Live At River Plate

Anfang Dezember 2009 machte der AC/DC-Tross Halt in Argentinien. Im Rahmen der "Black Ice"-Worldtour standen drei Konzerte in Buenos Aires auf dem Programm. Bei dem, was sich dabei im River Plate Stadion abspielte, dürfte selbst eine Band wie AC/DC, deren Konzerthistorie ja nicht gerade arm an Höhepunkten ist, noch feuchte Augen bekommen haben. Ich habe das Quintett auf besagter Tour selbst zweimal live gesehen, aber im Vergleich zu den Argentiniern sind wir Europäer ein besseres Operettenpublikum. Die 200.000 Tickets für den Dreierpack waren in Rekordzeit ausverkauft. Kein Wunder, beendeten AC/DC damit zugleich eine dreizehn Jahre andauernde Konzertpause in der argentinischen Hauptstadt.
Unter der Regie von David Mallet wurden alle drei Konzerte mitgeschnitten. Mallet und Produzent Rocky Oldham setzten dafür 32 HD-Kameras in Bewegung. Das Ergebnis heisst "Live At River Plate" und erscheint nun auf DVD und BluRay (sowie in einer Limited Collector`s Edition) plus Bonusmaterial. Das Konzert folgt dem üblichen Fahrplan. Es beginnt mit der knapp dreiminütigen Zeichentrickanimation von Murray John, die alle Shows einläutete (und die als Bonus auch nochmal separat auf der DVD zu finden ist). Anschließend hauen AC/DC 19 Klassiker raus, deren Auswahl sie im Verlaufe der Tour nur selten variierten. Was die Show(s) jedoch erst zu einem wahren Spektakel werden lässt, sind die Fans!
Vom ersten Ton an besteht das komplette Stadion aus einer riesigen, ekstatischen Masse Menschen. Und in dem ganzen Chaos gibt es tatsächlich noch Getränkeverkäufer, die mit ihren Bechertabletts unfallfrei durch die Menge jonglieren. Was um sie herum abgeht, ist der helle Wahnsinn. 70.000 Leute, die im Kollektiv tanzen, springen, singen, die Fäuste recken oder sich wellenförmig von links nach rechts und wieder zurück bewegen. Dank der eingesetzten Splitscreen-Technik hat man dabei häufig gleichzeitig die Band und die Fans im Blick, deren Glücksseligkeit sogar auf dem heimischen Sofa zwischen Gemütlichkeit, Chips und Bier ansteckend wirkt. Ich muss mich einige Male zurückhalten, um nicht durchs Wohnzimmer zu hüpfen und "Angus" zu brüllen. David Mallet hat diese einzigartige Gänsehautstimmung in grossartigen Bildern eingefangen und spart nicht mit Schwenks in das pausenlos feiernde Publikum. Ein Hingucker sind übrigens auch die überaus hübschen weiblichen Fans.
Auf der überdimensionalen Bühne, deren Aufbau drei Tage lang dauerte, sind Angus Young und Brian Johnson die Hauptprotagonisten. Besonders Angus ist ein Tier an der Gitarre, was er vor allem bei "Let There Be Rock" unter Beweis stellt, indem er aus dem Stück eine fulminante One-Man-Show macht, inklusive Hebekran und explodierender Konfettifontänen. Der obligatorische Strip während "The Jack" darf da natürlich auch nicht fehlen. Zusammen beackern die beiden den Laufsteg, der bis weit hinein ins Stadion reicht. Malcolm Young, Cliff Williams und Phil Rudd wirken dagegen fast wie Statisten. Rudd gönnt sich immerhin die ein oder andere Zigarette bei der Arbeit. Musikalisch feuern AC/DC aus allen Rohren: Angefangen bei "Rock N Roll Train" über "Back In Black", "Thunderstruck", "Hells Bells" oder "T.N.T." bis hin zu "Highway To Hell" und "For Those About To Rock (We Salute You)". Der Sound ist exzellent. Ein Verdienst von Mike Fraser. Und als über Buenos Aires schon längst der Vollmond aufgegangen ist, bekommen die Fans zur Belohnung noch ein Feuerwerk geboten.
Die Bonus-Features bestehen aus der bereits erwähnten Tour Animation von Murray John und einer 25-minütigen Dokumentation mit dem Titel "The Fan, The Roadie, The Guitar Tech & The Meat", in der die Band (die geschlossen von den argentinischen Steaks schwärmt), die Tour-Crew und insbesondere die Fans zu Wort kommen. Es sind teils wilde Gestalten darunter. Was sie alle eint ist die bedingungslose Leidenschaft für AC/DC. Einige haben ihre gesamten Ersparnisse geopfert, um bei einem der Gigs dabei zu sein. Hinzu kommen Aufnahmen vom Bühnenaufbau, vom Einlass oder der Hysterie vor dem Bandhotel. Besonders beeindruckend ist eine Szene, in der ein Vater mit seinem achtjährigen Sohn (der - wie sollte es anders sein - auf den Namen "Young" hört) bei einem Radiosender zwei Freikarten gewinnt und vor Glück in Tränen ausbricht. Zusammen mit ihren 199.998 Landsleuten machen sie Buenos Aires für drei Tage zur Hauptstadt des Rock`n Roll.
2008 kehrten AC/DC nach achtjähriger Pause mit "Black Ice" zurück und damals durfte man durchaus leise Zweifel haben, ob dies nach der langen Zeit wirklich eine so gute Idee sei. Aber das Album und spätestens "Live At River Plate" beweisen: "The music was good, the music was loud" und sie ist es immer noch. Als Brian Johnson kürzlich in einem Interview mit Sky News verriet, dass die Band schon wieder an einem neuen Album arbeitet, wird nicht nur in Argentinien die Freude gross gewesen sein.