The Biggest Bang - live (4 DVD-Box)

Ich stoße an meine Grenzen, wenn ich dieses Live-DVD-Set der Rolling Stones reviewen soll – denn langsam aber sicher gehen jedem die Superlative aus. Gigantischste Bühne, aufwendigste Tour, enthusiastischstes Publikum, gewaltigste Finanzeinnahmen, erfolgreichste Rocktournee usw. Und dann diese Live-Box, die wirklich kaum Wünsche offen lässt.
Eigentlich konnte ich mit den Stones noch nie was anfangen. In den 60ern hätte ich 100%ig zum Beatles-Lager gezählt, da mir filigran ausgearbeitete Songs viel eher liegen als die einfach strukturierten Rockhämmer der Stones. Dennoch habe ich Hochachtung vor der Lebensleistung der alten Herren und der Tatsache, dass sie nach 45 Jahren immer noch so gut im Geschäft sind. So kann auch noch ein langjähriger Ignorant wie ich überzeugt werden.
An der Box kann man fast nichts aussetzen (ich sage mal, abgesehen von den offensichtlichen Nachbearbeitungen). An alles wurde gedacht: „The Biggest Bang“ beinhaltet den Urknall in Reinform. Zwei komplette Konzerte der „A Bigger Bang“-Worldtour, die zudem eine recht unterschiedliche Setlist aufweisen. Klar, gekonnt zusammengesetzt aus den bekannten Klassikern, zwischen denen sich jeweils zwei Alibi-Songs des 2005er Albums (dem 22. Studioalbum der Band) verstecken.
Disc 1 zeigt das Konzert in Austin, Texas, vor atemberaubender Kulisse. Mick Jagger beherrscht als Selbstdarsteller die Bühne, gewandet in ein rotes Glitzerjackett. Aber wer hätte auch anderes erwartet? Die vier Männer stehen im Mittelpunkt und werden gehypt – die große Begleitband verkommt zur Staffage.
Zentrales Element der Bühne ist ein 13 (!) Meter breiter Bildschirm, der selbst den hintersten Reihen ein glasklares optisches Erlebnis verschafft. Der riesige Bühnenaufbau erinnert wahlweise an Hochhausfassaden oder Theaterlogen. Eine fahrbare Bühnenplattform befördert die Band kompakt in die Mitte des Publikums und lässt zumindest für kurze Zeit so etwas wie Nähe aufkommen.
Schon die Tatsache, dass jede DVD ihre eigenen Bonus-Features besitzt, führt uns zurück zur Superlative. Nummer 1 bietet eine 6minütige Doku zum Austin-Konzert, wahlweise mit deutschen Untertiteln, und „I Can’t Be Satisfied“ als ungeprobte Coverversion mit Jam-Charakter.
Disc 2 widmet sich dann der größten Beachparty der Welt – dem Konzert am 18.02.06 vor 1,5 Millionen Menschen an Rio de Janeiros Copacabana Beach. Diesmal darf man sich zuerst die 25minütige Tourdoku zu Gemüte führen, die über letzte Vorbereitungen, Bühnenaufbau, Security, Lightshow, Instrumentenroadies u.v.m. das ganze Spektrum der Tourmaschinerie abdeckt. Die Konzertkulisse ist schließlich überwältigend. Ein Band von Zuschauern, dass sich den Strand entlang zieht, von denen die hintersten höchstens noch aufgrund der Lautstärke erahnen können, dass irgendwo vorne ein Rockkonzert stattfindet. Wenigstens war der Besuch kostenlos. Die 750.000 Dollar Gage wurden von der Stadt und Sponsoren aufgebracht.
Die Musikalische Stärke muss ich auch hier am Sound festmachen – und an der Tatsache, Songs, die Tausende von Coverbands im Repertoire haben, im Original zu hören. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt allerdings, wenn sich die Aufnahmen zu glatt anhören und man sich fragen muss, wie viel denn im Studio nachbearbeitet wurde.
Disc 3 zeigt dann (sehr bescheiden) den „Rest der Welt“, exemplarisch anhand von Saitama (Japan), Shanghai und Buenos Aires. Überall das gleiche Bild: ein begeistertes Publikum, eine überaus spielfreudige Band und ein Mick, der sich in allerhand Fremdsprachen übt. Die kurzen Einblick geben zumindest die Unterschiedlichkeit der Konzerte in den entfernten Winkeln des Globus wider.
Vor allem in Argentinien ragt die grandiose Performance von „Paint It Black“ hervor. Besonders bemerkenswert ist zudem der China-Auftritt am 08.04.06 vor 8000 Zuschauern, bei dem man auf Bitten der chinesischen Regierung alle Songs mit sexuellem Inhalt wegließ (und da blieb gar nicht mehr sooo viel übrig).
Als Bonus gibt es vier wundervolle Duette, jeweils mit kurzer Featurette zum Gaststar, von unterschiedlichen Punkten der Tour. Da ist Pearl Jams Eddie Vedder, Countrystar Bonnie Raitt, Songwriter Dave Matthews und der chinesische Superstar Cui Jian (muss man nicht kennen, ehrlich).
Disc 4 beschließt das Ganze mit der 65minütigen Doku „Salt Of The Earth“, die erneut alle Aspekte der Tour beleuchtet, unter anderem Kapitel über die Nordamerika-Tour beinhaltet, über die Auftritte in Rio, China und Buenos Aires berichtet, über das Mailand-Konzert am Tag nach dem italienischen WM-Erfolg, den Auftritt beim Superbowl in Detroit und die 116. (und damit vorerst letzte Show) in Vancouver. Dass es nicht wirklich das letzte Konzert war, erkennen wir leicht daran, dass die Europa-Tour momentan noch läuft und erst am 26. August in London enden wird.
Abgerundet wird die vierte Disc durch zwei Bonussongs (Coverversionen von Bob Marley und Otis Redding). Mit der deutschen Übersetzung der Untertitel ist man zum Ende hin etwas schlampig geworden, erkennbar an der allzu wörtlich übersetzten Einleitung zum Marley-Song, die zudem einige hübsche Wortneuschöpfungen enthält. Aber das nur am Rande. Noch ein Doku-Featurette zu jedem Bandmitglied – aber das war’s dann wirklich.
Was bleibt zu sagen? Herz, was begehrst du... Eine umfassende Tournachlese für Fans, die dabei waren, gern dabei gewesen wären, oder für solche, die einfach mal sehen wollen, was 2005, 2006, 2007 so bei den Stones abgeht. Das Paket ist kurzweilig, ohne Frage. Ich konnte es mir zwar nicht am Stück antun (sieben Stunden sind auch klar zuviel), aber die eingefleischten Anhänger werden auch das noch leisten.
Die alten Herren können’s noch. Und wer sich ultimativ davon überzeugen möchte, hat hier die entsprechende Gelegenheit.