O Brother Where Art Thou (2 CD, 10th Anniversary Deluxe Edition)

Mein Lateinlehrer war fest davon überzeugt, dass sich ein gebildeter Mitteleuropäer mit drei Dingen auskennen muss: Latein, Griechisch und Skat. Punkt 1 und 3 konnte ich zum Glück erfüllen, nur mit Punkt 2 hat es ordentlich gehapert. Trotzdem scheute der gute Mann keine Mühen, uns zumindest mit einem rudimentären Grundwissen diesbezüglich auszustatten und dazu gehörten: Gustav Schwabs "Die schönsten Sagen des klassischen Altertums". Ob ich also wollte oder nicht – Prometheus, Herakles und vor allem Odysseus wurden zum Begriff und haben sich tief im Gedächtnis eingebrannt.
Wäre mir sicher leichter gefallen, wenn es damals schon die Möglichkeit der Rezeption einer modernisierten Neufassung gegeben hätte. Immerhin zwei sind mir inzwischen gut bekannt: Der Roman "Ulysses" von James Joyce, der schon 1922 erschien und die Odyssee in die Stadt Dublin verlegte. Und – jetzt kommt’s – der Film "O Brother, Where Are Thou?" der Coen-Brüder aus dem Jahr 2000 mit George Clooney in seiner vielleicht seltsamsten Rolle. Wer dieses Meisterwerk noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen. Hier beginnt die Odyssee mit der Flucht dreier Sträflinge aus einem Gefängnis in Mississippi und sie begegnen auf ihrer Reise den Sirenen, dem Zyklopen und anderen Sagengestalten in sehr zeitgenössischer Art und Weise.
Neben den beeindruckenden Bildern ist vor allem der Soundtrack ein wichtiger Bestandteil des Films und es ist ein feiner Zug von Universal, diesen in einer "10th Anniversary Deluxe Edition" erneut auf den Markt zu bringen. Wann gibt es das schon einmal bei einem Soundtrack?
Wer Film und Handlung kennt, weiß, dass der Staat Mississippi, seine Geschichte und die afrikanischen Wurzeln der Sklavengesellschaft eine wichtige Rolle spielen. Der Soundtrack greift diese Atmosphäre auf und vermischt Spirituals mit Blues-Klängen und Countrymusik. Das Spiel mit Stimme und Stimmungen ist ebenso elementar wie die allgegenwärtige Bluegrass-Mandoline. Drei Grammys gab es für diesen Ausnahme-Soundtrack, der nicht nur die Handlung untermalt, sondern sie in weiten Teilen mitträgt.
Unter den Mitwirkenden findet sich die Crème de la Crème der Szene, beispielsweise Emmylou Harris, Gillian Welch und natürlich Alison Krauss. Ihre Version von "Down To The River To Pray" verursacht reine Gänsehaut. Die Aufnahmen sind recht modern gehalten und zum größten Teil in der Neuzeit angesiedelt, dennoch fangen sie das Flair und die Atmosphäre der Filmhandlung gut ein.
Zum Jubiläum gibt es nun eine Bonus-CD mit 14 raren und unveröffentlichten Tracks. Die meisten dieser Songs wurden im Rahmen der Sessions für den Film aufgenommen, schafften es aber letztlich nicht in den Score. Eine Schande, doch die Möglichkeiten der Produktion sind selbst bei den Coens begrenzt. So dürfen wir uns heute auf Unerhörtes von John Hartford, Norman Blake und der Cox Family freuen. Ein würdiges Package, das man hier geschnürt hat. Edel im Digipack mit einem dicken Booklet voller Infos zu Film, Musik und Zeitgeschichte.