Contact - live in Munich (2 DVD)

10000 Tage lang – also gut 30 Jahre – war Michael Sadler einer der charismatischsten Protagonisten des Progressive Rock. So lange sind Saga schon eine Institution im Rock- und Progbusiness und so lange steht der Frontman im Scheinwerferlicht, seit 1978 das selbst betitelte Debutalbum erschien. Just zum Jubeljahr hatte Sadler sich nun entschieden, der Band den Rücken zu kehren. Allerdings ohne den sonst üblichen Rosenkrieg, sondern mit einem Abschied auf Raten, der die Band nochmal tourmäßig durch die Regionen ihrer Karriere führte und ihn allerorten eine Abschiedsvorstellung geben ließ. Bezeichnend für den großen Erfolg der Band gerade in Deutschland ist es, dass sein endgültig letztes Konzert mit Saga nicht etwa im Herkunftsort Kanada stattfand (wo sie ehrlich gesagt kaum einer kennt), sondern in München zelebriert wurde – und zwar am 5. Dezember 2007. Genau dieser Mitschnitt ist auch auf der Doppel-DVD und der bereits erschienenen Live-CD enthalten.
Das dieses Konzert etwas ganz besonderes sein wird, war schon vorher klar. Saga bieten eine energiegeladene Performance, als gäbe es kein morgen mehr. Bereits der Opener "The Interview" gibt Sadler Raum zur Selbstdarstellung, den er gekonnt nutzt. Zunächst hat er die Bühne allein für sich – in gespenstisches Licht getaucht, dann tritt die Band hinzu. Die Lyrics sprechen Bände: "Good afternoon. May I Introduce myself?" Alt geworden ist der Recke, aber sein Erscheinungsbild ist sehr asketisch. Die meist knapp gehaltenen Ansagen sind in einer Mixtur aus deutsch und englisch gehalten. "Wir spielen zwei neue Titel, and then all the old shit." Wie wahr. Es gibt viel Material von "Trust" und "10.000 Days", dann aber auch wahre Klassiker wie "The Perfectionist" vom Debütalbum, das gewaltig abgefeiert wird. Im Anschluss an das obligatorische Drumsolo ist "The Flyer" für mich der erste Höhepunkt im Set. Noch emotionaler wird es bei "The Security Of Illusion" wenn Sadler allein auf der Bühne steht und den Song a cappella vorträgt. Es sind nicht nur die Frauen in der ersten Reihe sondern gestandene Männer, die sich hier heimlich ein Tränchen verdrücken.
Nach einem Pianosolo singt Jim Gilmour "Scratching The Surface" und gibt einen kleinen Hinweis, wohin sich die Band nach Sadlers Ausstieg auch hätte entwickeln können, zum Glück aber nicht hat. Moratti wird seine Sache besser machen und die Fahne aufrecht halten. Jetzt ist aber in der zweiten Konzerthälfte erst einmal der Klassiker-Reigen unter letztmaliger Ägide Michael Sadlers angesagt. Es geht Schlag auf Schlag: "On The Air", "On The Loose", "Wind Him Up", "Humble Stance" und "Don’t Be Late". Es scheint fast, als hätte die kürzlich erfolgte komplette Aufführung des "World’s Apart"-Albums für die Setlist Pate gestanden. Dass die Songs heute noch funktionieren, zeigt das dazwischen geschobene "10.000 Days", das den Fluss des Sets keineswegs stört. "What’s It Gonna Be" beendet schließlich mit der philosophischen Frage ein Konzert, dass in jede gute Progsammlung gehört. Wann erlebt man schon, dass ein Sänger sich glanzvoll verabschiedet und nicht heimlich in die Versenkung abtaucht?
DVD 2 enttäuscht allerdings etwas. Sechs Songs vom Mannheim-Konzert, die alle auch in München gespielt werden. Eine nichtssagende Fotogalerie – und dann dieser Unsinn, in einem Splitscreen durchgehend zwei Filme ablaufen zu lassen. Die sogenannte "Saga B-Roll" zeigt links eine Bandprobe des Songs „Home“ während rechts eine Doku zu bedeutenden Orten der Saga-Geschichte (vor allem in Toronto) gezeigt wird. Klar – der thematische Bezug beider Seiten ist durch das Heimat-Motiv gegeben, doch da sich auch noch die Tonspuren überschneiden wirkt das Ganze überaus chaotisch. Ein ausführliches Interview mit Sadler und der Band zu Ausstieg und Zukunft hätte ich mir doch noch gewünscht.
Nun denn – die Geschichte wird weitergehen. Saga veröffentlichen in Kürze ihr neues Album mit dem Final Frontier-Sänger Rob Moratti und Sadler geht dieser Tage mit Pur-Gitarrist Rudi Buttas auf Tour. Da bleibt nur, beiden Seiten alles Gute zu wünschen.