Let There Be Rock

Als Bon Scott am 9. Dezember 1979 die Bühne des Pavillon de Paris verließ, ahnte niemand, dass er gut zwei Monate später tot sein würde. An diesem Tag hatten AC/DC wegen der enormen Kartennachfrage sogar zwei Konzerte in der französischen Hauptstadt gegeben. Eines am Nachmittag und eines am Abend, vor jeweils 7.000 Fans. Die Evening Show wurde von den beiden Filmemachern Eric Dionysius und Eric Mistler aufgezeichnet. Es sollte das letzte gefilmte Konzert von AC/DC mit Bon Scott sein. Die "Highway To Hell"-Tour ging nach diesem Termin noch etwa sechs Wochen weiter und endete am 27. Januar 1980 im englischen Southampton. 23 Tage später starb Ronald Belford "Bon" Scott in London an einer Alkoholvergiftung, so zumindest die offizielle Todesursache. Anfang der 80er Jahre kam der Konzertfilm aus Paris unter dem Titel "Let There Be Rock" weltweit in die Kinos und wurde bei den AC/DC-Fans schnell zum Kultobjekt. Bisher gab es ihn lediglich auf VHS und einer Bootleg-DVD von 2007, jedoch nur in entsprechend bescheidener Qualität. Das hat nun ein Ende.
Zum 30. Jahrestag des Kinostarts veröffentlicht Warner Home Video "Let There Be Rock" jetzt auf DVD und Blu-ray. Selbstverständlich perfekt remastered. Die Tonkonserve des Pariser Konzertes erschien bereits 1997 in der "Bonfire"-CD-Box und zwar vollständig. Denn dem Film von Dionysius und Mistler fehlt ein Song: "T.N.T.", welcher als erste Zugabe gespielt wurde. Auch von "Walk All Over You" gibt es keine Live-Bilder. Stattdessen sieht man Phil Rudd und Cliff Williams bei einem Wettrennen Porsche gegen Doppeldecker-Flugzeug und Bon Scott, wie er auf einem zugefrorenen See herumalbert. Diese Szenen wurden in Versailles und auf einem Flugplatz in La Ferté Alais in der Nähe von Paris gedreht. Dem Vernehmen nach haben Dionysius und Mistler damals etwa 11 Stunden Material von AC/DC gesammelt, aus denen dann der 95 Minuten lange Film entstand. Und so sehr sich die Fangemeinde wohl über die qualitativ hochwertige Veröffentlichung freut, so gross dürfte andererseits die Enttäuschung sein, dass sich auf der DVD keinerlei bisher unveröffentlichte Aufnahmen wiederfinden.
Der Haken an der (zweifellos trotzdem) guten Sache ist nämlich, dass es von Seiten der Band offensichtlich keine Beteiligung an dem aktuellen Projekt gab und das nicht verwendete Material demzufolge weiter unter Verschluß bleibt. Aber das macht die Wiederveröffentlichung von "Let There Be Rock" nicht weniger sehenswert. 1974 stieß Bon Scott als Sänger zu AC/DC. Mit seiner extravaganten Ausstrahlung zwischen Sexappeal und wüstem Charme passte der gebürtige Schotte zu dem australischen Quartett wie die Faust aufs Auge. Besonders live verlieh er dem Riff-Rock von AC/DC zusammen mit Angus Young ein Gesicht. So auch 1979 in Paris. "Let There Be Rock" beginnt mit den Aufbauarbeiten für das Konzert. Zu jener Zeit waren AC/DC mit 2 Trucks und 2 Bussen unterwegs. Zum Vergleich: Bei ihrer letzten "Black Ice"-Tour zwischen 2008 und 2010 bestand die Karawane aus 26 Trucks und 6 Bussen. Man sieht die Band backstage, Bon Scott beim fröhlichen Fotoshooting und Angus Young, wie er auf einer Gitarre herumklimpert. Diese Szene wurde allerdings schon drei Tage zuvor in Metz aufgezeichnet. Die Band wirkt entspannt, als sie auf die Bühne geht.
Hier rocken sich AC/DC wie gewohnt die Seele aus dem Leib. Gitarren-Derwisch Angus nimmt während "Rocker" sogar einige tiefe Züge aus der Sauerstoffmaske, was angesichts zweier schweißtreibender Shows an einem Tag nicht verwundert. Ob beim "Angus-Walk", einhändig oder wie ein Käfer auf dem Rücken liegend: Der Mann scheint mit seinem Instrument verwachsen. Als er bei "Whole Lotta Rosie" die Gitarre wechseln muss, versucht ein Roadie verzweifelt, ihm den Gitarrengurt anzulegen, während Angus schon wieder weiterspielt. Natürlich fehlt auch sein berühmter Strip nicht ("Bad Boy Boogie"). Im Gegensatz zu heute zeigt er den Franzosen sein nacktes Hinterteil, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Ansonsten hat sich zwischen 1979 und 2011 nicht viel verändert: Malcolm Young und Cliff Williams stehen stoisch links und rechts von Phil Rudds Schlagzeugpodest, während Bon Scott und Angus Young der Menge mit "Shot Down In Flames", "Highway To Hell" oder "High Voltage" einheizen. Der Höhepunkt der Show ist sicherlich, als sich Angus auf den Schultern eines Crewmitglieds ein Stück weit in den Innenraum tragen lässt. Dass dabei sein Gitarrenkabel nicht reißt, ist ein Wunder. Wieder zurück auf der Bühne nimmt ihn Bon Scott Huckepack. Die Fans stehen bis dicht an den Rand der Bühne gedrängt. Es gibt zwar Absperrgitter, aber keinerlei (sichtbare) Security, wobei auch so alles vergleichsweise gesittet zugeht. Trotzdem wird die besondere Magie zwischen Band und Fans an diesem Abend deutlich, auch wenn es nur sehr wenige Schwenks ins Publikum gibt.
Das liegt zum einen am Einsatz eines Kamerakrans, zum anderen daran, dass Dionysius und Mistler verschiedene Einstellungen in Zeitlupe gefilmt haben, was dem Ganzen nochmals eine spezielle Intensität verleiht. Der Vorspann von "Let There Be Rock" hingegen hinterlässt eher den Eindruck, als habe sich ein Achtjähriger an Powerpoint versucht. Aber so war das eben in den frühen Achtzigern. Abgerundet wird der Film von Interviewsequenzen mit allen fünf Bandmitgliedern, in denen sich AC/DC überwiegend selbst beweihräuchern, von Angus beim Zeichnen eines Teufelchens in Schuluniform und einem Besuch in den Champagnerkellereien von Reims.
Weil die DVD nur in einer äußerst spartanischen Ausstattung und ohne Booklet daherkommt, gibt es insgesamt einen leichten Punktabzug. Dass der Inhalt jedoch endlich auf ein dem Stand der Technik angemessenes Level gehievt wurde, war nicht nur längst überfällig, sondern ist auch in höchstem Maße erfreulich. Wir raten allerdings eher zum Kauf der "Collector`s Edition", die uns zwar leider nicht vorliegt, "Let There Be Rock" aber in einer edlen Metallbox präsentiert, inklusive eines 32-seitigen Softcover-Buches, eines Gitarren-Plektrums und zehn Sammelkarten. Preislich liegt die exklusiv über Amazon vertriebene Box auch nur fünf Euro über dem der Einfach-DVD. In "Ride On" singt Bon Scott: "Ride on, got myself a one-way ticket / Ride on / Ride on, going the wrong way / Ride on, gonna change my evil ways / Ride on, one of these days / One of these days"... Er hat es leider nicht mehr geschafft.