Im Augenblick

1965 tritt Herman Van Veen zum ersten Mal mit einem Soloprogramm auf. "Harlekijn", eine clowneske Ein-Mann-Show, legt den Grundstein für seine beeindruckende Karriere. Es folgen unzählige Alben in Deutsch, Französisch, Englisch und Holländisch, seiner Muttersprache. Preise und Auszeichnungen häufen sich. Neben seinen eigenen Programmen und Liedern schreibt Van Veen Film- und Ballettmusiken, Kinderbücher, Theaterstücke und Drehbücher für Fernsehserien, wie beispielsweise die 52-teilige Zeichentrickreihe "Alfred Jodokus Kwak". Er führt Regie und spielt Hauptrollen in mehreren Spielfilmen. Mitte März erschien pünktlich zu seinem 65. Geburtstag die Autobiographie "Bevor ich es vergesse" im Aufbau Verlag, Berlin.
Ich selbst habe Herman Van Veen in den vergangenen 20 Jahren vielleicht ein halbes Dutzend Mal live gesehen (genau kann ich es nicht mehr sagen...) und vor kurzem bei der DVD-Präsentation im Kölner Gloria hatte ich die grosse Freude, ihn zu einem Gespräch zu treffen (wie ihr hier nachlesen könnt). Seine Konzerte sind seit jeher eine Reise voller Geschichten rund um scheinbar Alltägliches, Generationen und Liebe und seine Lieder, samt Mimik und Gestik, umkreisen die zentralen Probleme des Lebens. Er erzählt, was er sieht und was er fühlt. Herman Van Veen macht aus Nebensächlichkeiten, Gedankenfetzen, belanglosen Beobachtungen und aus der Unvollkommenheit des Augenblicks emotionale Sensationen. Nicht umsonst heisst sein aktuelles Programm "Im Augenblick", das nun mit der vorliegenden DVD dokumentiert wird.
Trotz dem man die Konzerte aus der Essener Philharmonie, aufgezeichnet am 21. und 22. Mai diesen Jahres, nur auf dem Bildschirm verfolgen kann, hat man dennoch den Eindruck, als sei man mittendrin. Das liegt vor allem an der Regiearbeit von Aaron Rookus, der Wert auf eine ruhige Kameraführung legt, mit vielen Nahaufnahmen der Musiker, wodurch besonders Van Veens Mimik sehr schön zur Geltung kommt. Die 135 Minuten beginnen damit, wie Van Veen (mit einem schwarzen und einem weißen Schuh) aus dem Bauch der Philharmonie auf die Bühne geht und dort mit tobendem Applaus empfangen wird.
Was folgt ist Musik, Clownerei, Kabarett, Poesie und Provokation, einige stille Momente und viel Lachen. Herman Van Veen lässt sein Publikum gleich zu Beginn Regen, Gewitter und Sonne imitieren. Er erzählt von alten Ehepaaren und seinen eigenen Enkelkindern. Er zitiert aus seinem Witzebuch und feiert die Freundschaft. Er spielt ausgiebig Geige, Mundharmonika, Piano und eine imaginäre Panflöte. Er ist überall. Erst im Fernseher, dann auf der Bühne, irgendwann im Zimmer und schließlich erreicht er unsere Herzen. Etwa mit den wundervollen "Bei mir" und "Hier unten am Deich" (aus seinem aktuellen Album "Im Augenblick"), mit "Ich liebe dich", "Wahrscheinlich ist es einfach" oder dem Klassiker "Ich hab ein zärtliches Gefühl". Zwischendurch lässt er seine Kollegen zu Salzsäulen erstarren und ruft seine Frau auf dem Handy an. Seine Kollegen sind die wie immer barfüßige Gitarristin Edith Leerkes, die beiden Violinistinnen Dorit Oitzinger und Jannemien Cnossen sowie der stets etwas grimmig dreinschauende Erik Van der Wurff am Piano, der Van Veen bereits seit über vier Jahrzehnten begleitet. Sie alle glänzen solo an ihren Instrumenten oder gemeinsam wie bei "Freundchen". Das Essener Publikum ist im Gegensatz zu den beiden Konzerten, die ich in diesem Jahr gesehen habe (Siegburg und Köln) etwas zurückhaltender, was aber auch an der ungewohnten Kamerapräsenz liegen mag. Immerhin ist Essen ja Kulturhauptstadt Europas 2010.
Herman Van Veen baut auch immer wieder aktuelle Bezüge in sein Programm ein. Er geißelt den Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen in ihren Reihen und besingt "Köln-Ehrenfeld" als Vorbild für eine gelungene Integration. Quasi als Kontrapunkt lässt er Tischtennisbälle von der Decke oder Sterne aus seinen Hosentaschen regnen und tolpatscht im grossartigen Monolog "Freunde der Musik" über die Bühne, um "Beschissen in D-Dur" zu spielen. Auch seine diversen Tanzeinlagen sorgen für Erheiterung und so manches Mal muss er sogar über sich selbst schmunzeln. Schließlich wird es dann doch nochmal ernst, als er "Laat Me" singt (zu Deutsch: "Lass mich"), eine Hommage an seinen Freund und holländischen Chansonnier Ramses Shaffy, der im Dezember 2009 im Alter von 76 Jahren gestorben ist. Ganz zum Schluss dreht Herman Van Veen eine Runde durch den Saal. Fast so, als wolle er sich bei jedem einzelnen persönlich bedanken.
Damit endet ein Konzert in Essen, das exemplarisch für viele andere von Herman Van Veen ist. Ein Mann der leisen Töne, die dennoch oder gerade deswegen tief berühren und der immer wieder aufs Neue begeistert und verzaubert. Einen leichten Punktabzug gibt es lediglich für das Fehlen jeglichen Bonusmaterials. Hier hätte zum Beispiel ein Interview zum Geburtstag oder eine Retrospektive zum 45-jährigen Bühnenjubiläum Sinn machen können. Aber auch so ist "Im Augenblick" eine herrliche Gelegenheit, um für etwas mehr als zwei Stunden dem Alltag zu entfliehen und in die heiter-melancholische Welt des Herman Van Veen einzutauchen.