Runrig

Year Of The Flood

Veröffentlicht: 16.05.2008 / SonyBMG

Von: Andreas Weist

Runrig

Im August 2007 fand in dem schottischen Örtchen Drumnadrochit am Loch Ness als Beitrag zum Highland Year Of The Culture das Mega-Event mit dem passenden Namen “Beat The Drum” statt. Fast 20.000 Fans pilgerten an den legendären schottischen See und feierten gemeinsam mit der Band ein unvergessliches Event, das sich nun unter dem Titel „Year Of The Flood“ in die Live-Geschichte von Runrig einreiht. Genau so lautet zugleich der Opener des aktuellen Albums „Everything You See“, weswegen man den Mannen von Runrig fast schon prophetische Fähigkeiten zugestehen muss, denn es regnete am Tag des Konzerts so gewaltig, wie noch nie zuvor in dieser Gegend. Der von vielen Fans sehnsüchtig erwartete Mitschnitt findet am 16. Mai den Weg in die DVD-Regale.

Von Beginn an bekommt man einen Eindruck von dem Dauerregen, der wiederspiegelt, was viele sich unter den schottischen Highlands vorstellen, den aber wohl keiner in diesem Ausmaß erwartet hätte. Aber was sieht man? Schon zum Opener „Year Of The Flood“ lachende Gesichter, die von Kopf bis Fuß nass wie kleine Kinder im Matsch rumspringen. So entsteht wahre Live-Atmosphäre (und die Rock am Ring-Pilger wissen, wovon ich spreche – haben doch Schottland und die Eifel einige Gemeinsamkeiten). Dann folgt mit „Pride Of The Summer“ bereits das erste musikalische Highlight des Abends. Eine typische Folkrock-Hymne, die ja mit dem Refrain „Beat The Drum“ zum Namensgeber des Festivals wurde.

„Road Trip“ hingegen, ein Song vom aktuellen Album, zeigt die andere Seite der Band. Die Gitarrenarbeit lässt eine klangliche Annäherung an schottische Vorbilder wie Simple Minds und Big Country erkennen. Ein Zeichen für die musikalische Weiterentwicklung, wie sie nach dem Ausstieg Donnie Munros stattgefunden hat. Schon mit den Alben „In Search Of Angels“ und „The Stamping Ground“ fand eine Neuorientierung weg vom ausschließliche Folkrock hin zu modernerem Sound statt – und „Proterra“ wurde mit seinen elektronischen Spielereien nach anfänglicher Skepsis allseits gefeiert. So auch dessen Titelsong am Loch Ness, begleitet von einer Geigerin.

Der Sänger Bruce Guthro aus Neuschottland in Kanada war für viele Fans zunächst ein Problem und wurde nicht gerade begeistert aufgenommen. Er hat sich aber in die Herzen der Runrig-Gemeinde gesungen und ist ein mehr als würdiger Ersatz. Vor der Ballade „Ocean Road“ weist er auf die große Gemeinsamkeit zwischen Schottland und Neuschottland hin: der Bodenständigkeit und der Verwurzeltheit in der Familie. Das bringt ihm in den Highlands Pluspunkte ein. Bruce war ein Glücksgriff für die Band – auch durch das Beherrschen der gälischen Sprache, was für Runrig immer ein bedeutender Punkt war. Dennoch überlässt er für „An Toll Dubh“ und „Sona“ Rory MacDonald die Leadstimme und beschränkt sich auf die Begleitung.

Ein Schwerpunkt des Konzerts liegt auf den neuen Songs von „Everything You See“, das gleich mit sieben Stücken vertreten ist. Ansonsten bietet man aber einen Querschnitt durch das ganze Schaffen der Band, der auch die Munro-Jahre gebührend mit einbezieht. „Every River“, „Skye“ und „Hearts Of Golden Glory“ sind wahrlich große Momente der Show. Witzig auch die immer wieder eingeblendeten Bilder des Loch Ness. Wer mal dort war, weiß, wie unspektakulär dieses Synonym für Schottland eigentlich ist – und dennoch so mythenbehaftet und identitätsstiftend. Ein gut ausgewählter Ort für das Festival.

Wenn die Klänge von „Protect And Survive“ erklingen (irgendwie dann doch der Hit der Band), weiß man, dass sich die Show dem Ende nähert. Vorher darf aber noch Gitarrist Malcolm Jones mit dem wundervollen atmosphärisch-verträumten Instrumental „On The Edge“ auftrumpfen, bevor der Kultsong erklingt, mit dem auch am Loch Ness ein Konzert der Schotten immer ausklingen muss: mit dem Besingen des großen Konkurrenten „Loch Lomond“. Das Traditional wurde von Runrig schon früh neu arrangiert und beherrscht das Live-Repertoire noch immer. Eine Bildleiste mit Fotos vom verregneten Festivalgelände gibt zudem die Atmosphäre auf lustige Art und Weise wieder. Das Publikum ist auch nach zehn Stunden im Regen noch ausgelassen – und dass neben der allgegenwärtigen St.-Andrew’s-Flagge auch geschwenkte deutsche, schwedische, schweizerische und US-Fahnen die Szene beherrschen, strahlt ein Zusammengehörigkeitsgefühl aus, das man wohl nur in Schottland erleben kann. 100 Minuten Konzertfreude pur.

Als Extra gibt es eine Doku mit größtenteils unkommentierten Aufnahmen vom Drumherum des Festivals – gute 4 Minuten lang – und eine Fotogalerie. Achtet beim Kauf (den ich euch natürlich wärmstens empfehle) auf die deutsche Limited Edition, die zum normalen Preis eine 70minütige Bonus-CD mit 14 Songs des Konzerts enthält. Man hat (leider) vor allem die gälischen Songs und Instrumentals weggelassen. Dennoch ein nettes Beiwerk.

 

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