Bruce Springsteen

The Promise: The Making Of Darkness On The Edge Of Town

Veröffentlicht: 29.04.2011 / Columbia / Sony Music

Von: Thomas Kröll

Bruce Springsteen

Für viele Fans ist "Darkness On The Edge Of Town" bis heute eines der besten Springsteen-Alben, für Springsteen selbst war es zweifellos ein ganz wichtiges. Denn aufgrund eines Rechtsstreits mit seinem früheren Manager Mike Appel verzögerte sich die Fertigstellung des Nachfolgers von "Born To Run" um satte drei Jahre. Springsteen nutzte die Zwangspause indem er mehr als 40 Songs aufnahm, von denen es aber nur zehn auf "Darkness On The Edge Of Town" schafften. Im November des vergangenen Jahres veröffentlichte er dann "The Promise", eine Doppel-CD, die 21 dieser bis dato unveröffentlichten Aufnahmen enthielt, die während der "Darkness On The Edge Of Town"-Sessions entstanden waren und erreichte damit auf Anhieb seine fünfte Nummer 1-Platzierung in den deutschen Longplay-Charts. Aus der Deluxe-Edition von "The Promise: The Darkness On The Edge Of Town Story", die aus 3 CDs und 3 DVDs/BluRays besteht, wurde nun die eigentliche Dokumentation über den Entstehungsprozess des "Darkness"-Albums herausgelöst. Sie erscheint dieser Tage als separate DVD (sowie BluRay), ergänzt durch ein Mini-Konzert in Asbury Park und eine Question-and-Answer-Radiosession. Die Bruce Springsteen-Festspiele gehen also weiter.

Die knapp 90-minütige Doku "The Promise: The Making Of Darkness On The Edge Of Town" wurde zuvor bereits auf einigen Filmfestivals und im US-Fernsehen gezeigt. Sie kombiniert Proberaum- und Studioaufnahmen von Springsteen und der E Street Band aus den Jahren 1976 bis 1978 mit neuen Interviews zahlreicher Zeitzeugen. Darunter natürlich der Boss himself, Bandmitglieder, Springsteens aktueller Manager Jon Landau, Mike Appel (mit dem er inzwischen Frieden geschlossen hat), Patti Smith (der er den Hit "Because The Night" schenkte) oder Cover-Fotograf Frank Stefanko. Unter der Regie des Grammy- und Emmy-dekorierten Filmemachers Thom Zimny entstand ein ebenso intimes wie intensives Portrait, das diese spezielle und schwierige Phase in Springsteens Karriere in eindringlichen (Schwarz-Weiß-)Bildern festhält und deutlich macht, wieviel Arbeit und Selbstzweifel, aber auch Kreativität und Spass in "Darkness On The Edge Of Town" stecken. "Wir wollten nichts Süßes, wir wollten schwarzen Kaffee", umschreibt Jon Landau den langwierigen Aufnahmeprozess. Springsteen erklärt die Intention des Albums etwas weniger blumig: "Das war eine Art Abrechnung mit der Erwachsenenwelt, mit einem Leben voller Grenzen und Kompromisse. Ich versuchte Musik zu schreiben, die wütend und rebellisch war, aber auch erwachsen. Das formte diese Platte in sehr großem Maße. Darkness On The Edge Of Town ist ein Sinnen darüber, wo man steht im Leben". Damit trieb er vor 33 Jahren alle Beteiligten an ihre Grenzen. Heute weiß man, dass sich ihre Mühe gelohnt hat.

Im Bonusteil findet sich ein fünf Songs umfassendes Live-Konzert mit dem Titel "Songs From The Promise", aufgezeichnet im Dezember 2010 im historischen Carousel House von Asbury Park vor gerade einmal 60 sichtlich glücklichen Fans. Der Mitschnitt war seinerzeit auch kurz als Stream im Internet verfügbar. Dabei spielen Springsteen und die E Street Band zum ersten und einzigen Mal vier Stücke des "Lost Albums" plus den Song "Blue Christmas" (im Original von Billy Hayes und Jay W. Johnson). Unterstützt werden sie von einer fünfköpfigen Bläsertruppe, Keyboarder Charles Giordano und David Lindley an der Violine. Lindley war bereits anno 1978 für die originalen Violinparts auf "Darkness On The Edge Of Town" verantwortlich. Es ist trotz der Kürze von nur 29 Minuten eine gewohnt intensive Performance. Bei "Ain`t Good Enough For You" und "Blue Christmas" stehen die Fans mitten auf der Bühne und erleben ihre Idole so hautnah wie sonst nie mehr in ihrem Leben. Man sieht ihren Gesichtern an, dass sie sich dessen bewusst sind. Auch wenn das Ganze ein wenig gestellt wirkt, lässt dieser Anblick selbst das Herz des neutralen Beobachters merklich höher schlagen. Nicht umsonst gilt Bruce Springsteen immer noch als bodenständiger Kerl, dem Starallüren weitestgehend fremd sind. Am Ende tragen alle lustige Weihnachtsmann-Mützen.

Seine Nähe zur Basis stellt der Boss auch in der abschließenden Fragerunde "A Conversation With His Fans" unter Beweis, die in den New Yorker Studios von Sirius XM E Street Radio stattfand und vom Musikkritiker und Springsteen-Biographen Dave Marsh moderiert wurde. Springsteen beantwortet die Fragen einer Handvoll Fans zu "Darkness On The Edge Of Town", immer wieder unterbrochen von Einblendungen aus dem Carousel House und der Dokumentation von Thom Zimny. Letztlich bleiben die 23 Minuten dieses Frage-und-Antwort-Spiels für meinen Geschmack jedoch eher unergiebig.

Insgesamt kommt "The Promise: The Making Of Darkness On The Edge Of Town" auf eine Gesamtlaufzeit von 140 Minuten, abgerundet durch ein Booklet mit einigen Fotos der Aufnahmesessions. Für Hardcore-Fans ist diese Veröffentlichung eigentlich überflüssig. Sie strapaziert nur aufs Neue den Geldbeutel. Dennoch werden sie zur Komplettierung ihrer Sammlung wohl kaum darumherum kommen. Andererseits darf jedem, dem das letztjährige "The Promise" Box-Set zu kostspielig war, spätestens jetzt zum Kauf der reduzierten Version geraten werden, um zu verstehen, warum die Karriere von Bruce Springsteen auch ganz anders hätte verlaufen können. Dann säße er jetzt wahrscheinlich mit einem Sack voller Schulden zuhause in New Yersey. Im Nachhinein betrachtet hat er also alles richtig gemacht. Gut für ihn und gut für uns. 

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