Plug Me In (Doppel-DVD)

Das Warten hat ein Ende! Zwei Jahre nach der letzten AC/DC-DVD "Family Jewels" und ganze sieben nach dem vorläufig letzten Album "Stiff Upper Lip" erscheint mit "Plug Me In" endlich das ultimative Box-Set und das gleich in einer 2-DVD- und einer exklusiven Collector`s Edition mit satten drei DVDs. Macht im vorliegenden Fall fünf fette Stunden voller hammerhartem Rock`n Roll. Auch 31 Jahre nach ihrem Debütalbum "High Voltage" kann man sich der Faszination dieser Band und ihrer Musik nicht entziehen. Und ich will es auch garnicht!
"Plug Me In" zeichnet mit zahlreichen und teilweise bisher noch nie gezeigten Live-Aufnahmen und Interviews sowie weiterem rarem Bonus-Material die gesamte Laufbahn von AC/DC nach. Die erste Scheibe widmet sich den Gründungsjahren von 1975 bis 1979 mit dem 1980 verstorbenen und nach wie vor unvergessenen Leadsänger Bon Scott. Die zweite Scheibe deckt die "Brian Johnson Ära" ab, die 1980 mit "Back In Black" begann und bis heute andauert. Die jüngsten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2003. Doch den albernen Vergleich zwischen den beiden Frontmännern will ich garnicht erst wieder vertiefen. Obwohl niemand schöner "Ride On" singt als Bon Scott...
Die Doppel-DVD besteht aus einem dekorativen Pappschuber, aufklappbaren Digipack und zwei Booklets, die zum einen Fotos, zum anderen die Songcredits und eine Einführung von David Fricke (Rolling Stone Magazine) enthalten. Die Menüführung versprüht (durchaus passend) noch den Charme der 80er Jahre. Wichtigster Tipp: Hört (und seht) das Teil vor allen Dingen laut! Als meine Tochter (11), angelockt durch den "Krach" dazukam, während ich mir die DVD gerade anschaute, lautete ihr Urteil: "Der Gitarrist stirbt bestimmt mal an Nackenschmerzen". Immerhin kennt sie jetzt Angus Young. Nachwuchspflege nennt man sowas.
Alles beginnt mit einem Auftritt bei den australischen "King Of Pop"(!)-Awards vom Oktober 1975 ("High Voltage") und zeigt AC/DC noch sehr gemäßigt. Mit der Zeit werden die Bühnen gigantischer und die Konzerte immer härter. AC/DC sind eindeutig keine Band für Fernsehshows. AC/DC sind und bleiben eine Live-Band! Schon bei den ganz frühen Aufnahmen spürt man, dass die Fünf einfach explodieren mussten. Bon Scott ist auf der Bühne ein Gott! 1977 hatte die Welt etwas derartiges noch nicht gesehen. Beim Gig in London im Oktober 77 wirbelt Angus Young mit seiner Gitarre durch ein fast regungslos staunendes (oder schockiertes?) Publikum. Natürlich fehlt auch sein berühmter Strip nicht. DVD 1 bietet zudem fantastische Versionen von "Let There Be Rock" (Glasgow 1978) und "Sin City" (Colchester 1978). Teilweise ist die Bild- und Tonqualität zwar recht abenteuerlich (wie bei dem Mitschnitt vom St.Albans High School-Auftritt im März 1976), aber eben das macht den Reiz und die Authenzität von "Plug Me In" erst aus. In den Bonus-Features findet sich sogar ein Super 8 Bootleg Film des Nizza-Konzertes vom Dezember 1979. Dazu unter anderem ein witziges und sehr symphatisches Interview mit Bon Scott (November 1977). Beide DVDs beinhalten darüberhinaus ein "Scrapbook" mit umherfliegenden Zeitungsausschnitten, Tourpässen, Konzertplakaten und -tickets.
Die zweite DVD belegt sehr deutlich, wie sich Brian Johnson nach und nach erfolgreich aus dem langen Schatten von Bon Scott löst. Beim Heimspiel in Sydney wärend der "Ballbreaker"-Tour 1996 präsentieren sich AC/DC in absoluter Höchstform. Der emotionalste Moment ist aber sicherlich ihr erstes Konzert in Moskau am 28.09.1991 vor sage und schreibe 1,2 Millionen Menschen. Im Monat zuvor hatte es dort den sogenannten "Augustputsch" gegeben und die Atmosphäre ist noch sehr von diesen Ereignissen geprägt. So besteht die Security aus Soldaten mit Helm und Schlagstöcken. Der gemeinsame Auftritt von Angus und Malcolm Young mit den Rolling Stones am 20.06.2003 in Leipzig verdeutlicht hingegen nur eines: Nämlich dass die Stones im Vergleich zu AC/DC bestenfalls eine Altherrenkapelle sind. Trotzdem ein schönes Bild, derart geballte Rockprominenz auf einem Haufen zu sehen.
Im Verlauf der fünf Stunden hatte ich des öfteren eine Gänsehaut. "Plug Me In" ist ein beeindruckendes Dokument geworden. Allerdings hätte ich mir mehr Behind The Scenes-Material gewünscht, einen Blick hinter die Kulissen von AC/DC. Den gibt es leider nur in Ansätzen. Für Liebhaber und Sammler lohnt sich der Kauf in jedem Fall. Die Hardcore-Fans sind mit der Deluxe Collector`s Edition und über zwei Stunden zusätzlichen Materials aber wohl besser bedient. Diese weiß mit weiteren 21 raren Auftritten von 1976 bis 2001, jedoch vor allem mit einer Fundgrube originalgetreuer Replika echter AC/DC-Erinnerungsstücke wie Tourposter, Eintrittskarte oder Backstage-Pass zu begeistern. Dafür kostet sie auch gut das Doppelte und wird nur begrenzte Zeit erhältlich sein. Aber egal für welche Box ihr euch auch entscheidet, beide Sets versprechen einen faszinierenden Trip durch die Geschichte einer der grössten Rockbands der Welt. Eine Geschichte, die zum Glück noch nicht zu Ende ist. Gerüchten zufolge arbeiten AC/DC momentan an einem neuen Studioalbum. Um zum Abschluss Angus Young zu zitieren (Donington 1984): "Viele sagen, dass wir dasselbe Album elf Mal gemacht haben. Aber sie lügen. Es waren zwölf Mal". Long live Rock`n Roll!