Gimme Shelter

Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren gaben die Rolling Stones am Altamont Speedway in der Nähe von San Francisco ein Gratis-Konzert, das in einem Mix aus Gewalt und Chaos versank. Eigentlich sollte es, nachdem einige Monate zuvor das legendäre Woodstock-Festival stattgefunden hatte, zu dessen Westküsten-Gegenstück werden. In Wirklichkeit jedoch wurde es zum Ende der Hippie-Bewegung und der Unbeschwertheit der 60er Jahre. Passend zum 40. Jubiläum erscheint der Film "Gimme Shelter", der die Ereignisse jenes 6. Dezember 1969 dokumentiert, nun erstmals auf DVD (nachdem er bereits 1970 im Kino zu sehen war).
Die Cinéma-vérité-Pioniere David und Albert Maysles sowie Charlotte Zwerin begleiteten die Rolling Stones (in der Besetzung Mick Jagger, Keith Richards - der sich damals noch Richard nannte -, Charlie Watts, Bill Wyman und Mick Taylor) auf den letzten zehn Tagen ihrer Nordamerika-Tour von New York bis nach Kalifornien. Die DVD wurde anhand des Original-Filmmaterials restauriert und in Dolby Digital 5.1 Audio remastered. Hinzu kommt ein 36-seitiges Booklet, das aus verschiedenen Blickwinkeln die Stones-Tour, das Gratis-Konzert und die Entstehung des Films beleuchtet. So entsteht ein spannendes Bild der damaligen Stimmung und Atmosphäre. Neben Zeitzeugen wie Stanley Booth (Autor von "The True Adventures Of The Rolling Stones") oder Michael Lydon (Autor von "Rock Folk") kommen auch Mick Jaggers persönliche Assistentin Georgia Bergmann und Ralph "Sonny" Barger, Mitglied der Oakland Hells Angels, zu Wort. Und jeder von ihnen bewertet die Geschehnisse rund um Altamont anders.
"Gimme Shelter" beginnt mit den Auftritten der Stones Ende November 1969 im Madison Square Garden, die zum epochalen Live-Album "Get Yer Ya-Ya`s Out!" führten (das dieser Tage übrigens auch in einer 40th Anniversary Edition veröffentlicht wird - hier ein Review). Die Entstehung von dessen Cover (Charlie Watts mit einem unglaublich geduldigen Esel) ist ebenfalls in "Gimme Shelter" zu sehen. Doch die Unschuld hält nicht lange an. Aus einem Impuls heraus lassen sich die Stones zu einem Gratis-Konzert als finalen Höhepunkt ihrer Tour drängen. Neben der chaotischen Organisation mit einer kurzfristigen Verlegung des Festivals an den dafür unterdimensionierten Speedway (als Vorgruppen der Stones traten in Altamont noch Grateful Dead, Jefferson Airplane, die Flying Burrito Brothers und Crosby, Stills, Nash And Young auf) erweist sich besonders die Tatsache, dass die Stones die Hells Angels als Ordner und Schutztruppe für die Bühne engagieren, als katastrophaler Fehler (wobei es auch Stimmen gibt, die behaupten, dies sei ohne Wissen der Band geschehen). In einer der nächsten Szenen erleben wir dann Jagger und Watts wie sie sich, sichtlich betroffen, das Filmmaterial für "Gimme Shelter" am Schneidetisch ansehen. So erfährt der Zuschauer quasi gleich zu Anfang, was am Ende passieren wird.
300.000 Fans strömen an diesem Dezember-Tag nach Altamont. Die Sicherheitsmaßnahmen sind nach heutigen Maßstäben unvorstellbar, weil de facto nicht existent. Da es vor der Bühne keinerlei Absperrungen gibt (in einer Szene läuft sogar ein grosser Hund darauf herum), stellen die Hells Angels ihre Motorräder als eine Art Schutzwall auf. Die Mitglieder der Gang sind schon nach kurzer Zeit alkoholisiert oder stehen unter Drogeneinfluss und ihre Stimmung ist entsprechend aggressiv. Sie verprügeln sogar Marty Balin, den Sänger von Jefferson Airplane. Mit Billardqueues (deren Enden durch Bleigewichte verstärkt sind) prügeln sie zudem auf jeden ein, der ihren Motorrädern zu nahe kommt. Mick Jagger muss den Auftritt der Stones mehrfach unterbrechen. Ohne Erfolg. Er verliert die Kontrolle. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen münden schließlich im Tod des 18-jährigen Meredith Hunter. Als dieser während "Under My Thumb" versucht, mit einer gezogenen Schusswaffe auf die Bühne zu gelangen, wird er vor den Augen der Band und der Filmcrew von einem Mitglied der Hells Angels erstochen. Außer Hunter sterben in Altamont noch drei weitere Menschen: Zwei kommen bei einem Autounfall ums Leben, ein weiterer ertrinkt in einem Kanal. Der Mörder von Meredith Hunter wird später zwar angeklagt, aber freigesprochen, da seine Tat als Notwehr gewertet wird.
"Gimme Shelter" räumt dem Altamont-Konzert die gesamte zweite Hälfte seiner insgesamt 88 Minuten ein. Neben der Musik der Stones gibt es noch Performances von Ike And Tina Turner (im Madison Square Garden), Jefferson Airplane und den Flying Burrito Brothers zu sehen. Als Specials enthält die DVD zusätzlich einen Audiokommentar der Regisseure Albert Maysles und Charlotte Zwerin sowie ihres Mitarbeiters Stanley Goldstein, nicht verwendete Backstage-Szenen mit den Stones in New York, Ausschnitte einer Sendung des Radiosenders KSAN von 1969 (moderiert von Stefan Ponek), einen USA-Kinotrailer und Filmografien von Maysles Films und Charlotte Zwerin.
"Gimme Shelter" ist ein ebenso beeindruckendes wie schockierendes Zeitdokument. Die grosse Stärke des Films ist, dass er nicht moralisiert. Er macht den Stones keine Vorwürfe, entschuldigt sie aber auch nicht. Er spricht ganz einfach für sich selbst. Auf diese Weise wird "Gimme Shelter" sogar zu einem Meisterwerk, in dem drei Stränge miteinander verbunden werden: Eine tolle Rock`n Roll Band auf der Höhe ihrer Schaffenskraft, die sich entwickelnde Tragödie in Altamont und die Reaktionen der Stones, als sie die Grausamkeiten anschauen, die sie mit ausgelöst haben. Mark Twain hat einmal gesagt: "Die Probleme unserer Welt entstehen meist nicht dadurch, dass die Menschen nicht Bescheid wissen, sondern dadurch, dass sie etwas wissen, was aber nicht stimmt". Welche Wahrheit hinter "Gimme Shelter" steckt, kann nun jeder für sich selbst beurteilen.