Don`t Look Back

Bob Dylan muss man niemandem mehr vorstellen. Der Mann ist eine lebende Legende. Seine Musik und Persönlichkeit haben Generationen geprägt und viele seiner Songs gelten noch heute als Meilensteine in der Folk- und Rockgeschichte. Dennoch dürfte der 1965 entstandene Dokumentarfilm "Don`t Look Back", der nun erstmals als restaurierte DVD erscheint, wohl leider nur Leute ab 40 Jahren aufwärts interessieren. Für die allerdings sind diese 150 Minuten (inklusive der Extras) ein absoluter Leckerbissen.
Im Frühjahr 1965 begleitete der Regisseur P.A. Pennebaker ("Monterey Pop", "The War Room") Bob Dylan während dessen dreiwöchiger, überaus erfolgreicher England-Tour zu "The Lonesome Death Of Hattie Carroll". Mit einer selbstgebauten Kamera hielt Pennebaker alles fest, was vor seiner Linse passierte. Am Ende verfügte er über 20 Stunden Material, von denen hier 96 Minuten zu sehen sind. Diese Dokumentarfilmtechnik nennt man "Direct Cinema", weil sie dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, unmittelbar am Geschehen teilzunehmen. So ist der Film eines der besten und vor allem persönlichsten Portraits des Ausnahme-Musikers und zeigt sowohl die private als auch die öffentliche Person Bob Dylan.
Die England-Tournee war seine letzte als akustischer Solo-Performer. Kurz danach entdeckte der damals 24jährige die E-Gitarre und wandte sich dem Rock`n`Roll zu. "Don`t Look Back" beginnt mit einer für Dylan typischen Pressekonferenz in London. Schon zu jener Zeit durchschaute und entlarvte er den Medienrummel, weshalb er zunehmend auf Distanz zu den Pressevertretern ging. Interviews ließ er regelmäßig zur Farce werden, indem er das Frage-und-Antwort-Spiel kurzerhand einfach umdrehte. Einem Reporter des "Time Magazine" sagt er beispielsweise: "Ich weiß mehr über Sie, indem ich Sie nur ansehe, als Sie jemals über mich wissen werden". Man erlebt einen vergnügten, humorvollen, lockeren aber auch extrem provokanten Bob Dylan. Sein Erfolgsgeheimnis erklärt er mit "Ich gehe da raus und singe". Das macht es mitunter nicht immer leicht ihn zu mögen, aber ich schätze, das ist ihm auch herzlich egal.
Dennoch ist es faszinierend Dylan derart hautnah live, backstage, bei Fototerminen, Empfängen, in diversen Hotelzimmern oder beim Jammen mit Joan Baez (von der er sich im Verlaufe der Tour trennt) und Donovan zu erleben. Über Donovan sagt Dylan einmal im Scherz: "Was für ein Versager". Das Verhältnis zu dem zweiten grossen Folksänger der 60er wird schließlich zu einer Art Running Gag ausgeweitet. Wir sind dabei, wenn sich Dylan in wilder Flucht vor hysterischen Fans in Sicherheit bringt oder beim Komponieren neuer Songs. Immer an seiner Seite: Manager Albert Grossman und Keyboarder Alan Price (Ex-Animals). Ersterer erweist sich nicht nur als gewiefter Verhandlungspartner in Geldfragen, er sorgt bei einer Lärmbeschwerde im Hotel auch ganz schnell für Ruhe, indem er die Angestellten mit allerlei Kraftausdrücken hinaus komplimentiert. Die Konzertaufnahmen enthalten seltsamerweise häufiger Dylans "The Times They Are A Changin`" - vielleicht eine Vorahnung. Denn die Zeiten haben sich seitdem tatsächlich gründlich geändert. Den redseligen und diskutierwütigen Dylan in "Don`t Look Back" gibt es nicht mehr. Eine Tatsache, die den Film noch wertvoller macht.
Die einzige gestellte Szene ist die berühmte Aufnahme zu "Subterranean Homesick Blues", die heute als erstes Musikvideo gilt. In den Bonus-Features findet man noch eine alternative Version davon. Darüberhinaus beinhalten die Extras eine Pennebaker-Filmographie, eine Dylan-Discographie, Cast & Crew Biographien, einen Kino-Trailer sowie fünf zusätzliche erstmalig ungeschnittene Audiotracks, die während der Filmaufnahmen entstanden sind: "To Ramona", "The Lonesome Death Of Hattie Carroll", "Love Minus Zero/No Limit", "It Ain`t Me Babe" und "It`s All Over Now, Baby Blue". Dazu gibt es zuschaltbare Audio-Kommentare von P.A. Pennebaker und Roadmanager Bob Neuwirth. Das Ganze wird übrigens auch als limitierte Deluxe-Edition angeboten. Eine Doppel-DVD mit 168-seitigem Begleitbuch (enthält das komplette Skript des Films mit 200 Fotos und ein aktuelles Vorwort von Pennebaker). Die zweite DVD "Bob Dylan 65 Revisited" zeigt weitere 60 Minuten unveröffentlichten Archivmaterials. Zudem gibt es noch ein Daumenkino von "Subterranean Homesick Blues" obendrauf.
Aber egal für welche der beiden Ausgaben ihr euch entscheidet, es gibt nichts falsch zu machen. Teilweise natürlich verwackelt, körnig und unscharf ist "Don`t Look Back" schlicht und ergreifend einzigartig. Es ist schwer vorstellbar, einen Musiker heutzutage noch in einer vergleichbaren Intensität filmen zu können, geschweige denn Bob Dylan selber. Zunächst nur als Experiment gedacht, gilt der Film inzwischen völlig zu Recht als eines der ganz grossen Zeitdokumente populärer Musikgeschichte.