U-Bahn Kontrollöre

Vollgas

Veröffentlicht: 26.10.2007 / BOB Media / ZYX

Von: Andreas Weist

U-Bahn Kontrollöre

Wer bisher glaubte, ein Song wie „Killing In The Name Of“ sei niemals unplugged oder gar a cappella zu interpretieren, darf sich nun eines Besseren belehren lassen. „U-Bahn Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern“ nennen sich die fünf unerschrockenen Helden, die dieses Unterfangen wagen. Ob man's glaubt oder nicht: alles wird nur mit dem Mund produziert. „Hardcore A Cappella“ nennt sich dieser Musikstil, mit dem die Comedians aus Hessen bereits seit 1991 die Republik beglücken.

Sechs Longplayer wurden seitdem unters Volk gebracht, wobei das aktuelle Werk „Vollgas“ das ausgereifteste und professionellste ist. Der Opener und Titelsong klingt noch sehr entspannt – ein wenig nach Hektik im Drogenrausch. Aber schon mit „Kaktus“ legen die Sänger richtig los. Ein Thema, das die Comedian Harmonists schon vor Jahrzehnten berühmt gemacht hat, wird hier in Rammstein-Manier mit genial gekrächzten Vocals dargeboten.

Man muss das eigentlich live erlebt haben. Die Kontrollöre sind so präsent auf der Bühne und energiegeladen, dass sie meist ein tobendes Publikum zurücklassen. Um diese Stimmung einzufangen, werden zusätzlich zu den neuen Studiosongs auch einige Live-Versionen auf CD gepresst.

Neben vielen eigenen Stücken finden sich eine Reihe von Coverversionen. Mein Anspieltipp: Rio Reisers „Junimond“. Das wundervolle, harmonische Arrangement lässt am deutlichsten die stimmliche Vielfalt der Sänger erkennen. Sehr fröhlich klingt Farin Urlaubs „Glücklich“ und zeigt mal wieder, dass sich gerade Songs aus der Ärzte-Ecke immer wieder sehr gut für die vokale Umsetzung eignen.

Natürlich kommt der Humor nicht zu kurz. In „Geiz ist nicht geil“ werden Werbeslogans und die Geizkragenfraktion auf die Schippe genommen, „Ich mag es“ mit dem Zusatz „wenn du stinkst“ ist eine Liebeserklärung der ungewöhnlichen Art. „In der Pubertät“ fordert das Publikum als Mitsingnummer und wird sicher zum Livekracher der Saison werden.

Bei einer Spielzeit von über 60 Minuten sind naturgemäß auch ein paar Ausfälle dabei. „Dann bin ich Yin“ finde ich beispielsweise extrem nervig und der Finger zuckt regelmäßig zur Skip-Taste. Auch „Gänsehaut... (überall)“ kann in seiner melancholischen Aufgesetztheit nicht rundum begeistern. Doch zum Ende hin geht es wieder Schlag auf Schlag für die Spaßfraktion: Das Kinderlied „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“ kommt in einer genialen Reggae-Version. „Hit Radio H.R.R.“ bietet feine Wortakrobatik im Stil einer Radiosendung aus der Zeit des Heiligen Römischen Reichs (wie schon in den vergangenen Veröffentlichungen immer mal wieder dargeboten). Mittelalterlich geht’s dann mit dem „Jobellied“ als Minnegesang weiter, bevor „s’ Röslein“ (das bekannte Röslein auf der Heide) die klassische Chormusik ein wenig auf die Schippe nimmt.

Die Kontrollöre bieten somit einen gesunden Rundumschlag und durchstreifen einige Epochen der Musikgeschichte. „Dieser Tonträger kann bewusstseinserweiternd und lebensverlängernd wirken“, lautet der Warnhinweis auf der Rückseite. Da ist was dran. Als Hidden Track gibt es noch eine kleine aber feine Reinhard Mey-Parodie. Meine Empfehlung für alle Freunde guter a cappella Musik und feinsinnigen Humors.

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