Porcupine Tree

Anesthetize

Veröffentlicht: 21.05.2010 / Kscope / edel records

Von: Andreas Weist

Porcupine Tree

Konzeptalben sollen gefälligst am Stück gespielt werden – das weiß auch Steven Wilson und so stand die Tour 2008 ganz im Zeichen von "Fear Of A Blank Planet", neben dem unerreichten "In Absentia" für mich das beste Porcupine Tree-Album in der inzwischen 23jährigen Bandgeschichte. Und wer Porcupine Tree kennt, der weiß, dass sie dieses Album nicht einfach nur abspulen, sondern regelrecht zelebrieren. Drei große LCD-Wände bieten eine Bildershow und Kurzfilme passend zu den sechs Songs von "Fear Of A Blank Planet", die das Konzert in Tilburg (NL) – mitgeschnitten an zwei Tagen am 15. und 16. Oktober 2008, Wilson will ja nichts dem Zufall überlassen – einleiten.

Überhaupt Steven Wilson. Es ist immer ein Genuss, ihm zuzuschauen, kann aber auch verstören, wenn man extrovertierte Fronter gewöhnt ist. Wilson legt oft eine stoische Ruhe an den Tag, wirkt häufig sehr in sich versunken, wenn er das Gesicht hinter langen Haaren verbirgt, kann aber auch in seltenen Momenten mal aus sich rausgehen. Vermutlich ist er während des kompletten Konzerts hochkonzentriert und will seinen musikalischen Anspruch erfüllen, eine möglichst perfekte Kopie der Albumtitel abzuliefern. Ein Anspruch, den auch seine Mitstreiter teilen, so dass es fast schon ein Genuss ist, wenn die Zuschauer rhythmisch zum Gig klatschen und so wenigstens eine Form von Live-Feeling erzeugen.

Ohne Effekthascherei ist die Lightshow ganz auf die LCD-Präsentation abgestimmt. Das trägt zur andächtigen Atmosphäre im 013, Tilburg, einer der Hochburgen des europäischen Prog, bei. Wilsons Live-Stimme hat mehr Ecken und Kanten als die Studioversion. Auch auf der Tour wird er von John Wesley unterstützt, der zwar nicht offiziell zum PT-Quartett gehört, inzwischen aber doch zur festen Größe im Studio und auf der Livebühne geworden ist. Wesley wirkt frischer, als ich ihn noch aus Fish-Zeiten in Erinnerung habe. Die Zusammenarbeit mit PT scheint ihm gut zu tun. Er ergänzt sich durch seine hohe Tonlage gut mit Wilson, beispielsweise im Duett von "My Ashes" oder in den zweistimmigen Passagen von "Anesthetize". Im 17minüter, der zugleich zum Titelgeber der DVD wurde, zeigen Porcupine Tree auch live alle Aspekte ihres Könnens. Selbst Schlagwerk und Keyboards müssen sich nicht länger zurückhalten und tragen zu Schaffung eines epischen Soundgemäldes bei, das auch in den langen Zwischenteilen nie langweilig wird, da es immer wieder neue Facetten des Themas aufzeigt. Die optischen Effekte zu Wilsons schwelgerischem Gitarrensolo beweisen, wie perfekt die LCD-Show auf die Musik abgestimmt ist. Hier muss man wohl auch ein Kompliment an die guten Leute am Mischpult machen.

Konzerte von PT werden immer mehr zum multimedialen Erlebnis. Bei Songs wie "Way Out Of Here" wird gar die Bühne dunkel und das Geschehen auf der Leinwand gewinnt zeitweise die Oberhand über das Bandgeschehen. "Sleep Together" schließlich suhlt sich in den psychedelischen Wurzeln der Band und setzt mit viel Elektronik einen prägnanten Schlusspunkt für die Thematik computergenerierter Gefühllosigkeit, die "Fear Of A Blank Planet" beherrscht. Stilistisch gesehen sicherlich der interessanteste Songs des Albums – aber auch der verstörendste und am wenigsten ins Ohr gehend. Danach legt die Band eine kurze Besinnungspause ein, die auf der DVD durch einen Blick in den Backstage-Raum symbolisiert wird.

Teil 2 des Konzert sieht mit "What Happens Now?" den ersten großen Moment von Richard Barbieri, der sich zunächst allein mit den Klängen des Songs der "Nil Recurring"-EP vergnügen darf. Es folgen noch "Normal" und später "Cheating The Polygraph" von dieser EP. Die Songauswahl für den zweiten Teil mutet schon seltsam an. PT legen den Schwerpunkt neben den beiden aktuellen Werken vor allem auf "In Absentia", das mit drei Songs vertreten ist, und das 96er-Album "Signify".  Dazu zwei Songs aus dem "Deadwing"-Umfeld. Gerade "Drown With Me" und "Half-Light" sind zudem zwei B-Seiten, die viele Zuschauer eventuell gar nicht kennen. Mutig! Grund dafür dürfte gewesen sein, möglichst wenig Dopplungen zu "Arriving Somewhere... ", der 2005er DVD, zu haben, die wenigstens noch "Lightbulb Sun" und "Stupid Dream" mit einigen Auszügen bedachte. Der einzige zweifach vertretene Song ist somit "Halo", das auf dem 2008er Konzert den Set nach 130 Minuten beschließt.

"Anesthetize" ist (wie nicht anders zu erwarten) ein DVD-Konzerterlebnis in klanglicher und visueller Perfektion – leider gänzlich ohne Extras. In diesem Punkt ist "Arriving Somewhere... " überlegen, doch die Performance wird mit der kompletten Darbietung des (damals) aktuellen Albums intensiver. Neben der DVD-Version findet sich ein nur minimal teureres Package, das DVD und blue-ray im Doppelpack enthält. Und Wilson wäre nicht Wilson, hätte er keine Super-Special-Limited-Deluxe-Exclusive-Version in petto, die neben DVD und blue-ray auch noch zwei CDs und ein Hardcoverbuch mit Stagefotos enthält. Macht euch keine Sorgen um den Geldbeutel: Ist schon ausverkauft.

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