Take That

Look Back, Don't Stare

Veröffentlicht: 03.12.2010 / Polydor / Universal Music

Von: Andreas Weist

Take That

Gerade hat das Reunion-Album "Progress" auf Anhieb und mit der erwarteten Leichtigkeit die Chartspitze erklommen, schon wirft das neu vereinte Quintett eine DVD hinterher, die in dokumentarischer Form das Popereignis des Jahres Revue passieren lässt. "Look Back, Don’t Stare" mit dem Untertitel "A Film About Progress" ist eine für Take That sehr untypische Produktion. Ganz in Schwarz-weiß-Bildern gehalten und in ambitionierter journalistischer Form wird die Geschichte der Reunion von der Idee bis zur Veröffentlichung des Albums erzählt.

Dabei beschäftigt man sich nicht nur mit den vergangenen zwölf Monaten, sondern holt zum historischen Rundumschlag aus. In schönen Bildern mit Zeitungsausschnitten und Kommentaren aus alten Fernsehsendungen wird auch über die Entstehung von Take That, die großen Erfolge und den Ausstieg von Robbie Williams berichtet. Später dann zudem über den triumphalen Neustart, der zunächst ohne Robbie stattfand.

Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf den letzten Monaten. Ein Kamerateam hat die Protagonisten bei ihren ersten Treffen begleitet, beim Songwriting und den Aufnahmen zum neuen Album. Es gibt sehr emotionale Elemente beim  großen Wiedersehen und dem gemeinsamen Schwelgen in Erinnerungen. Man erfährt lustige Anekdoten – das Versteckspiel mit den Journalisten, eine Geburtstagsüberraschung, gemeinsame Unternehmungen, eine Begegnung mit Elton John. Und – und da liegt das größte Plus der Doku – es kommt zu sehr kritischen, sehr hinterfragenden Momenten. Die fünf Sänger geben einen unmaskierten Einblick in ihre Gefühlswelt, erzählen von Höhen und Tiefen der Vergangenheit und fassen auch ihre Bedenken zur Reunion in Worte. Das sind sehr ehrliche Aussagen, in denen die Zuverlässigkeit von Robbie in Frage gestellt oder der musikalische Egoismus von Gary Barlow thematisiert wird.

Bei den Aufnahmen zum Album und den schier endlosen Diskussionen zu Songs und Textpassagen, die die Kamera mit großer Geduld eingefangen hat und uns haarklein zumutet, wird deutlich, wie sich hier fünf Individuen – und mit ihnen Produzent Stuart Price – zu einer Band, einer musikalischen Einheit zusammenraufen mussten. Natürlich spielt die Musik dabei eine Rolle, aber sie kommt ziemlich kurz. Es gibt Songschnipsel, Demos und rohe Aufnahmen, die das spätere Album erahnen lassen. Ich muss dazu sagen, dass mir viele Stücke in diesen reduzierten Versionen bedeutend näher gehen als in Price‘ ausproduzierter Form.

Die Geschichte des Albums und der Band wird in 100 eindringlichen Minuten erzählt. In englischer Sprache und wahlweise mit deutschen (und vielen anderen) Untertiteln. Ich muss gestehen, dass sich mein Zugang zum Album durch die Doku verbessert hat. Gleichzeitig wünscht man sich für die Zukunft mal den einen oder anderen Song in akustischer oder orchestraler Version ohne den ganzen elektronischen Pomp. Am wichtigsten ist, dass die fünf Männer um die 40 so authentisch, ehrlich und zum Greifen nah dargestellt werden. Dass sie kein Blatt vor den Mund nehmen und ihre Gefühlswelt unerschrocken nach außen kehren. Das sieht zwar manchmal nach systemischer Gruppentherapie und viel, viel Verständnis für die Macken der anderen aus. "Ja, ja, ich finde es gut, dass du dich durchsetzen willst und habe Verständnis für deine Sicht der Dinge, aber trotzdem meine ich... " Das sind Sätze, an denen jeder Familientherapeut seine helle Freude hätte.

Der Film ist kurzweilig vom Anfang bis zum Ende und ich kann nur meine Empfehlung aussprechen. Allerdings soll bitte keiner auf die Idee kommen, hier so etwas wie ein Live-Konzert der wiedervereinigten Take That zu bekommen. Das gibt es dann vermutlich im Weihnachtsgeschäft 2011.

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