Rockpalast 1982 / 1986 / 1996

Zwischen den Jahren bot sich mir durch eine kleine Virus-Grippe, die mich zeitweise auf die Fernsehcouch bannte, die Gelegenheit, mir den BAP-Overkill zu geben: Sieben Stunden Rockpalast aus drei verschiedenen Konzerten. Mein Sohnemann ist inzwischen fest davon überzeugt, dass „Kristallnaach“, „Verdamp lang her“ und „Do kannst zaubere“ – die zu meinem Entzücken auf allen drei DVDs vertreten sind – zum gängigen deutschen Weihnachtsliedgut gehören.
Die drei legendären Rockpalast-Mitschnitte des WDR bieten das Open-Air-Konzert auf der Loreley vom 28.08.1982, den umfeierten Auftritt auf der letzten WDR-Rocknacht am 15.03.1986 in der Essener Grugahalle und den Tourneestart der „Amerika“-Tour am 18. November 1996 in der Koblenzer Sporthalle Oberwerth. Drei Konzerte, die sowohl in BAPs Bandhistorie als auch in der Geschichte der Rockpalast-Reihe einen ganz besonderen Status haben.
1982 waren BAP knapp sechs Jahre alt und hatten gerade ihre erste professionell organisierte Deutschlandtour hinter sich, die ganz im Zeichen von „Für Usszeschnigge“ stand, dem Longplayer mit Gassenhauern wie „Verdamp lang her“, „Waschsalon“ und „Frau, ich freu mich“, aus dessen Cover man sich ein hübsches Konzertpanorama schnipseln und zusammenkleben konnte. Der Sommer 82 war dann die große Stunde für die Band um Wolfgang Niedecken und Klaus „Major“ Heuser, die sich mit einem Auftritt bei „Rockpop in concert“ bundesweit einen Namen machte, am 10. Juni des Jahres ihre politischen Ambitionen unterstrich, als sie in den Bonner Rheinwiesen gegen die Nachrüstung der NATO und Ronald Reagan protestierte, und im Juli gar im Köln-Müngersdorfer Stadion die Rolling Stones supporten durfte.
Die Krönung folgte im August 1982, als BAP als erste deutsche Band bei einem Festival des Rockpalast im Eurovisions-Format mitwirkten. Die Macher durften sich bestätigt fühlen, denn die Menge aus 16.500 Zuschauern feiert den 80minütigen Auftritt der jungen Band von der ersten Sekunde an ab. Jung sind sie – die Protagonisten auf ihrer ersten Erfolgswelle. Und sie grenzen sich in ihren Songs bewusst vom Establishment ab, indem sie in „Wenn et bedde sich lohne däät“ eine ganz eigene Vorstellung von Religion kreieren oder mit „Zehnter Juni“ ihre linke politische Einstellung zelebrieren und gegen den frisch gewählten Bundeskanzler Helmut Kohl wettern, der ironischerweise beim dritten der Rockpalast-Konzerte 1996 immer noch Kanzler sein wird. Es gibt aber auch eine Distanzierung von einigen „kölschen“ Werten wie dem Karneval, der in dem Anti-Song „Nit für Kooche“ sein Fett abbekommt. Nachdenkliche Momente folgen mit „Wellenreiter“ und dem emotionalen Abschluss „Jraaduss“. Band und Publikum sind in bester Stimmung und die ausgiebigen Gitarrensoli Heusers, der sich immer stärker als zweiter Frontmann neben Niedecken herauskristallisiert, werden mit stürmischer Begeisterung aufgenommen. Vielleicht kann die Band in diesem Moment schon einschätzen, dass dieser Auftritt und die TV-Übertragung der letzte Schritt zum bundesweiten Erfolg und darüber hinaus sein werden?
Bild und Sound sind fürs Alter der Aufnahmen okay – natürlich nicht glanzvoll und vor allem in den Nahaufnahmen recht pixelig, aber sie fangen die Intensität des Konzerterlebnisses hervorragend ein und lassen sich gut konsumieren. Im Bonusteil schließt sich ein 12minütiges Interview mit Blick über die wundervolle Rheinkulisse an, das einen recht überheblichen Moderator mit seltsam nichtssagenden Fragen zeigt, eine erschöpfte Band und einen verwirrten Niedecken, der die Übersetzungen des englischsprachigen Co-Moderators mit skeptischen Blicken bedenkt.
