Söhne Mannheims

Wettsingen in Schwetzingen (2 DVD)

Veröffentlicht: 21.11.2008 / Tonpool Medien

Von: Andreas Weist

Söhne Mannheims

Lange war es ruhig um Xavier Naidoo und seine Söhne Mannheims, doch jetzt melden sie sich spektakulär zurück – und das gleich im Doppelpack. Nach der überragenden Doppel-Live-CD zum MTV unplugged-Konzert im Rokoko-Theater des Schwetzinger Schlosses erscheint nun die langersehnte DVD des Konzerts. Eine Übertragung auf MTV hat ja in den letzten Wochen schon mehrfach stattgefunden. Natürlich lässt man sich nicht lumpen und packt für die DVD noch ordentlich Bonusmaterial mit drauf.

Der erste Silberling bietet das komplette Konzert im wundervollen Ambiente. Ganze 148 stimmungsvolle Minuten in einem zweigeteilten Set, das beide Seiten Xaviers erstmals an einem Abend live präsentiert. Den Anfang macht Xavier als Solokünstler mit Band und einer Vielzahl von Gästen. „20.000 Meilen“ und „Abschied nehmen“ zeigen, wohin die Reise geht. Sanfte Gitarrenklänge, eine leise aber sehr vielseitige Rhythmusfraktion. Xavier begeistert von Anfang an. Auch die neuen Songs „Für dich öffnen sie die Tore“ (mit Flügel und Orgel in großer Besetzung vorgetragen und von Tino Oac, Daniel Stoyanov, Azad sowie Cronite mehrstimmig unterstützt) und „Wann“ im Duett mit Cassandra Steen können absolut überzeugen. Erster Höhepunkt ist aber die Kollaboration mit Andreas Vollenweider an der Harfe, bei der „Wo willst du hin“ völlig reduziert auf Harfenklänge und Xaviers Stimme interpretiert wird. Da ist die Gänsehaut im Saal förmlich greifbar. Annette Marquard und Yvonne Betz leisten gute Arbeit im Background, die vor allem mit „Was wir alleine nicht schaffen“ und „Seine Strassen“ ihre Höhepunkte erlebt. Der Song „Woman In Chains“ aus Xaviers Anfangstagen wird als Schmankerl im Duett mit Yvonne vorgetragen. Xavier Naidoo ist spürbar in Bestform.

Die 14 Söhne Mannheims nehmen natürlich (rein körperlich) mehr Raum ein, starten aber trotz des Megatitels „Babylon System“ genauso verhalten wie Xavier solo und lassen die neuen Arrangements auf das Publikum einwirken. Rhythmusinstrumente wie ein intensiv genutztes Cajon und sanft angeschlagene Gitarren sowie ein Cello beherrschen die Szene. Dann dürfen direkt drei neue Songs ran: „Lieder drüber singen“ schlägt zu Beginn in die balladeske Kerbe, entwickelt sich dann jedoch zu einem rhythmisch anspruchsvollen Stück mit Rap-Elementen und hintergründigem Text. Die Steigerung im Dialog zwischen Xaviers zarter Melodielinie und lautem Sprechgesang macht den Song zu einem echten Live-Kracher. „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ ist eine sanfte Ballade mit viel Piano und könnte in der Form auch von Xavier solo stammen. Im Wechselgesang mit Michael Klimas, Tino Oac, Henning Wehland und Marlon B. entfaltet sich aber die atmosphärische Wirkung, die das Söhne-Projekt seit je her zu etwas so Besonderem macht. Beeindruckend finde ich auch den Coversong „Ich wollte wie Orpheus singen“. Man kommt zwar nicht ganz an die atmosphärische Version des Originalinterpreten Reinhard Mey ran, der Satzgesang der Söhne hat aber auch seine Qualitäten. Und es ist bemerkenswert, dass dieser geniale Song eines oft belächelten deutschen Liedermachers von den Söhnen auf dem Weg gewürdigt wird. „Geh davon aus“ kommt sehr funky daher und „Was wird mich erwarten“ erfährt eine neue jazzlastige Richtung, die das Publikum begeistert aufnimmt. Mit „Vielleicht“ und dem Bonus-Track „Und wenn ein Lied“ sind zudem zwei Klassiker vertreten, die seit jeher in den abgespeckten Versionen ihre stärkste Wirkung entfaltet haben.

Für beide Seiten ist viel Schönes dabei, wobei die Übergänge durch die neuen Arrangements recht fließend sind. Die Anhänger der Mannheimer Musikszene werden voll auf ihre Kosten kommen. Die beleuchtete Innenkulisse des Schlosses im Zusammenwirken mit der publikumsnahen und außergewöhnlich instrumentierten Performance ist zudem sehr beeindruckend.

Die Bonus-DVD widmet sich natürlich zunächst dem Konzertereignis und wirft in einer 19minütigen Doku einen Blick hinter die Kulissen des Events. Wir erfahren einiges zu Idee und Hintergründen, die Beteiligten kommen zu Wort, es gibt Backstageberichte und Ausschnitte aus den Proben – was das Fanherz begehrt. Mein Highlight ist der 8minütige Beitrag aus zwei Harald Schmidt Shows im Jahr 2000. Zunächst waren dort die (noch recht jungen) Söhne mit ihrer Single „Geh davon aus“ zu Gast. Sehr kultiviert, schön in Reih und Glied auf Stühle verteilt und mit akustischen Instrumenten. Drei Tage später gab es einen der Höhepunkte dieser Show, den ich nie vergessen habe: Die „Söhne Mühlheims“, bestehend aus Andrack, Zerlett & Co. zelebrieren auf Klositzen hockend den Smash-Hit „Geh davon aus, dass mein Arsch brennt“ – und zwar in perfekter Imitation der Söhne. Das war einer der Gründe, warum man zu dieser Zeit keine Ausgabe der Show verpassen durfte. Und es zeugt von einer gehörigen Portion Selbstironie, dass Xavier & Co. diese Verarsche (im wahrsten Sinn des Wortes) mit auf die DVD packen. Mich hat es sehr gefreut, diese Sternstunde des deutschen Fernsehens mal wieder sehen zu dürfen.

Weiter geht es mit einer Zeitreise durch die Söhne-Jahre 2001 bis 2006. Die Mannheimer sind ja von Beginn an ständige Gäste bei der MTV Campus Invasion. Und als Leckerli gibt es einen Livesong aus jedem dieser Jahre – gar vom 2004er Konzert im heimatlichen Trier, was mich besonders freut. Die letzten drei Tracks stammen vom „Blue Balls Festival 2008“ in Luzern, auf dem die Söhne ebenfalls unplugged zugange waren: „Im Interesse unserer Gemeinschaft“, „Wir haben allen Göttern abgewschwor’n“ und „Jah Is Changing All“ runden das umfangreiche Bonusmaterial ab.

Was habe ich prophezeit? Das einzige, was die Doppel-CD noch steigern kann, ist die DVD zum Konzert. I-Tüpfelchen ist das Package, das ein Hardcoverbuch in stabiler Papphülle mit sich bringt und im dicken Booklet allerhand atmosphärische Fotos sowie wenige kurze Texte zum Geschehen bietet. Perfekt in jedem Sinne. Absolute Kaufempfehlung!

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