Pearl Jam

Pearl Jam Twenty

Veröffentlicht: 21.10.2011 / Columbia / Sony Music

Von: Thomas Kröll

Pearl Jam

Im August 1991 veröffentlichen Pearl Jam ihr Debütalbum "Ten". Genaugenommen beginnt ihre Geschichte jedoch bereits im März 1990 mit einem für die Musikszene ihrer Heimatstadt Seattle überaus tragischen Ereignis. Im Alter von nur 24 Jahren stirbt der charismatische Sänger Andrew Wood an einer Überdosis Heroin und mit ihm seine Band Mother Love Bone. Das ist für den weiteren Fortgang der Geschehnisse deshalb von Bedeutung, weil mit Jeff Ament und Stone Gossard auch zwei spätere Pearl Jam-Gründer plötzlich ohne Beschäftigung dastehen. Wie sich aus Wood's Tod schließlich eine der spannendsten Erfolgstorys der jüngeren Musikhistorie entwickelt, zeigt der oscarprämierte Regisseur Cameron Crowe jetzt in seiner zweistündigen Dokumentation "Pearl Jam Twenty".

Zwanzig Jahre Pearl Jam. Das sind oberflächlich betrachtet über 60 Millionen verkaufter Alben weltweit. Das ist ein Berg von Auszeichnungen. Das sind faszinierende Live-Auftritte, bei denen Abend für Abend die Setlist wechselt. Das ist eine Menge grossartiger Musik... und doch vieles mehr. Taucht man tiefer in den Werdegang von Jeff Ament, Stone Gossard, Mike McCready, Matt Cameron und Eddie Vedder ein, so erkennt man, dass diese zwei Jahrzehnte genauso von tiefen Krisen, dem Kampf um eine glaubwürdige Identität oder dem steten Wunsch nach persönlicher wie künstlerischer Freiheit geprägt sind. "Von Anfang an habe ich an Pearl Jam ihre Leidenschaft und ihren Enthusiasmus geliebt und ihre totale Bereitschaft die Mauern zwischen Band und Fans niederzureißen", beschreibt es Cameron Crowe.

Für "Pearl Jam Twenty" standen ihm über 1.200 Stunden an Band-Footage zur Verfügung, aus denen er ein Portrait im Zeitraffer geschaffen hat, das logischerweise mit Andrew Wood beginnt. Weiter geht es etwa mit dem berühmten "Momma-Son"-Tape, das Eddie Vedder nicht nur zum Sänger, sondern inzwischen zur treibenden Kraft innerhalb der Band gemacht hat, ersten Auftritten (noch unter dem Namen "Mookie Blaylock" in verwackelter VHS-Optik und grenzwertigen Klamotten), dem legendären "Temple Of The Dog"-Projekt zusammen mit Soundgarden, der nicht minder legendären MTV Unplugged-Performance von 1992, der Zusammenarbeit mit Neil Young, dem gerichtlichen Kampf gegen die Monopolstellung von Ticketmaster, den zahlreichen Besetzungswechseln am Schlagzeug, der jahrelangen Verweigerung der Band gegenüber den Medien... bis zum dunkelsten aller Kapitel, dem Roskilde Festival 2000, bei dem neun Fans im Gedränge vor der Bühne sterben. Pearl Jam widmen ihnen später den Song "Love Boat Captain" und Eddie Vedder teilt die letzten zwanzig Jahre noch immer in "Vor- und Nach-Roskilde" ein.

Doch "Pearl Jam Twenty" ist mehr als "nur" ein weiterer Musikfilm. Crowe's wohl grösster Verdienst ist es, dass er die Menschen hinter den Musiker(maske)n sichtbar macht, was besonders im Fall des medienscheuen Vedders nicht selbstverständlich ist. So sieht man beispielsweise Stone Gossard, wie er im Küchenschrank seines absolut keimfreien Öko-Hauses eine Tasse mit uraltem Kaffeesatz oder in der hintersten Ecke seines Kellers einen verstaubten Grammy entdeckt. Beeindruckend bleibt auch die atemberaubende Bühnenakrobatik von Vedder aus der Anfangszeit der Band oder die Ausschnitte von Konzerten, auf denen man selbst war und die das eine oder andere sentimentale Tränchen auf's heimische Sofa tropfen lassen (unvergessen Verona 2006 im strömenden Regen). Kurzum: "Pearl Jam Twenty" zeigt fünf sympathische Typen, die sich ihrer Vergangenheit und ihrer Rolle in der Gegenwart sehr bewußt sind. Nebenbei wird noch die "Grunge"-Kommerzialisierung auf die Schippe genommen, auch im Zusammenhang mit dem Selbstmord von Kurt Cobain, dem zu Unrecht immer eine Rivalität zu Eddie Vedder nachgesagt wurde. Interviewsequenzen (u.a. mit Soundgarden-Frontmann Chris Cornell) runden das Ganze ab.

Dazu kommen etwa 37 Minuten an sehenswertem Bonusmaterial: Mike McCready, wie er in einem Zimmer, das nicht größer ist als ein Schuhkarton, "Faithfull" komponiert. Jeff Ament, der seine Heimat Montana und den Ort besucht, an dem das Cover für "Yield", dem fünften Pearl Jam-Album von 1998, aufgenommen wurde. Stone Gossard plaudert über besondere Orte in Seattle und das Innenleben der Band. Wir sind bei der Entstehung von "The Fixer" dabei und erfahren, wie Boom Gaspar, der seit 2002 seine Orgelsounds beisteuert, quasi zufällig zur Band stieß. Neben einer ergreifenden Live-Version von "Come Back", jenem Song, den Eddie Vedder für seinen 2004 verstorbenen Freund Johnny Ramone schrieb, sind sicherlich die Eindrücke aus Vedders Haus die Höhepunkte im Bonuspart, das eine Mischung aus Höhle, Raumschiff und Nierentisch-Architektur zu sein scheint. Es gibt sogar eine Rutschstange wie bei der Feuerwehr darin.

Cameron Crowe hat das Beste aus der zweifellos schwierigen Aufgabe gemacht, zwanzig Jahre bewegte und bewegende Bandgeschichte in angemessener Form zusammenzufassen. Auch wenn "Pearl Jam Twenty" phasenweise etwas atemlos wirkt. Mir persönlich kommen die einzelnen Studioalben zu kurz, aber so wird jeder Dinge finden, die ihm fehlen. Das liegt in der Natur der Sache. Leichte Abzüge gibt es zudem für die Tatsache, dass die Standard-Edition der DVD ohne Booklet auskommt. Schade, hätte man hier doch zum Beispiel noch einiges an alten und neuen Fotos unterbringen können. Wer sich nochmal intensiver der Musik hingeben möchte, dem sei die Mitte September erschienene gleichnamige Doppel-CD empfohlen. Pearl Jam haben uns in den vergangenen beiden Jahrzehnten viele Gänsehautmomente bereitet. Sie hätten unterwegs auch leicht verloren gehen können. Zum Glück sind sie immer noch da. Nicht umsonst ist "Alive" der letzte Song des Films.

Twitter

Amazon, Musicload, Napster & AOL-Download

Amazon.de Musicload

Mehr zum Thema:

Musicheadquarter Twitter RSS Feed abonieren! Musicheadquarter bei Facebook
Rhingtön
Digg Reddit Del.icio.us Facebook Twitter Google Yahoo! MyWeb Furl" BlinkList Technorati Mixx Windows Live MySpace Mister Wong
Joe Cocker Tickets bei www.eventim.de