Live Over Europe (2-DVD-Set)

Wenn eine Band die Etikettierung "Supergroup" jemals verdient hatte, dann Black Country Communion. Die Referenzen der vier Bandmitglieder lesen sich wie die Speisekarte eines 5-Sterne-Restaurants. Am Bass Glenn Hughes, der bereits Deep Purple und Black Sabbath seine Stimme lieh. Keyboarder Derek Sherinian haute schon bei Dream Theater oder Alice Cooper in die Tasten. Jason Bonham beerbte einst seinen Vater John bei Led Zeppelin und trommelte darüberhinaus auch für Foreigner. Last but not least Joe Bonamassa, der als einer der innovativsten Blues-Gitarristen seiner Zeit gilt. Innerhalb von nur neun Monaten veröffentlichte das Quartett zwei grossartige Alben (2010 "Black Country Communion" sowie 2011 "2") und begab sich im Sommer diesen Jahres dann endlich erstmals auf Europa-Tour. Dabei standen auch sieben Konzerte in Deutschland auf dem Plan, ich selbst hatte Mitte Juli das Vergnügen in Bonn. Die Auftritte in der Münchener Theaterfabrik, der Berliner Zitadelle Spandau und dem Hamburger Stadtpark wurden mitgeschnitten und aus ihnen entstand die nun vorliegende Doppel-DVD "Live Over Europe". Wobei der Titel dann doch treffender "Live Over Germany" hätte heißen müssen.
Produzent Kevin Shirley baute dafür insgesamt 14 HD Kameras auf. "Live Over Europe" bietet einen knapp 110-minütigen Live-Mix aus 17 Songs auf DVD 1 und noch etwas mehr als ein halbstündiges Bonusmaterial auf Disc 2. "Mit diesen Jungs auf der Bühne zu stehen, ist besser als Sex", sagt Glenn Hughes und angesichts der Bilder, die Shirley eingefangen hat, ist man geneigt ihm zu glauben. Die Schnittfolge ist einer Rockshow angemessen, einige Zeitlupenaufnahmen sorgen für zusätzliche Dynamik und hier und da hat man sogar ein wenig Weichzeichner verwendet. Erfreulich sind auch die gelegentlichen Schwenks ins Publikum. Das Ganze wird durch kurze Interview-Sequenzen und Eindrücke vom Tourleben aufgelockert (die man später allesamt auf der Bonus-DVD wiederfindet). Hinzu kommt eine stilvolle Verpackung im Digipack und ein 28-seitiges Booklet mit Fotos und Kommentaren. Gute Arbeit, das Auge isst schließlich mit!
"Live Over Europe" beginnt mit dem martialischen Intro "Revolution Of The Machine". Handwerklich sind die vier Herren ohnehin über jeden Zweifel erhaben, wie sie in zahlreichen Soli beweisen. Besonders Bonamassa setzt hierbei die Glanzpunkte. Bonham bearbeitet sein Drumkit wie ein Berserker (was man des öfteren aus der Vogelperspektive bewundern kann), Hughes, der nicht umsonst den Ehrentitel "The Voice Of Rock" trägt, ist die Rampensau und ein Poser alter Schule, während Sherinian stets etwas griesgrämig aus der Wäsche guckt. Zusammen legen sie einen derart druckvollen Sound auf die Bretter, dass jedem Freund ehrlicher, handgemachter und schweißtreibender Rockmusik die Freudentränen in die Augen schießen dürften. Hervorzuheben sind dabei "Man In The Middle", das epochale "Save Me", "The Battle For Hadrian's Wall", das proglastige "Faithless", das elegische "Cold" und natürlich das Deep Purple-Cover "Burn", welches den Abschluss jeder Show bildete. Ich habe ohnehin den allergrößten Respekt vor Männern, die sich auf zwei Dinge gleichzeitig - hier Singen und ein Instrument bedienen - konzentrieren können, wie es etwa Joe Bonamassa im Stampfer "The Ballad Of John Henry" an der Doppelhals-Gitarre eindrucksvoll zelebriert. Nochmal Glenn Hughes: "Wir machen einfach die Musik, die wir mögen. Wir wollen nicht die Welt verändern, wir wollen Spaß haben. Wir sind eine Rock'n'Roll Band". So einfach ist das.
Disc 2 bietet noch ein interessantes "Making Of", in dem alle Vier etwas über die Entstehung von Black Country Communion und der beiden eingangs erwähnten Alben oder das Leben auf Tour und die Suche nach einem geeigneten Bandnamen erzählen. Glenn Hughes plaudert zudem über seine besondere Beziehung zu Jason Bonham und dessen legendärem Vater John und man hat wirklich das Gefühl, es hier nicht mit einer kommerziellen Zweckgemeinschaft (wie es bei sogenannten "Supergroups" ja leider des öfteren der Fall ist), sondern mit vier Freunden zu tun zu haben, die sich mit sehr viel gegenseitiger Hochachtung begegnen. Abgerundet wird das Bonusmaterial durch zwei Fotogalerien von Christie Goodwin (Live sowie Behind The Scenes).
Das Schlusswort dieser Rezension überlasse ich ausnahmsweise nochmal Kevin Shirley: "Wir hatten alle das Gefühl, dass Black Country Communion als Live-Act unglaublich gut funktionieren und sie legendäre Konzerte abliefern würden. Natürlich haben Studioalben eine gewisse Finesse, aber auf der Bühne kann so viel mehr passieren. Stücke werden verändert, musikalische Grenzen werden überschritten und manchmal, in ganz besonderen Fällen, explodiert eine Band förmlich auf der Bühne. Die beiden Studioalben gaben genug Material für ein volles Konzert her und erlaubten uns das Ganze in Bestform mitzufilmen, damit der Rest der Welt sieht und fühlt wofür Black Country Communion stehen". Schaut euch den Trailer zu "Live Over Europe" an und ihr wisst, dass der Mann Recht hat!