No Bull (The Directors Cut)

Das letzte Studioalbum von AC/DC erschien vor acht Jahren. Wenn man sich vor Augen hält, dass zu diesem Zeitpunkt der Bundestrainer noch Erich Ribbeck hieß, dann weiß man, dass dies eine elend lange Zeit her ist. Gott sei Dank ist sie aber nicht nur in Sachen Fussball, sondern auch was AC/DC betrifft vorbei. Denn die Welt wartet gespannt auf den 17. Oktober, wenn mit "Black Ice" endlich das fünfzehnte Album der Band das Licht der Welt erblicken wird. Erst dann werden wir wohl richtig ermessen können, was uns seit 2000 gefehlt hat.
Quasi als Appetizer zum alles überschattenden AC/DC-Großereignis im Oktober erscheint nun mit "No Bull" der Live-Mitschnitt eines (Zusatz-)Konzertes, das am 10. Juli 1996 vor 70.000 Fans in der Madrider Stierkampfarena De Toros De Las Ventas stattfand. Wirklich neu ist die Aufnahme allerdings nicht, gab es sie doch bereits im November 1996 als VHS-Video und vier Jahre später noch einmal und auch da schon als DVD zu kaufen. Einziger Unterschied diesmal ist der Zusatz "Directors Cut", der sich auf die Neubearbeitung von Bild und Ton sowie das geänderte Bonusmaterial bezieht. Ebenso wie beim 1991er Konzertfilm "Live At Donington" führte auch bei "No Bull" David Mallet die Regie, der das ursprünglich gefilmte Material jetzt in HD-Qualität neu editierte und die Audiospuren in Stereo und 5.1 Surround Sound neu abmischte. Auch der Schnitt ist komplett neu.
Wer die fünf Australier einmal live gesehen hat, der weiß, dass ein AC/DC-Konzert immer ein faszinierendes Erlebnis ist. Das wird auch durch die dritte Veröffentlichung von "No Bull" zu keiner überraschenden Erkenntnis. Gibt es überhaupt noch einen Fan, der nicht bereits im Besitz der gut zweistündigen und zwanzig Songs umfassenden Aufzeichnung ist? Natürlich ist alleine Angus Young das (Eintritts-)Geld wert. Legendär sein Strip bei "Boogie Man" (diesmal mit spanischer Flagge auf der Kehrseite seiner Boxer-Shorts), das Zwiegespräch zwischen den Fans und seiner Gitarre oder seine grossartige Solo-Performance auf einem Podest inmitten der Arena während "Let There Be Rock". Ein Höhepunkt jagt den nächsten, sei es die überdimensionale Abrißbirne zu Beginn, die "Hells Bell", die riesige aufblasbare "Whole Lotta Rosie" oder die Kanonen zu "For Those About To Rock". Auch "No Bull" Nummer 3 beweist erneut: Es gibt einfach keine schlechten AC/DC-Songs! Das absolut enthusiastische Publikum tut sein übriges. Insgesamt hat der Ton durch die Neubearbeitung deutlich gewonnen, das Bild versprüht allerdings an einigen Stellen nach wie vor den leicht verschwommenen Charme der alten 16mm-Aufnahmen.
Schön anzusehen ist hingegen die Aufmachung als Digipack mit einem 12-seitigen Booklet, das zahlreiche Fotos und die kompletten Daten der Ballbreaker-Tour von 1996 enthält. Nicht zu vergessen die Bonusfeatures. Zum einen bestehend aus vier mit der sogenannten "Angus-Cam" (also einer Kamera alleine auf Angus Young) gefilmten Songs des Madrider Konzertes. Hier wird nochmal so richtig deutlich, welches Energiebündel Angus Young auf der Bühne ist. Er ist teilweise völlig in sich versunken und die Gitarre scheint ein zusätzliches Körperteil zu sein. Erstaunlich, dass dieser schmächtige Kerl das überhaupt zwei Stunden und länger durchhält. Hinzu kommen zwei Aufnahmen von der Ballbreaker-Tour, die nicht aus Madrid stammen, nämlich "Cover You In Oil" aus Göteborg (mit netten Video-Einspielungen) und "Down Payment Blues" aus Daytona. Insbesondere letztere ist dann doch etwas Besonderes, weil es sich hierbei um die erste offiziell veröffentlichte Liveversion des Stückes vom 1978er "Powerage"-Album handelt. Ansonsten wurde "Down Payment Blues" nur selten 1978 live noch mit Bon Scott und bei einigen wenigen Konzerten 1996 gespielt. On Top gibt es ein witziges und optisch sehr ansprechendes (!) DVD-Menü sowie die komplette Band-Diskographie.
Wie beabsichtigt macht "No Bull" einen Riesenappetit auf das im Herbst anstehende AC/DC-Comeback und erfüllt damit zumindest marketingstrategisch vollauf seinen Sinn. Neben "Black Ice" darf man ebenso gespannt darauf sein, ob die Band bei der (gerüchteweise) geplanten Welttournee noch genauso viel Power ausstrahlt wie vor ihrer Pause. Spätestens im Oktober werden wir erste Antworten wissen, die erste Singleauskopplung "Rock`n`Roll Train" lässt jedenfalls einiges erhoffen. Bis dahin ist "No Bull" ein mehr als sehenswerter Zeitvertreib. Den einen Minuspunkt gibt es lediglich dafür, dass wir es hier bereits mit dem dritten Aufguß zu tun haben. Ohne Zweifel: AC/DC stehen wieder unter Strom! Lange genug gedauert hat es ja...