Xavier Naidoo

Alles kann besser werden (3 CD)

Veröffentlicht: 09.10.2009 / naidoo records / tonpool

Von: Andreas Weist

Xavier Naidoo

Wenn es den Begriff des Tausendsassas noch nicht gäbe – für Xavier Naidoo müsste er neu erfunden werden. Allein in den letzten Jahren gab es das gemeinsame Projekt mit den Söhnen "Wettsingen in Schwetzingen", das lang erwartete dritte Söhne-Album "Iz On" und diverse Projektaktivitäten. Ich erinnere nur an die Kollaborationen mit Curse, Rhythms del Mundo, Jazzkantine, Joana Zimmer, K-Rings, Schiller und Tony Marshall (!) – alles in 2008 – und an die Produktion des kompletten Vicky Leandros-Albums sowie die Zusammenarbeit mit Silbermond und Cassandra Steen in 2009. Trotz dieser Omnipräsenz bleibt auch noch Zeit für das vierte Soloalbum. Und das ist keineswegs nur so dahingestruddelt. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: 3 Silberlinge mit insgesamt 35 neuen Songs und gut 150 Minuten musikalischer Gesamtlänge.

Thematisch verfolgen die drei Discs unterschiedliche Konzepte. Der Meister selbst sagt zur Idee, es folge sozusagen einer Bierbestellung: "zwei Helle und ein Dunkles". Dabei verfolgt die erste CD den Leitfaden Hoffnung, die zweite das Thema Trauer und die dritte CD braucht Naidoo zum Ausleben seiner Wut. Dabei ist die Stimmung durchgehend recht beschaulich und auch die aggressiven Töne im dritten Part werden recht leise angeschlagen.

Betrachten wir also den Doppelschlag "hell" als Einheit – textlich angesiedelt zwischen Protest und Optimismus. Im Grundprinzip handelt es sich wie gewohnt um melodisch arrangierte Popsongs mit elektronischem Beat. Der Titeltrack "Alles kann besser werden" fällt in diese Rubrik und bietet Duettpartnerin Janet Grogan eine Bühne. Doch schon bei "Mut zur Veränderung" kommen Piano und Streicher mit ins Spiel. Das Filmorchester Babelsberg hat deutlich seine Spuren hinterlassen. Der Schlussteil des Songs wird von einem ausdrucksstarken Rap-Part beherrscht. Naidoo gibt sich wie immer sehr engagiert und richtet Appelle an die Zuhörer. Dabei bleiben die Texte stets lyrisch, lassen sich häufig auch als Gedichte lesen und beweisen die poetische Ader des Songwriters.

"Der Kreis" ist beispielsweise sehr melancholisch und wird orchestral interpretiert. Beim Liebeslied "Ich brauche dich" darf Olli Banjo als Gast mit rappen. Häufiger werden Songs jetzt halb deutsch und halb englisch eingesungen – ein Novum in der Diskographie des Mannheimers (mal abgesehen von seinem in der Regel verschwiegenen Debüt). "Shine Like A Star" lebt auf dieser Schiene, aber auch der Titel "Wild vor Wut", bei dem die A-cappella-Heroen Naturally 7 mit am Start sind. Eindeutig mein Anspieltipp auf dieser Scheibe. "Königin" und "Sie kommt zurück" sind wiederum typische Titel, wie sie aus der Zusammenarbeit Naidoos mit Michael Herberger entstehen. Da ist der Wiedererkennungswert gegenüber den vorherigen Alben riesengroß.

48 Minuten sind vorüber – das zweite Helle braucht 47 Minuten. Wieder geht es zweisprachig los, diesmal bei "In Too Deep" mit Unterstützung der Söhne themselves. "Was hab ich falsch gemacht" überrascht dann durch ein sehr vertracktes, filigranes Arrangement mit unzähligen musikalischen Elementen. Das Thema Gott bleibt diesmal ziemlich außen vor und wird (wenn überhaupt) nur subtil verwendet. Diesmal geht die Ansprache an andere Größen, beispielsweise Mozart, dessen "Lied der Freundlichkeit", gesungen von Diana Tomsche, das epische Stück "Ich warte bis du kommst" einleitet, das als imaginärer Brief an Mozart eine spannende Hommage an den Künstler darstellt.

Ansatzweise politisch klingt "Europa" mit textlichen Überlegungen zum Kontinent und der europäischen Vision, die Naidoo gefährdet glaubt. Zum Schluss ist wieder Balladenzeit angesagt und es gibt mit "Halte durch", "Befreit" und dem mit akustischen Gitarrenklängen versehenen "Ich kann nicht weinen" einige Songs, die jeden Fan betören werden. 95 Minuten Xavier sind allerdings viel Stoff und selbst intelligente Lyrics und unzählige Variationen im musikalischen Stil können über einige Längen nicht hinweg täuschen. Hoffnung und Trauer lassen halt nur leise Töne zu – und Naidoos Stimme, so genial und prägnant sie auch ist, variiert in diese Stimmungslage nicht besonders. Ob sich das auf Disc 3 ändert?

Kurz gesagt: Kaum. Ein Intro im Sprechgesang bildet die Einleitung zur dunklen Seite. Naidoo verwendet dafür eine recht pathetische Ansprache, fast als Entschuldigung für die kommenden Texte, die dann aber doch nicht so skandalös und kontrovers daherkommen, wie man erwarten dürfte.

Die Grundstimmung bleibt ruhig und getragen – wenn auch etwas düsterer. Das "Söldnerlied" ist ein ironischer Antikriegssong, während "Sie verdienen einen besonderen Schutz" als Lied gegen Kindesmissbrauch trotz seiner wütenden Lyrics mit sanften Tönen erklingt. "Raus aus dem Reichstag" ist ein ziemlich bemühter Protestsong gegen die herrschende politische Klasse – eigentlich voller Klischees. Frau Merkel wird die Drohung "und wenn ich euch da raus klag" sicher schlaflose Nächte bereiten, denn natürlich ist die diktatorisch regierende CDU an allem schuld. Gähn. Textlich erkenne ich seltsam anmutende Worte aus dem Mund des Sängers, der selbst bisher das "C" wie einen Schutzschild vor sich her trug.

Auch "Verschieden" ist eine Anklage gegen das gegenwärtige Finanzsystem mit der Suche nach Schuldigen – und es hört sich einfach nicht authentisch an aus dem Mund des Künstlers, dessen Fuhrpark bildgewaltig durch die Boulevardpresse geistert. "Goldwaagen / Goldwagen" vereint schließlich Verschwörungstheorien aus aller Welt von christlichem Fanatismus über Kohl und BASF (das ultimative Feindbild jedes Mannheimers) bis hin zu Al Qaida und CIA. Es scheint, als sei die bisherige christliche Attitüde in Naidoos Songs einer Form von politischer Paranoia gewichen. Verstärkt wird dies noch durch "Ruth Maude", das einen Rufmord an Politikern aller Colour darstellen soll. Warum gerade in diesem Fall der Text nicht im Booklet vertreten ist, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Für die "hellen" Discs gibt es eine klare 9-Sterne-Wertung. "dunkHell" lässt mich aber mit gemischten Gefühlen zurück. Das war sicher die Absicht – doch was steckt wirklich drin? Klischees, politische Plattitüden, Allgemeinplätze. Die Wehleidigkeit in Songs wie "Seltsamer Junge" und "Long And Winding Road" geht mir schon ziemlich auf den Senkel. Alles in allem zeigt Xavier Naidoo aber, dass er es immer noch drauf hat und ich freu mich schon wie Bolle auf die Doppelkonzerte in Mannheim.

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