Live At Montreux 2010

Zwanzig Studioalben und sechs Live-Alben hat Gary Moore vor seinem viel zu frühen Gang in den Rockhimmel veröffentlicht. Größter Einschnitt war sicher der Wechsel vom Hardrock-Fach (wir erinnern uns an "Wild Frontier" und "After The War") hin zum reinen Blues und seinem Mega-Erfolg "Still Got The Blues". Ich muss gestehen, dass ich immer zur "Wild Frontier"-Rock-Fraktion gehörte und den Umschwung zum Blues zunächst mit großer Enttäuschung erlebt habe.
Vielleicht liegt es daran, dass der Longplayer mit dem zentralen "Friday On My Mind" zu einer Zeit erschienen ist, als dieses Motto eine ganz existenzielle Bedeutung für mich als Schüler hatte. Und dann beschäftigte sich "After The War" noch auf eindringliche Weise mit den Konfliktherden der Welt (von Nordirland bis Vietnam), bevor das ruhige "Still Got The Blues" den Genrewechsel einläutete und dem Iren auch in dieser musikalischen Richtung einen echten Welthit bescherte. Seitdem galt das ehemalige Skid Row-Mitglied als einer der besten Bluesgitarristen der Gegenwart. Und das zu Recht.
Tragisch, dass Gary Moore just im vergangenen Jahr daran dachte, ins Rock-Fach zurück zu kehren. Mindestens drei Songs waren bereits für ein Album geschrieben, das sich wieder dem puren (der Herkunft entsprechend keltischen) Rock widmen sollte. Und dann ging der Gitarrenmeister auch noch auf eine Tour, bei der er vor allem Songs der End-80er-Alben spielte. Das vorliegende Konzert fand im Juli 2010 in Montreux statt und war das letzte offiziell gefilmte des Meisters. Schon "Over The Hills And Far Away" zu Beginn ist göttlich, es folgen "Thunder Rising", "Johnny Boy", "Blood Of Emeralds" – zu meinem persönlichen Glück fehlt nur "Friday On My Mind".
Die neuen Stücke klingen vielversprechend. "Days Of Heroes" sehr straight und heroisch. "Where Are You Now?" wirkt als Rockballade mit leichten Blues-Einflüssen. Und "Oh Wild One" bietet Celtic Rock pur mit zahlreichen folkigen Anleihen. Da hätte man sich gern ein komplettes Album gewünscht. Und vom 58jährigen Moore war doch eigentlich noch viel zu erwarten. Im Konzertverlauf kamen zudem auch Anhänger der poppigen Seite (Mainstream: ein wundervolles "Empty Rooms") und des Blues-Gotts (klar: "Still Got The Blues") nicht zu kurz. Gary Moore war oft zu Gast in Montreux und wurde hier stets begeistert gefeiert.
Nach 90 Minuten Konzertverlauf gibt es als Gegenpol noch vier Bonustracks aus dem Jahr 1997. Auch damals war das Doppelkinn schon sehr ausgeprägt, jedoch hatte Moore noch einige Pfund weniger am Körper. Die Arbeit an der Gitarre – auch hier wie nicht von dieser Welt. "Live At Montreux 2010" setzt Gary Moore ein wundervolles Denkmal. Muss man haben!