Deep Purple

Phoenix Rising

Veröffentlicht: 20.05.2011 / earMUSIC / Edel

Von: Norbert Kopf

Deep Purple

Es war einmal, da bedienten sich Rock-Heroen gerne des Mythos vom Feuervogel Phoenix (unvergessen der Wishbone Ash-Klassiker von 1971). "Lebe wild und gefährlich, verbrenne und werde unsterblich!" - Das passte gut in eine Zeit, in der Künstler wie Publikum unkontrolliert mit unkontrollierbaren Substanzen experimentierten, als die Organisation von Festivals und Tourneen regelmäßig in Chaos und Verderben führte. Eine Zeitreise dorthin unternimmt die neueste Veröffentlichung, die der Name "Deep Purple" ziert.

Wir befinden uns ziemlich genau in der Mitte der 70er Jahre. Glenn Hughes und David Coverdale hatten Roger Glover und Ian Gillan abgelöst, und über die Alben "Burn" und "Stormbringer" hatte sich ein schleichender Stilwechsel angedeutet. Richie Blackmore war gedanklich wohl schon in Richtung Regenbogen abgereist. Der soulig-groovy veranlagte Hughes und der bluesgetränkte Coverdale hatten bereits dem "Stormbringer"-Album ihren Stempel aufgedrückt. Als sich Blackmore dann verabschiedete, betrat für einen kurzen Moment der Rockgeschichte ein gewisser Tommy Bolin die große Bühne. Hatte Blackmore stets mit dem Image des schnellsten Gitarristen der Welt geliebäugelt (was er stets mit einer miserablen Intonation bezahlte), war Bolin’s Spiel stilistisch variabler, zurückgenommener und geschmackvoller. Auf dem Album "Come Taste The Band" vollendete diese sogenannte MK IV-Besetzung die Entwicklung zu einer mehr funking-groovenden Ausprägung des Purple-Rocks. Bald darauf waren Deep Purple Geschichte.

Das CD/DVD-Paket "Phoenix Rising" dokumentiert diese Periode mit raren Live-Aufnahmen und dem Konzertvideo "Deep Purple Rises Over Japan", aufgenommen 1975 in der legendären Budokan Hall. Zusätzlich hält die DVD die 80-minütige Dokumentation "Gettin‘ Tighter" bereit, die Videoschnipsel aus einer bewegten Zeit, Interview-Ausschnitte und legendäre Szenen wie Blackmore’s Gitarrenhals-Attacke auf eine sündhaft teure Fernsehkamera beim California Jam im April 1976 zeigt. Diese Dokumentation ist das eigentliche Herz- und Sahnestück des "Phoenix Rising"-Pakets. Glenn Hughes und John Lord kommentieren die MK III- und MK IV-Geschichte auf ihre jeweils eigene Art. Da ist Hughes, der ewige Rock’n’Roller, für den Musik zum Tanzen und nicht zum Denken anregen soll - der eigentliche Phoenix, der auch als Methusalem mit seiner Black Country Communion noch Vollgas gibt. Und auf der anderen Seite: der distinguierte, stets wohlausgewogen urteilende John Lord, graue Eminenz, Schöngeist und doch Vollprofi, für den eine verkaufte Eintrittskarte auch immer eine geschäftliche Verpflichtung bedeutete. Nun soll hier nicht alles verraten werden, aber die beiden geben zum Teil erschütternde Berichte ab, über die verhängnisvolle Reise nach Jakarta und über die Drogenprobleme von Hughes und Bolin.

Speziell Tommy Bolin zieht beim Konzertvideo "Deep Purple Rises Over Japan" fatalerweise die Blicke auf sich. Der geheimnisvoll verklärte Gitarrenheld, der mit Gong, Billy Cobham und stellenweise auch auf seinen Soloalben "Teaser" und "Private Eyes" vollendete Gitarrenkunst demonstriert hatte, tänzelt hier weibisch über die Bühne und kann infolge eines drogenbedingten "Missgeschicks" die Finger seiner Greifhand nur noch eingeschränkt bewegen. Der Feuervogel, der einige Monate später in seiner Drogensucht abgeraucht ist, wird so nicht wieder erstehen können. Diese Aufnahmen töten eine Legende. Liegt hier der Grund dafür, dass sie so lange als verschollen galten? Glenn Hughes meint, sie hätten dieses Konzert niemals spielen dürfen. Wer sich das Trauerspiel ansieht, ist geneigt, ihm Recht zu geben.

Die Live-Aufnahmen auf der Audio-CD stammen zum Teil aus diesem Budokan-Konzert, zum Teil auch aus den USA – und sind musikalisch auch nicht lohnender als das Video. Zu langatmig sind die Improvisationen, und zu langweilig sind sie obendrein. Früher war so etwas normal bei Rockkonzerten – aber da waren ja auch alle zugeraucht. Heutzutage hat das im CD-Player nur dokumentarischen Wert, keinen künstlerischen.

Insbesondere aufgrund der Dokumentation ist das Paket dann aber doch zu empfehlen – allerdings nur, wenn man den einen oder anderen Kloß im Hals nicht scheut.

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