Take That

Progress Live (2 DVD)

Veröffentlicht: 18.11.2011 / Polydor / Universal Music

Von: Andreas Weist

Take That

Die "Progress"-Tour von Take That war das mit Abstand spektakulärste Stadion-Ereignis des Jahres 2011. Davon kann man mal ausgehen. Dabei gehört das Dancepop-Album mit dem fortschrittlichen Titel nicht gerade zu den Fan-Lieblingen. Aber es markiert die Rückkehr des verlorenen Sohnes Robbie Williams und macht es damit zu einem Meilenstein in der TT-Karriere.

Take That haben mit ihrer letzten Tournee in ihrer Heimat sämtliche Rekorde gebrochen: Es war die größte Tour in der britischen Musikgeschichte. Alles ausverkauft – insgesamt 1,8 Millionen Menschen sahen die Show. Der dramaturgische Aufbau sah vor, dass zunächst die vier seit einigen Jahren wieder-vereinigten Bandmitglieder ihr neues Repertoire vortrugen, dann folgte Robbie mit einer Solo-Performance und schließlich die gesamte Mannschaft mit einem Set, das zunächst die aktuellen Songs und schließlich die Klassiker der 90er Jahre präsentierte.

Mitgeschnitten wurde das Konzert in Manchester. Ein gewaltiger Zuschauerchor begrüßt das Quartett zu Beginn. Die vier mussten wahrlich keine Angst haben, ohne Robbie die Bühne zu betreten. Warum auch? "Beautiful World" und "The Circus" gehören zu den besten Pop-Alben des vergangenen Jahrzehnts. Gary, Mark, Howard und Jason präsentieren diese in einer fulminanten Show auf einem Laufsteg inmitten der Arena. Mehrstimmige Passagen – gut ausbalanciert. Da tut es der Stimmung keinen Abbruch, dass es noch hell ist und die Lightshow nur dürftig wirkt. Zu "Hold Up A Light" gesellt sich eine ganze Dance-Company dazu. Und "Patience" wird von allen vier Bandmitgliedern einzeln angesagt – Ausdruck eines gesunden Selbstbewusstseins. Zu "Shine" gibt es ein schrilles Spektakel mit bunten Figuren, was Erinnerungen an die "Circus"-Tour hochkommen lässt. Diesmal erinnert die Story ein wenig an "Alice im Wunderland" und lässt die Zuschauer zunächst einmal staunend zurück.

Es folgt die halbstündige One-Man-Show von Robbie. Er setzt zu "Let Me Entertain You" ein wenig Pyrotechnik ein, lässt für "Rock DJ" eine Rollerblade-Truppe auffahren, glänzt aber vor allem durch seine Bühnenpräsenz. Ganz der Alte. Die Probleme der letzten Jahre scheinen wie weggeblasen. "Come Undone" wird sehr emotional. Robbie singt gar zwei Zeilen von "Greatest Day" und bildet dann mit den Zuschauern einen Chor zu "Walk On The Wild Side". Das Spiel mit dem Publikum beherrscht er perfekt, wenn es letztlich auch das gewohnte Best-Of-Set gibt wie bei den Einzelauftritten der letzten Jahre. Der Balladenblock aus "Feel" und "Angels" beendet seine Show. Robbie schwebt auf einer Plattform über den Köpfen und schüttelt Hände. Keine Spur von Menschenscheue mehr.

Eine mystische und akrobatische Tanzshow leitet über zur Erweckung des Hauptbühnenbilds, das für "The Flood" mal kurzerhand unter Wasser gesetzt wird – wie auch die Augen mancher Zuschauerinnen, als das Quintett endlich komplett auf der Bühne steht. Es gibt in der Folge eine futuristische Show mit SF-Elementen und Songs des aktuellen Albums. Robbie steht dabei oft im Mittelpunkt – dieses Zugeständnis musste wohl gemacht werden. Aber es hat auch seinen Reiz, wenn die übrigen vier bei "Underground Machine" zu den Instrumenten  greifen und ihn begleiten. Dann setzt sich während "Kidz" der gigantische Bühnenroboter in Bewegung, es gibt einen martialischen Kampf zwischen Schachfiguren. Am Ende steht der Roboter aufrecht in der Mitte des Stadiums und symbolisiert die Entwicklung des Menschen zum aufrecht gehenden Wesen. Eine perfekte Show.

Viel wichtiger ist aber die Musik: Das Medley "When We Were Young" startet mit einigen a cappella angesungenen Hits. Ein fast schon intimer Moment, der sich bis "Everything Changes" fortsetzt, woraufhin dann unter Begeisterungsstürmen "Back For Good" folgt. Großen Spaß hat man bei den synchronen Tanzeinlagen von "Pray". Da werden die gereiften Männer wieder zur Boygroup der Anfangstage. Ebenso stark: Das harmonisch-romantische "Never Forget" mit polyphoner Gesangseinlage. Die 2-Stunden-Show ist eine Darbietung der Superlative. Es gibt noch 11 Minuten Zugaben, wobei natürlich "Relight My Fire" (mit feuriger Tanzshow) nicht fehlen darf. Zum sanften Ausklang "Eight Letters" verlassen die Fünf Hände schüttelnd das Stadion und lassen eine überwältigte Zuschauermenge zurück. Das ist durchaus auch am heimischen Bildschirm spürbar. Da Robbie inzwischen wieder eigene Wege geht, wird man ein solches Event wohl auch nicht mehr erleben dürfen.

Auf "Progress Live" ist nicht nur die monumentale Live-Show der Band in voller Länge zu sehen. Zudem gewährt eine Bonus-Disc exklusive Einblicke in das Geschehen hinter der Bühne und in den Touralltag. Letztere Aufnahmen entstanden während der insgesamt 29 Konzerte in UK und Irland, wodurch die Fans ein umfassendes Bild vom Leben auf Tour bekommen. Leider dauert der Film nur 25 Minuten lang, gibt aber schöne Eindrücke von den Proben der Show und liefert in den Interviews emotionale Momente, wenn beispielsweise Robbie erzählt, wie er die Show des Quartetts aus dem Hintergrund verfolgt. Das Package ist stimmig – und wer keine Gelegenheit hatte, eine der Shows zu besuchen, kann hier bedenkenlos zuschlagen. Die Glücklichen, die dabei waren, werden es sowieso tun.

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