Erdling

Es gibt Künstler, gerade im deutschsprachigen Rock-Bereich, die sich ihre Credits hart erarbeitet, ja teilweise erkämpft haben und sich um fast jedes Detail in ihrem "Ding" selbst kümmern. Meist beginnt die Geschichte mit einer ersten Duftmarke in Form des Debütalbums. Dann kommt irgendwann das zweite Album und es entscheidet sich, ob der Act die Leiter wieder ein Stück weiter hinaufklettern darf oder eben nicht. Im Falle von Daniel Wirtz hieß das erste (und noch dazu überzeugende) Statement "11 Zeugen" und erschien Anfang des vergangenen Jahres. Jetzt folgt mit "Erdling" sein zweiter Streich.
Die Verkaufszahlen von "11 Zeugen" entwickelten sich erstaunlich gut und Wirtz konnte sich damit bereits eine beachtliche Fanbase aufbauen. Auftritte beim letztjährigen Rock am Ring- und Rock im Park-Festival sowie ein zweiter Platz beim renommierten LEA (Live Entertainment Award 2009) in der Kategorie "Club-Künstler des Jahres" (Publikumspreis) waren der verdiente Lohn. Kein Wunder also, dass für die November-Tour (alle Termine findet ihr am Ende dieses Reviews) die Venue-Kapazitäten erhöht und die Daten erweitert wurden. Ich hatte das grosse Vergnügen Daniel Wirtz schon zweimal interviewen zu dürfen (davon allerdings einmal eher unbeabsichtigt, wie ihr hier nachlesen könnt) und habe ihn dabei als authentischen und grundehrlichen Typen kennengelernt. Und genauso ist auch seine Musik, aber vor allem seine Texte. Man merkt, dass er sein eigenes Werk mit jeder Menge Herzblut betreibt. In seinen Songs geht es darum eine Haltung zu haben und zu dem zu stehen was man denkt, wie man lebt, wie man sein oder was man tun will. Leider haben ihn die einschlägigen Medien bisher noch nicht so auf dem Zettel, wie es angemessen wäre. Doch spätestens mit "Erdling" wird sich das ändern, da bin ich sicher.
Zusammen mit seinem kongenialen Partner und Produzenten Matthias Hoffmann und seiner Band hat Daniel Wirtz darauf 15 Songs (inklusive zweier Bonus Tracks) verewigt, die den Frankfurter deutlich gereift zeigen, aber auch all das bieten, was uns schon auf "11 Zeugen" begeistert hat: Abwechslungsreicher, erdiger Alternative Rock irgendwo im Spannungsfeld zwischen Soundgarden und den Foo Fighters mit Texten, die schonungsloser kaum sein könnten. Im Opener "Im freien Fall" beschreibt er sein Selbstverständnis so: "Ein Jahr zog ins Land, ich weiss ne Weile her / 11 Zeugen wurden benannt, jetzt ist die Zeit für mehr / Träume, Liebe, Wahrheit und Schmerz, mal freundlich, mal im Zorn / unprätentiös und direkt, Wirtz in reinster Form". In "L.M.A.A." nimmt er ignorante Musikjournalisten aufs Korn und bei "Overkill" geißelt er die Verblödungsmaschinerie der Castingshows. "Anderer Stern" handelt von einer zerbrochenen Beziehung, "Lass mich los" davon, dass man aus einer solchen nicht rauskommt. Den Irrsinn dieser Welt beschreibt Wirtz in "Meilenweit" und erinnert mit "Frei" an die Überflussgesellschaft, in der wir leben und die wir doch so oft einfach als selbstverständlich betrachten. Jeder von uns wird sich in diesen oder anderen seiner Songs wiederfinden, die ihren besonderen Reiz auch aus der emotional starken gesanglichen Leistung von Daniel Wirtz ziehen.
Und "Erdling" rockt! Vollfette Gitarren wie in "Geschichten ohne Sieger", die auch mal klingen wie Kreissägen ("Kugel Kopf & Eins im Sinn"), wechseln sich ab mit nachdenklichen Momenten wie den wunderbaren Balladen "Scherben" oder "Nada Brahma", übrigens eine indische Meditationsform, die davon ausgeht, dass die Welt (Brahma) aus Klang (Nada) besteht. "Meinen Namen" ist ein atemloser Stampfer und "L.M.A.A." fast schon Punk. 15 Hymnen auf das Leben! Wären seine Texte auf Englisch, würde Daniel Wirtz wahrscheinlich schon längst in einer Liga mit all den grossartigen Grunge-Bands wie Alice In Chains oder Pearl Jam spielen, die Anfang der 90er Jahre für Furore sorgten und dies glücklicherweise neuerdings wieder tun. Aber dann würde uns wohl auch einiges entgehen. Abgerundet wird das sehr schicke Digipack von einem Booklet, das nicht nur alle Texte, sondern insbesondere noch ein überaus geschmackvolles Artwork enthält.
Was Wirtz mit "11 Zeugen" versprochen hat, löst er mit "Erdling" ein. Eine Stunde Musik, die vom Hirn direkt ins Herz geht und für die es an dieser Stelle nur die Höchstwertung geben kann! Daniel Wirtz ist mit Sicherheit einer der vielversprechendsten deutschen Rockstars, die sich momentan in diesem Metier tummeln. Und es wird höchste Zeit, dass er über den Status eines Geheimtipps hinauskommt und sein riesengrosses Potential endlich in der breiten Öffentlichkeit ankommt. Wer von euch also die Gelegenheit hat, sollte unbedingt eines der folgenden Konzerte seiner anstehenden Tour besuchen:
08.11.2009 - Ludwigsburg, Rockfabrik
09.11.2009 - Ludwigshafen, dasHaus
11.11.2009 - Hamburg, Übel & Gefährlich
12.11.2009 - Lübeck, Rider’s Cafe
14.11.2009 - Berlin, Columbia Club
15.11.2009 - Leipzig, Moritzbastei
17.11.2009 - München, Backstage
18.11.2009 - Nürnberg, Hirsch
20.11.2009 - Augsburg, Kantine
21.11.2009 - Dresden, Beatpol
23.11.2009 - Frankfurt, Batschkapp
24.11.2009 - Köln, Stollwerck
25.11.2009 - Bochum, Matrix
27.11.2009 - Bielefeld, Kamp
28.11.2009 - Ahlen, Schuhfabrik
29.11.2009 - Hannover, MusikZentrum
01.12.2009 - Losheim, Eisenbahnhalle
Und da ich persönlich mich davon nicht angesprochen fühle, gibt es hier als kleinen Vorgeschmack noch das Video zu "L.M.A.A." für euch: