U2

From The Sky Down (Director's Cut)

Veröffentlicht: 09.12.2011 / Universal Music

Von: Andreas Weist

U2

Parallel zur Wiederveröffentlichungskampagne von "Achtung Baby" erscheint ein Dokumentarfilm von Regisseur und Produzent Davis Guggenheim, der die Entstehungsgeschichte des Albums und die Entwicklung der Band bis zu diesem Zeitpunkt bis ins kleinste Detail seziert. 85 Minuten Zeit braucht er dafür und wir erfahren viel Interessantes, das uns bis heute unklar war und erst in der nachträglichen Aufarbeitung verständlich wird.

Der Film startet mit Eindrücken vom Glastonbury-Festival 2011, bei dem "Achtung Baby" mit fünf Songs stark vertreten war. Ein Zeichen dafür, dass sich die Band Anfang des Jahres intensiv mit dem Werk beschäftigt hat und gar in die Hansa Studios Berlin zurück kehrte, um den Geist der Zeit einzufangen und die Songs für den Re-Release zu überarbeiten. Das wird in Interviews deutlich, die auf die Situation Anfang der 90er zurück blicken.

"Achtung Baby" war im Jahr 1991 Vorbote einer musikalischen Zeitenwende: Es lenkte nicht nur die Aufmerksamkeit auf die wieder vereinigte Stadt Berlin – die Musik wurde auch dreckiger, rauer und stellte somit einen Gegenpol zum glatt polierten Pop der 80er dar. U2 haben zwei Alben für die Musikhistorie geschaffen, die in einem direkten Zusammenhang stehen. Zunächst war da "The Joshua Tree". Ein Album, das den kommerziellen Erfolg der Band besiegelte und die Zuhörerschaft auch in Sicherheit wog. Es nahm die Fans mit in den Mainstream, lieferte wundervolle Pophymnen und eingängige Melodien. Das Tourdoku-Live-Album "Rattle And Hum" deutete schon an, dass der folgende Weg in eine andere Richtung führen würde, doch "Achtung Baby" war dennoch ein Paukenschlag. Zuvor noch in selige Sicherheit gewogen lieferte das neue Werk den Anhängern experimentelle Klänge, schrille Gitarren, ein hammerhartes Rhythmus-Gerüst und düstere Songs. Im ersten Moment ein verstörendes Album, das aber mit jedem Durchlauf stärker begeistert. Bonos heutige Aussage dazu: "So hört es sich an, wenn vier Männer den Joshua Tree zerlegen".

Die Ausgangssituation sah allerdings alles andere als rosig aus – so wird es in der Doku beschrieben. U2 sahen sich am Ende eines Weges: Man war mit "The Joshua Tree" plötzlich zur Stadionband mutiert, hatte Erfolg in den USA, fühlte sich dennoch unzufrieden. Bono sah eine große Last auf sich, da es seiner Meinung nach nicht genug gutes Material für ein Stadion gab und er dies mit seiner Bühnenpräsenz auffangen musste. Ebenso kritisch äußert er sich aber auch über sein Verhalten in den 80ern, mit dem er sich selbst sehr in den Vordergrund rückte. Dann kam "Rattle And Hum" als Experiment und die Kritiken waren vernichtend. Die Band hatte sich nach eigenen Worten nichts mehr zu sagen und stand quasi vor der Auflösung.

Dies wird mit biographischen Aussagen belegt, mit Bildern aus früher Zeit (auch aus den Anfangstagen von U2) und Brian Eno kommt ausführlich zu Wort. Man muss sich auf einige Zeitsprünge gefasst machen, die unmotiviert wirken, aber immer die Songs als roten Faden haben. Das New Year’s Concert in Dublin Ende 1989 wird als Zeitenwende gesehen. Die Bandmitglieder stellten eine Entfremdung von Dublin fest – als gehörten sie nach ihrer Rückkehr aus Amerika nicht mehr dazu.

Ausweg waren die Hansa Studios in Berlin. Die neue deutsche Hauptstadt als Symbol für ein neues Europa – mit einer Clubkultur voll Rhythmus und Tanz. Bono zieht in einem musikhistorischen Exkurs die Linie von Kraftwerk über Joy Division bis U2. Und auch David Bowie und Iggy Pop spielen natürlich eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die neue Devise war: "Wir müssen was ändern. Nehmen wir eine Kettensäge und sägen den Joshua Tree um." Dennoch hatten die Bandmitglieder unterschiedliche Vorstellungen, wie dies erfolgen könnte. Es gab Spannungen, Ungewissheit – in einer Animation werden die Mauern gezeigt, die das Quartett voneinander trennten.

Guggenheim lässt U2 eine Songanalyse zu "Mysterious Ways" liefern. Und dann kommt der Gänsehaut-Moment "One", der die Band wieder zusammen schweißte. "Wie ein Geschenk aus dem Nichts". Bono erklärt die Hintergründe zu "The Fly" und sein Outfit der 90er Jahre als trotziges Spiel mit den Größenwahn-Vorwürfen. Und statt dem mürrischen Gehabe der Joshua-Tree-Phase gibt es plötzlich das bunte "Zoo TV". Alle Aspekte werden ausgiebig und schlüssig geschildert. Auch wenn die Musik etwas zu kurz kommt und meist im Hintergrund liegt, ist die Doku äußerst spannend und verrät viel zu Charakteren und Emotionen der Bandmitglieder.

Im Extrateil gibt es dann mehr Musik: "So Cruel", "The Fly" und The Edges "Love Is Blindness" in akustischen Versionen, rein und unverfälscht – und dabei absolut außergewöhnlich. Man bekommt eine Ahnung, was hinter den Songs steckt. Abgeschlossen wird der Bonus-Part durch Auszüge aus der Online-Pressekonferenz zum Toronto Film Festival, auf dem der Streifen zum ersten Mal gezeigt wurde.

"In the terrain of rock bands - implosion or explosion is seemingly inevitable. U2 has defied the gravitational pull towards destructionÂ… this band has endured and thrived. 'From The Sky Down' asks the question why." (Davis Guggenheim)

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