Das 86er-Konzert in der ausverkauften Grugahalle startet mit dem legendären „Wunderbar“-Intro. BAP sind schon längst aus den 2000er Hallen in eine ganz neue Größenordnung vorgedrungen und haben gerade die erfolgreiche Tour zum Album „Ahl Männer, aalglatt“ hinter sich. Der Anlass des Konzerts ist leider ein trauriger, da es die letzte „Rocknacht“ im WDR sein soll. Die Kultreihe muss den geänderten Marktbedingungen Rechnung tragen, wo im Konkurrenzkampf mit den neuen Privatsendern anscheinend keine Nische für ein außerordentliches Musikprogramm frei ist.
BAP haben im Lauf der 80er Jahre klar gemacht, dass sie immer eine politische Band bleiben werden, wie schon der Opener „Drei Wünsch frei“ beweist. Und „Ahl Männer, aalglatt“ lässt auch das langjährige Feindbild Kohl erneut aufleben. Die Besetzung hat sich leicht geändert: Wolli Boecker wurde am Schlagzeug zunächst durch Jan Dix und dieser inzwischen durch Pete King ersetzt, der leider viel zu früh verstorben ist. Zudem sorgt der Einsatz von Christian Keul und Christian Schneider an Trompete und Saxofon für neue Klänge in der Musik von BAP. Selbst vor dem Einsatz orientalischer Klangelemente wie in „Almanya“ schreckt man nicht zurück, womit BAP im deutschsprachigen Raum eine Vorreiterrolle hatten. Major Heuser zeigt seine Klasse in Endlossoli wie zum Ende von „Kristallnaach“ und Niedecken stellt in Songs wie „Bahnhofskino“, „Bunte Trümmer“ und „Stell dir vüür“ eindrucksvoll seine lyrische Ader unter Beweis. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz, was „Alexandra, nit nur du“ und das extravagante „Waschsalon“ zeigen. 160 Minuten Konzertlänge vergehen wie im Flug und Niedecken ist eigentlich schon unter der Dusche, als das enthusiastische Publikum keine Ruhe gibt und eine letzte Zugabe einfordert.
Ein 7minütiges Interview beschließt den Bonusteil und entlässt die Band in eine erste größere Ruhepause seit Bestehen, während der Niedecken 1987 sein Soloalbum „Schlagzeiten“ veröffentlicht und promotet und BAP ihre Tournee durch China vorbereiten.
Als man in neuer Besetzung 1996 die „Amerika“-Tour bestreitet, sind neben dem aktuellen Album auch das 88er Werk „Da Capo“ (in meinen Augen Höhepunkt des musikalischen Schaffens), „X für e‘ U“ und das etwas sperrige „Pik Sibbe“ erschienen. Zum Glück enthält die dreistündige Setlist immer noch genügend Mitsing-Klassiker und eine Reihe schöner neuer Songs. Jürgen Zöller hat seit neun Jahren den Stammplatz am Schlagwerk und Multi-Instrumentalist Jens Streifling bereichert die Band an Saxophon und Gitarre. Steve Borg wurde am Bass durch Werner Kopal ersetzt. Da auch Schmal Boecker nicht mehr mit dabei ist, haben zwei Mitglieder die Band verlassen, die den Sound von BAP über Jahre entscheidend mitbestimmten und eine große Lücke hinterlassen, die es zu schließen gilt.
29 Songs werden gespielt und der Reigen geht durch die zehn Alben und bringt Perlen mit sich wie „Fortsetzung folgt“, „Anna“, „Denn mer sin widder wer“, „Widderlich“ und „Wahnsinn“. Der Schlussteil wird besinnlicher, wenn „Helfe kann dir keiner“, „Do kanns zaubere“ und „Wellenreiter“ erklingen. Mit einer genialen Interpretation von Springsteen „Hungry Heart“ hat es auch mal wieder eine Coverversion in den Set geschafft, die die Massen mitreisst.
Die drei DVDs geben die wichtigste Ära von BAP gekonnt und in markanten Eckpunkten wieder. Drei Jahre später 1999 sollte Klaus Heuser die Band verlassen, der während 19 Jahren die meisten Songs komponiert hatte und der für mich mit dem Namen BAP immer verbunden bleiben wird. Der Kopf Wolfgang Niedecken ist geblieben, aber die Band hat damals ihre Seele verloren. Umso schöner ist es, dass die Rockpalast-Reihe nun veröffentlicht wird und in drei Ausnahmekonzerten die Größe der Deutschrocker beispielhaft wiedergibt. Was bleibt zu sagen? Es kann nicht nur eine geben – man muss sie alle drei im Regal haben. Anmerkung für schmale Geldbeutel: Ich würde mit dem 86er Mitschnitt aus der Grugahalle beginnen. Die Trailer zu den beiden anderen Konzerten werden gewiss die nötige Entscheidungshilfe geben.