Wir sind Helden

Soundso

Veröffentlicht: 25.05.2007 / Labels / EMI

Von: Andreas Weist

Wir sind Helden

Das dritte Album einer Ausnahmeband. Wird sich jetzt die Spreu vom Weizen trennen? Im Sommer 2006 zog man sich zurück, um das Bandbaby auf die Welt zu bringen, den Tourbus kindgerecht umzubauen und in den Schreipausen ein neues Album aufzunehmen. Herausgekommen ist ihr bisher bestes und innovativstes Werk. Klar, sie haben sich nicht neu erfunden... eher haben sie die deutsche Rockmusik neu erfunden. Aber ich nenne es jetzt mit berechnender Absicht nicht NDW - das würde dann doch zu viele Klischees erfüllen.

Der Opener "Ode (An die Arbeit)" bringt schon mal das, was keiner erwartet hat. Nämlich lupenreinen Sprechgesang, ein wenig rhythmisch unterlegt und mit allerlei Wortspielen versehen. Das Ganze ist ungewöhnlich, aber recht lustig. Keineswegs eingängig, aber lehrreich. Andere hätten einen solchen Song vielleicht in die Bonustracks verbannt oder ihn als Hidden Track ins Abseits gestellt. Die Helden machen ihn zum Opener - und das verdient Respekt.

Es folgt "Die Konkurrenz". Jetzt doch ein typischer NDW-Song, allerdings mit einem interessanten Bläsersound unterlegt. Judith Holofernes ist als Frontfrau eine Klasse für sich. Die Stimme nimmt mich immer wieder gefangen. Aber zur Thematik? Arbeit und Konkurrenz in zwei Songs - also eine Rückkehr zur linken Kapitalismuskritik?

Der Titeltrack "Soundso" belehrt eines besseren. Die Helden sprechen von der Konstruktion von Identät. Im Klartext: Du bist in Wirklichkeit nicht so, wie die anderen dich bezeichnen. Der Song beginnt ungewöhnlich rockig - mit einem Gitarrensolo, das dann aber viel zu kurz gerät, um als Solo durchzugehen. Wenigstens begleitet uns der Riff durch das ganze Stück, das immer mehr an Intensität gewinnt. Judith begleitet sich selbst polyphon im Background. Geiler Song, geiler Text - aber irgendwie hatte ich die unplugged Version noch genialer in Erinnerung.

"Für nichts garantieren" ist ein schöner, fein arrangierter Popsong. Übrigens im Duett vorgetragen - und ich habe noch nicht herausgefunden, wer den männlichen Part übernimmt. Gemessen an den bekannten Swing-Qualitäten dürfte es eigentlich keiner aus der Band sein...

Der nächste Titel "Kaputt" wird getragen von einer U2geeigneten Songlinie, aber ganz dominiert von Judiths Stimme. Überhaupt verstehen die Helden meisterlich den Spagat zwischen guter Instrumentierung und den Vocals, die sich oft in heiseren Tiefenlagen verlieren oder in der Höhe knapp übers Ziel hinausschießen, aber nie zu sehr überlagert werden.

"Labyrinth" ist schöner Gitarrenrock. Mehr fällt mir dazu noch nicht ein. Ein typischer Helden-Lovesong, dem man erst einige Durchläufe gönnen muss. Was sagt der Begleittext? Es geht um Gartenbau. Ah ja. Wo wir gerade beim Verwirren sind: Die Helden haben ja schon in diversen Interviews damit gespielt, dass diesmal ein englischsprachiger Song den Sprung aufs Album geschafft habe. Schock! Die Vorzeigeband des Deutschrock und englisch? Nun ja, es ist nur eine Zeile. Aber so kommt man in die Schlagzeilen. "The Geek (Shall Inherit)", übersetzt: der Streber, und die Textzeile: wir sollen erben. In der Schulzeit werden die Sportler noch Oberwasser haben, aber später werden die Denker besser abschneiden. Oder so. Wie auch immer. Zur Zeit mein Favorit auf dem Album. Ein fröhlicher Song, der in den Instrumenten an New Model Army erinnert und mich immer neu mitreißt. Ich freue mich schon auf die Live-Umsetzung.

"Panik" überspringe ich. Dazu ist genug gesagt. Aber "Der Krieg kommt schneller zurück, als du denkst". Aha, ich habe ein System entdeckt. Mit "Endlich ein Grund zur Panik" wurde der zweite NDW-Part eingeläutet und jetzt kehren wir wieder zurück zur Systemkritik. Denkste. Dann entwickelt sich "Krieg" zum klassischen Rocksong mit harter Gitarre. Cool.

Auf den Fuß folgt "Hände hoch", die nächste typische Helden-Ballade, der man zunächst Eingängigkeit unterstellen möchte, bis man die komplexe Instrumentierung erfasst. "Stiller" ist ein sehr nachdenklicher Song, der (vermute ich mal) mit einem Max Frisch-Zitat beginnt und dessen Geschichte eines Menschen nacherzählt, der für den Menschen Stiller gehalten wird. "Ich bin nicht Stiller". Damit wird für mich die Brücke geschlagen zum Titel "Soundso" und der Zuschreibung von Identität. Ein cleverer Schachzug.

"Lass uns verschwinden" wird auch live der ideale Schluss-Song sein. Ich sehe schon vor mir, wie ein Bandmitglied nach dem anderen die Bühne verlässt bis Judith allein im Scheinwerferlicht steht.

Fazit: Ein typisches Helden-Album, weil es wieder ganz anders ist. Vielleicht werden die Deutschrock-Puristen etwas enttäuscht oder irritiert sein. Das Album ist alles andere als homogen - und die Texte sind auch beim dritten Anhören nicht leicht zu erfassen. Aber Judiths Stimme hält alles zusammen. Einfach göttlich. Bevor ich aus dem Schwärmen nicht mehr rauskomme: volle 9 Punkte.

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