Live In Ukraine (DVD / 2 CD)

Dreimal tief durchatmen – und dann das Mantra "Es macht keinen Sinn, wenn ich Paul Rodgers mit Freddie Mercury vergleiche!" mindestens zwanzig Mal wiederholen. Jetzt kann’s losgehen. "The Cosmos Rocks" ist bei den Fans in aller Welt weitestgehend durchgefallen. Dabei ist es ein gutes Rockalbum – erdiger Sound, straighte Ausrichtung und die kantige Stimme des Sängers von Free und Bad Company. Damit schufen Queen ein Album, das zumindest geeignet war, die Legende am Leben zu erhalten. Denn was wäre die Alternative? Soll die hanebüchene Story des Musicals "We Will Rock You" das Andenken einer der besten Bands des vergangenen Jahrtausends bewahren? Wohl kaum.
Mit der Neuformierung durften und dürfen wir auch heute Zeugen von hervorragenden Livekonzerten in unnachahmlicher Atmosphäre werden. Im Herbst 2008 startetet die Tour zum aktuellen Album durch die Stadien und Arenen der Welt. Eigentlich sollten die Eröffnungskonzerte in Moskau stattfinden, doch wenige Wochen vor der Premiere kam aus dem Nachbarland Ukraine eine Anfrage zur Unterstützung der Anti-Aids-Stiftung. Ein Thema, mit dem Queen seit dem Tod Mercurys natürlich eng verbunden ist. Man ließ sich also nicht lange bitten und stand für ein Benefiz-Event zur Verfügung. Eine unglaubliche Menge von 350.000 Zuschauern durfte so am 12. September 2008 in Charkiw Zeuge der ultimativen Rockshow werden.
Genau zwei Stunden lang stehen Queen mit ihrem neuen Frontmann auf der Bühne und rocken ab, was das Zeug hält. Man startet mit einem wahren Reigen an Klassikern: "One Vision", "Tie Your Mother Down", „The Show Must Go On", "Fat Bottomed Girl", "Another One Bites The Dust", "Hammer To Fall", "I Want It All", "I Want To Break Free". Das man das noch erleben darf. Ein unvergesslicher Hit jagt den nächsten – und es ist keine der zigtausend Coverbands weltweit, die hier vor uns steht, sondern es sind Brian May und Roger Taylor höchstpersönlich, unterstützt von einer guten Liveband und dem charismatischen Rodgers an den Vocals. Es bleibt kaum Zeit zum Atemholen. "Seagull" aus der Feder von Rodgers nimmt etwas Tempo raus, dann fließen zu "Love Of My Life" die Tränen im begeisterten Publikum. Auch wenn der gesamte Mittelteil mit "I’m In Love With My Car" und typischen Rodgers-Gassenhauern wie "Shooting Star" und "Bad Company" etwas schwächer erscheint, bringt er mich trotzdem nicht zum Gähnen. Zu gut ist die Performance – und man weiß ja, dass noch einiges kommt.
Das aktuelle Album tritt mit "Say It’s Not True", "C-lebrity" und "Cosmos Rockin‘" nur am Rande in Erscheinung. Da hat das Frühwerk von Rodgers mit "Feel Like Makin’ Love" und dem kongenialen Klassiker "All Right Now", den jede ordentliche Coverband im Repertoire haben muss, auf jeden Fall mehr Einfluss auf den Set.
Faszinierend ist zum Ende hin die Interpretation von "Bohemian Rhapsody". May und Taylor stehen im Rampenlicht und spielen live zu einer Videoeinspielung von Mercury und den Original-Vocals. Das bedeutet Gänsehaut pur und im Publikum gibt es kein Halten mehr. Der mit Operntönen gespickte Mittelteil dient als Soundtrack zu einer filmischen Reise durch die Karriere des Ausnahmesängers. Und zum rockigen Abschluss darf Rodgers das Mikro übernehmen und wird ebenso abgefeiert, was ihm sichtlich gut tut. So kann man Vergangenheitsbewältigung betreiben und einen der besten Songs der Welt in den Set integrieren, ohne ihn durch zu große Veränderungen zu zerstören. Der Abschluss mit den hymnischen Queen-Songs "We Will Rock You" und "We Are The Champions" ist Party pur. Zwei Stunden – klasse Konzert!
Extras sind Fehlanzeige. Allerdings gibt es den kompletten Mitschnitt auch auf zwei CDs, was die Box stark aufwertet. Bild und Sound sind exzellent – und das 24seitige Booklet hat viele schöne Bilder und einige Infos zum Hintergrund des Konzerts zu bieten. So muss das sein.