Sola Scriptura & Beyond

Fast zeitgleich mit Spock´s Beards aktuellem DVD-Output geht auch Neal Morse an den Start. In Sachen Ausstattung kann er dabei den ehemaligen Bandkollegen tatsächlich noch was vormachen. Das Doppel-DVD-Set beinhaltet auf DVD 1 ein komplettes Konzert der „Sola Scriptura“ Tour aus dem Jahr 2007 und auf der Bonus-DVD einen nicht ganz vollständigen Mitschnitt der 2006er „Question“ Tour.
Die Veröffentlichungsflut aus dem Hause Morse ist enorm und hat nach dem Ausstieg bei Spock’s Beard ab 2003 fast unheimliche Formen angenommen. Da waren die christlich geprägten Studioalben, die alle die Progschiene weiterverfolgen: „Testimony“ als sehr autobiographisches Werk, „One“, „?“ und „Sola Scriptura“, die alle als Konzeptalben gelten können und sich einer religiösen Thematik widmen. Dazu kommen vier Alben, die mit Progressive Rock absolut nichts gemein haben und sich eher der Gospelmusik, akustischem Kirchenrock und geradliniger Rockmusik widmen. Zudem gab es ein Album mit Coversongs, die Veröffentlichung alter Transatlantic-Demos und eine DVD zu den ersten beiden Studioalben. Also nur konsequent, dass sich die zweite DVD nun den nächsten beiden Alben widmet Wenn auch der Geldbeutel der Fans sich inzwischen stark strapaziert fühlen dürfte.
Die Aufnahmen der Main Disc entstanden am 26. Mai 2007 im holländischen Zoetermeer. Witzigerweise einen Tag, nachdem Spock’s Beard am gleichen Ort ihre DVD mitschnitten. Um es vorweg zu sagen: Der Set ist genial zusammengestellt. Neal beginnt mit dem Song „The Creation“ vom Album „One“ und interpretiert dann mit „Open Wide The Flood Gates“ einen der besten Songs des Beard-Albums „Snow“, das leider in der Zusammenarbeit mit Neal und den Bandkollegen nicht mehr live auf die Bühne kam.
Anschließend wird „Sola Scriptura“ komplett am Stück gespielt. Viele halten das aktuelle Werk, das sich den Thesen Martin Luthers widmet, für einen weiteren religiös motivierten Longplayer, in dem Morse seine alte Band kopiert. Für mich ist es aber sehr authentisch und ein wirksames Konzept. Und die Tatsache, dass sich die Songs oft anhören, als könnten sie auch von Spock’s Beard oder Transatlantic stammen, spricht doch eher für als gegen ihn.
Es folgen die „Section A“ genannten ersten drei und letzten vier Songs des Albums „?“, häufig auch „Question Mark“ oder „Question“ genannt. Ein „Testimedley“ mit Stücken des ersten Soloalbums beschließt den Set. Und als Zugaben dürfen wir uns über den herausragenden Transatlantic-Song „We All Need Some Light“ und das vom Snow-Album stammende „Wind At My Back“ freuen. Neal ist in Topform und hat eine sechsköpfige Band hinter sich, die vor Spielfreude nur so strotzt. Besonders die mehrstimmigen Vokalpassagen möchte ich mal als sehr gelungen bezeichnen. Bis zur Fünfstimmigkeit kann Morse mit der Band sehr sauber intonieren, was vor allem für die Snow-Songs von großer Wichtigkeit ist. Keyboarderin Jessica Koomen ist dabei allenthalben im Background eine unverzichtbare stimmliche Unterstützung. Enorm, was diese Frau im Lauf des Konzerts leistet. Über 150 Minuten, die wie im Flug vergehen – ein Rundumschlag durch alle Schaffensperioden der jüngeren Vergangenheit.
Da man sich vorgenommen hatte, die beiden letzten Alben live zu würdigen, wurde für die Bonus Disc eine Aufnahme aus dem Berliner Columbia Club gewählt, die die fehlenden fünf ?-Songs, also den Mittelteil des Albums, enthält. Eingeleitet wird der Konzertausschnitt jedoch von einer Doku „Behind The Scenes“ und dem Transatlantic-Song „Bridge Across Forever“. Auch hier ein Kompliment an die Bandmitglieder, die das Material hervorragend interpretieren, das man doch sonst nur von den Ausnahmemusikern der Supergroup kennt. Der Rest des Mitschnitts widmet sich vor allem wieder Spock’s Beards „Snow“. Es scheint fast, als wolle Neal etwas nachholen, da diesem Werk immer die ihm zustehende Live-Würdigung versagt blieb, was ja nicht zuletzt Neals Verschulden war. „Help Me“ und ein ausführliches „Encore Medley“, das von Transatlantics „We All Need Some Light“ eingeleitet wird, tun hier ihr übriges.
Wer sich in über sechs Stunden Lauflänge einen umfassenden Überblick zum aktuellen Schaffen eines der führenden Köpfe im Progressive Rock verschaffen will, liegt hier goldrichtig. Bis zum nächsten Studioalbum (geplant für Herbst 2008) soll ja auch nicht mehr viel Zeit vergehen. Und am Sonntag wird der Meister bei NIGHT OF THE PROG mit dabei sein.