The Other Side Of The Mirror – Bob Dylan Live At The Newport Folk Festival 1963-1965

Ich habe Bob Dylan bisher zwei Mal live gesehen. Beide Konzerte waren in diesem Jahrtausend. Wie der wichtigste Songschreiber der Neuzeit Anfang der 60er begann seine Stücke live vorzutragen und – in der Tradition seines Vorbilds Woody Guthrie nur mit Akustikgitarre und Mundharmonika – eine ganze Generation in den Bann zu ziehen, ist bei Konzerten des heutzutage auftretenden Bob Dylan nur zu erahnen.
Wer den frühen Dylan nie live, ungeschliffen und roh erleben konnte – und wer kann das schon von sich behaupten – bekommt mit dem Film „The Other Side Of The Mirror – Bob Dylan Live At The Newport Folk Festival 1963-1965“ von Murray Lerner einen einzigartig ungefilterten Blick auf den jungen Songwriter und seine rasche und damals durchaus kontrovers diskutierte Entwicklung. Innerhalb von zwei Jahren – oder drei „Newport Folk Festivals“ – wird man Zeuge einer Metamorphose die Dylan von der jungen, etwas schüchternen Folk-Hoffnung (1963) zum spaltenden Superstar (1965) macht. Beim ’65er Festival in Newport tritt Bob Dylan nämlich zum ersten Mal mit einer elektrischen Begleitband auf und entfernt sich spürbar vom Folkbarden der Jahre zuvor. Die Publikumsreaktion auf das Zusammenspiel mit der ’Paul Butterfield Blues Band’ ist so legendär wie überdramatisiert. Wer sehen möchte was während, zwischen und nach „Maggie’s Farm“ und „Like A Rolling Stone“ an diesem Abend wirklich passierte, sollte sich einfach Murray Lerners Film ansehen. Ohne unnötige Zwischentöne und konzentriert auf Dylans Auftritte, gibt es die authentischen schwarz/weiß Aufnahmen in hervorragender Bild- und Tonqualität. Bis auf ein kleines Interview mit Joan Baez, einem kleinen Johnny Cash-Snippet und ein, zwei anderen kurzen Ankündigungen (wie z.B. durch Pete Seeger) bekommt man über 80 Minuten lang Dylan „live on stage“.
1963 singt ein noch sehr jungenhaft aussehender Songschreiber u.a. „Who Killed Davey Moore?“, „North Country Blues“ oder im Duett mit Joan Baez „With God On Our Side“. 1964 kommt ein sichtbar selbstsicherer Barde mit neuen Stücken wie „Mr. Tambourine Man“, „It Ain’t Me, Babe“ (wieder mit Baez) oder „Chimes Of Freedom“ zurück. Nach „Chimes“ rastet das Publikum förmlich aus und mag sich so ganz und gar nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Dylans Set schon vorbei sein und nun Odetta kommen soll. 1965 gibt es den bereits angesprochenen „Kulturknall“. Der Folkheld betritt die Bühne mit E-Gitarre, Begleitband und Lederjacke. Für die einen war es das Ende, für die Anderen – die Mehrheit – die spannende Weiterentwicklung eines Genies. Den passenden Abgesang auf sich und seinen „Folk-Festival-Superstar“-Status liefert Dylan – nochmal ohne Band und nur mit Akustikgitarre und Mundharmonika ausgerüstet – dann zum Schluss auch noch: „It’s All Over Now, Baby Blue“.
Als Bonus gibt es ein 25-minütiges Interview mit Filmemacher und Oscar-Gewinner Murray Lerner. Sehr interessant und kurzweilig redet er darin über seine Arbeit, die Beweggründe für diesen Film, warum er den Titel „The Other Side Of The Mirror“ wählte, wieso die Dokumentation erst 2007 veröffentlicht wird und natürlich Bob Dylan. Das sich im edlen Digipack versteckende 19-seitige Hochglanzbooklet ist ebenfalls nicht zu verachten. Wer das Interview mit Lerner aufmerksam verfolgt, sollte einen genauen Blick auf die Rückseite des Booklets werfen!