Water On The Road

Den meisten dürfte Eddie Vedder vor allem als Frontmann von Pearl Jam ein Begriff sein. Die Grunge-Pioniere aus Seattle begehen in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bandjubiläum. Weniger geläufig sind aber wohl die diversen Solo-Projekte, bei denen Vedder im Verlaufe der Zeit mitgewirkt hat. Dabei handelt es sich vornehmlich um Soundtracks. Angefangen mit "Dead Man Walking" von 1995 über "I Am Sam" (2001) bis hin zu "Eat Pray Love" im vergangenen Jahr. Sein erstes Soloalbum "Into The Wild" diente 2007 als stimmungsvoller Hintergrund für den gleichnamigen Sean Penn-Film. Im April 2008 ging Eddie Vedder mit den Songs dieses Soundtracks erstmals auf Solotour entlang der US-Westküste, der im August desselben Jahres eine weitere an der Ostküste folgte. Dabei trat er am 16. und 17. August auch im Warner Theatre in Washington, D.C. auf. Ein Zusammenschnitt dieser beiden Konzerte erscheint nun unter dem Titel "Water On The Road" auf DVD und Blu-ray. Zeitgleich veröffentlicht der 46-Jährige übrigens ein weiteres Solowerk: "Ukulele Songs", dessen Review ihr hier findet.
Beginnen wir mit einer kleinen Rechenaufgabe: Die beiden Regisseure Christoph Green und Brendan Canty (zugleich auch Drummer der legendären Fugazi) haben für "Water On The Road" aus den insgesamt 39 verschiedenen Songs, die Vedder an den zwei Abenden in Washington spielte, 21 ausgewählt und in einem schicken Digipack untergebracht. Dass auf diesem trotzdem 26 Stücke (inklusive Bonustracks) aufgeführt sind, erklärt sich so: Abziehen muss man "The Canyon", das lediglich als Intro und Outro dient, die beiden Piano- und Ukulele-Instrumentals, während denen Vedder bei Begegnungen mit Fans oder beim Knacken von Kokosnüssen auf Hawaii zu beobachten ist, sowie das John Doe-Cover "Golden State", das er zwar in der Garderobe zusammen mit der Folk-Sängerin Eliza-Jane Barnes einübt, aber nicht live gespielt hat. Macht 21. Keine Live-Bilder gibt es zudem von "Unthought Known", wahrscheinlich aus rechtlichen Gründen, denn das Stück erschien erst ein gutes Jahr später auf dem bisher letzten Pearl Jam-Album "Backspacer". Bleiben unter dem Strich also 20 reine Live-Songs. Hat das jeder verstanden?
Im Vorspann der DVD sieht man Eddie Vedder auf einem Surfboard über den Potomac River paddeln. Während der Konzerte wundert er sich später darüber, dass er dabei unbehelligt bis zu einer Navy Basis vordringen konnte, wohingegen an jedem Flughafen acht Monate alte Babys oder 85-jährige Damen auf Sprengstoff untersucht werden. Überhaupt erzählt er viel zwischen den Songs. Einiges davon bleibt leider unverständlich, weil er seit jeher schrecklich nuschelt (aber hey, wofür gibt es schließlich Untertitel?). "Water On The Road" beginnt mit Impressionen vom Soundcheck und vom Einlass. Das Warner Theatre verströmt ein wahrhaft edles Ambiente und ist proppevoll, als Eddie Vedder die Bühne betritt, auf der sich nur ein wenig Equipment, ein paar Gitarren, ein Barhocker und ein runder Teppich befinden. Er wird mit grosser Begeisterung empfangen...
...und vergißt beim Opener "Sometimes" gleich mal den Text. Die Zuschauer helfen ihm wieder in die Spur. Sehr symphatisch, dass man diese Szene nicht rausgeschnitten hat. Das Programm besteht aus Stücken des Pearl Jam-Kataloges, Coverversionen, Stücken aus "Into The Wild" und dem zum damaligen Zeitpunkt brandneuen Song "You`re True" (vom aktuellen "Ukulele Songs"). Bob Dylan`s "Girl From The North Country" wird aufgelockert durch Szenen aus dem Tourbus, backstage und von Vedder beim Erstellen der Setlist. Die verschiedenen Außenaufnahmen machen das Ganze dramaturgisch spannend, während das Konzert hauptsächlich von seiner sehr intimen Atmosphäre lebt. Das Charisma und die Ausstrahlung Eddie Vedders werden in der Reduktion auf sich selbst noch deutlicher als es mit Pearl Jam in seinem Rücken ohnehin schon der Fall ist. Auch er hat offensichtlich viel Spass daran. Lediglich das reine Vocal-Stück "Arc", bei dem er sich auf seinem Hocker wie unter Krämpfen windet, lässt den Spannungsbogen sinken.
Zu den Höhepunkten von "Water On The Road" zählen das Cat Stevens-Cover "Trouble", das zutiefst eindringliche "No More" und das rockige "Hard Sun", bei dem Eddie Vedder von Liam Finn am Schlagzeug sowie EJ Barnes als zweiter Stimme unterstützt wird. Warum dabei alle weiße Arztkittel tragen, erschließt sich mir allerdings nicht. Mein ganz persönlicher Favorit heißt jedoch "Man Of The Hour". Der Song hat bereits in der Pearl Jam-Studioversion von 2003 (aus dem Tim Burton-Film "Big Fish") sein enormes Gänsehautpotential nachgewiesen, hier treibt er einem förmlich die Tränen in die Augen. Zum Schluss hält es in Washington niemanden mehr auf den Sitzen. Das Bonusmaterial besteht aus "All Along The Watchtower" (von Bob Dylan) und "Blackbird" (von den Beatles), bei dem Brendan Canty höchstpersönlich am Schlagzeug assistiert und dafür eine herzliche Umarmung und einen Kuss auf die Wange erntet.
"Water On The Road" zeigt eine neue Seite an Eddie Vedder. Einen Rockstar zum Anfassen, der an seiner Selbstverwirklichung offenbar grossen Gefallen findet, ohne dabei arrogant oder gar selbstverliebt zu wirken. Die Musik spricht für ihn. Auf dem Höhepunkt der Grunge-Welle vor 17 Jahren (Pearl Jam hatten gerade ihr drittes Album "Vitalogy" veröffentlicht und Kurt Cobain kurz zuvor Selbstmord begangen) wäre das noch undenkbar gewesen. Damals versuchte sich vor allem Vedder so weit wie möglich aus dem Rampenlicht zurückzuziehen. Am Ende von "Water On The Road" schenkt ihm ein Fan die Sammelkarte des US-Basketballers Mookie Blaylock. Unter dessen Namen begannen Pearl Jam 1990 ihre Karriere. Die DVD schliesst mit dem hawaiianischen Gruß "A Hui Huo", was übersetzt soviel heisst wie "Auf Wiedersehen". Sehr gerne!