2Raumwohnung

36 Grad live

Veröffentlicht: 26.10.2007 / EMI / Labels

Von: Andreas Weist

2Raumwohnung

Inga Humpe hat eine vielschichtige musikalische Karriere hinter sich, von der andere nur träumen können. Von ihrer Zeit mit den Neonbabies bis hin zur gemeinsamen Arbeit mit Schwester Annette bei den 80er-Helden Ideal oder Humpe & Humpe, zwischendurch als Teil von DÖF (und ich stehe dazu: „Codo“ war die erste Single in meiner Plattensammlung). Später dann als Backgroundsängerin bei Stephan Remmler oder Marc Almond und seit 2000 mit Lebenspartner Tommi Eckart im Projekt 2raumwohnung.

Eigentlich sollten die Namen der beiden Protagonisten geheim bleiben, als man im Jahr 2000 den musikalischen Auftrag für eine Zigarettenwerbung annahm, doch der Erfolg führte das Duo zum mittlerweile vierten Album und machte sie zur festen Größe in der Berliner Pop- und Dance-Szene.

Was Inga und Tommi mit ihrer sechsköpfigen Begleitband auf die Bühne bringen, ist nur noch in Ansätzen der Synthie-Sound der Anfangstage. Was Eckart zunächst am DJ-Pult verarbeitete, kommt nun auf traditionelle Art von Piano, Schlagzeug und Gitarren. Das klingt häufig immer noch synthetisch, poppig und an der Neuen Deutschen Welle angelehnt – bekommt aber deutlich mehr Pep.

Was meine Augen direkt empfindlich stört, sind die unruhige Kameraführung und die schnellen Bildschnitte. Da wollten die Leute im Hintergrund zeigen, wie viel Arbeit sie haben, übertrieben es aber mal wieder maßlos. Eine schlechte Angewohnheit der Postproduktion, der man leider immer häufiger begegnet.

Der Sound ist glasklar und kommt auch in Dolby Surround sehr gut rüber. Die DVD gibt die Stimmung des Konzerts perfekt wieder. Der kleine Sommerhit „36 Grad“ kommt schon früh im Set – an dritter Stelle. Für mich ein positives Zeichen, dass man nicht vorhat, sich auf dem Erfolg einer Single auszuruhen. Ingas Stimme klingt sehr sanft und einschmeichelnd, wird aber auf Dauer etwas monoton. Schade, dass sie die Extreme nicht stärker austestet.

Die Einbeziehung des Publikums ist famos. Zu „Ich und Elaine“ dürfen ausgewählte Zuschauer die Bühne stürmen und das Tanzbein schwingen, vor „Freie Liebe“ wird doch glatt die Miss Freie Liebe gewählt, die während des Songs hemmungslos den Schlagzeuger knutschen darf und davon auch ausgiebig Gebrauch macht. So wird ein Konzert zum Event.

Häufig sind die Songs seicht und melancholisch wie „la la la“ oder die schön eingesungene Ballade „2 von Millionen von Sternen“ im akustischen Gewand, dann überwiegt wieder der Discosound der 70er, den 2raumwohnung konsequent beherrschen. Die Gute-Laune-Hits wie „36 Grad“ oder der neue Chartbreaker „Besser geht’s nicht“ sind in der Unterzahl. Meist dominiert ein groovender elektrischer Sound, wie z.B. „ja“.

Besonders deutlich wird dies bei „Wir trafen uns in einem Garten“, das zuerst als typische Discobeat-Version interpretiert wird, im Zugabenteil aber als Reprise aus handgemachter Musik zurückkommt. Sehr schöner Kontrast. Mein Highlight ist der Abschluss des Konzerts: das akustisch vorgetragene „Lotus“ mit Verstärkung der Instrumentalsektion durch eine indische Sitar.

Im Bonusbereich lässt man sich nicht lumpen. Die beiden aktuellen Videos stehen neben fünf sogenannten „Musikfilmen“ (ein sehr aus der Mode gekommenes Wort), die das gesungene Wort visuell untermalen, sei es durch Aufnahmen im Super-8-Stil oder durch computergenerierte Bilder. Nette Idee. Zum Vergleich des Werdegangs folgen dann noch drei ältere Live-Aufnahmen aus 2003 und 2005.

Manchmal fragt man sich, warum ein bestimmter Sound zu einer Region oder einer Stadt passt. Ich kann den Grund nicht nennen, aber 2raumwohnung sind der perfekte Soundtrack für Berlin. Und das Konzert vom 29.03.2007 in der Columbiahalle ist ein Beweis für diese Symbiose.
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