Unheilig

Große Freiheit live (2 DVD)

Veröffentlicht: 11.06.2010 / Vertigo / Universal Music

Von: Andreas Weist

Unheilig

Durchhaltevermögen wird belohnt: Mit seinem siebten Album hat der Graf Deutschland im Sturm erobert und Unheilig an die Spitze der Charts gehievt. Ein Erfolg, der sich beim Vorgänger "Puppenspiel" schon andeutete, in letzter Konsequenz aber doch überraschte. "Große Freiheit" schoss aus dem Stand an die Chartspitze und wurde wenige Wochen nach Erscheinen in Deutschland und in Österreich mit Gold ausgezeichnet. Anscheinend war "Geboren um zu leben" genau die richtige Auskopplung im richtigen Moment. So etwas wie der berühmte Song für die Ewigkeit. Und es verwundert nicht, dass der Reigen regelmäßiger Live-Veröffentlichungen nach dem 2008er "Puppenspiel live" (das übrigens in der Bugwelle des momentanen Erfolgs ebenfalls in die Top 50 einstieg) nun auch "Große Freiheit live" vorsieht.

Für die Veröffentlichung hat man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Zwei Konzerte, zwei Regisseure, zwei Kamerateams – aber die Setlist ist gleich. 17 Tage liegen zwischen dem Konzert am 1. April 2010 im Münchner Zenith und dem am 17. April im Kölner Palladium. Die Herangehensweise zeigt gravierende Unterschiede, was den Vergleich durchaus interessant macht. Allein die Untertitel verraten bereits, was sich die Regisseure dachten: Markus Gerwinat betitelt den Gig in Köln schlicht "Das Konzert", Martin Müller wählt für das Münchner Gastspiel die Bezeichnung "Die musikalische Reise".

Das Bühnenbild ist dem Albumcover von "Große Freiheit" angepasst und kommt ohne viel Schnickschnack daher. Das Licht ist nicht schrill sondern in dezenten, warmen Tönen gehalten. Eine LCD-Leinwand ist einziges Effekt-Spielzeug. Dreh- und Angelpunkt des Konzerts bleibt der Graf als mystische Gestalt, mit unverkennbarer Stimme – manchmal mehr erzählend als singend. Der Protagonist ist mit unbändiger Energie unterwegs und verausgabt sich auf der Bühne. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich dem Herrn mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte diese leidenschaftliche Performance bis zur Erschöpfung nicht zugetraut hätte. Während der Songs zeigen Backstage-Aufnahmen den Grafen in seinen Erholungspausen hinter der Bühne und Film-Einspieler auf dem LCD-Schirm verkürzen die Wartezeit.

Manko bei DVD 1 – dem Kölner Konzert: Das Bild wirkt in der Totalen oft verschwommen und undifferenziert, in Großaufnahmen manchmal sehr hektisch. Ich muss sagen, dass dies den Genuss des Konzertes sehr stört und bisweilen amateurhaften Charakter hat. Was sich der Regisseur dabei dachte, bleibt mir ein Rätsel. An Klang, Song-Zusammenstellung und Performance gibt es nichts zu meckern. Die Setlist umfasst 19 Stücke, dabei zehn vom aktuellen Werk, das auch den konzeptionellen Rahmen des Konzerts vorgibt.

Eigentlich soll DVD 2 (München) die Bonusdisc sein, doch hier wirkt alles viel strukturierter. Die Livebilder sind klar und deutlich – entsprechen den heutigen Standards. Im Stil einer musikalischen Doku sind die Liveaufnahmen dann aber stärker von Filmbildern durchsetzt und verlassen oft für lange Zeit das Bühnengeschehen. Dadurch wird das Ergebnis steriler und man distanziert sich mehr vom Bühnengeschehen.

Für Filmschaffende dürfte der Doppelpack ein feines Anschauungsobjekt sein: Wie gehen verschiedene Regisseure mit dem gleichen Thema um? Quentin Tarantino und Wim Wenders verfilmen unabhängig voneinander "Das Boot" neu. Im Vergleich kommt bei "Das Konzert" die Live-Atmosphäre authentischer rüber und man fühlt sich mit allen Widrigkeiten im Geschehen drin. "Die musikalische Reise" hingegen ist entspannter anzuschauen und bietet visuellen Hochglanz-Genuss. Suum cuique, sagt der Lateiner dazu.

Die Deluxe Edition enthält zudem eine Doppel-Live-CD und ein dickes Buch mit Fotos und Stories zur Tour. Alte und neue Fans greifen schleunigst zu!

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