Concert For Diana (2 DVD-Set)

Die Geschichte beginnt wie ein Märchen: Es war einmal eine hübsche Prinzessin. Und so endet sie auch schon. Wären da nicht zwei junge Prinzen, die die Erinnerung an ihre Mutter aufrecht erhalten wollen, die sie selbst nie richtig kennen lernen durften. Klingt rührselig? Ist es auch. Das ganze Event und das Drumherum umschwebt eine Mischung aus Nostalgie und Kitsch, die nicht jeder ertragen kann. Ich muss gestehen: die Live-Übertragung im Fernsehen mit Reporterstimme und nervigen Webeeinblendungen musste ich mir sparen. Zum Glück gibt’s ja auch eine DVD-Veröffentlichung. Und da kommt die Geschichte doch sehr nett rüber.
Im Vorfeld wurde viel getönt und eine Reihe Namen in den luftleeren Raum gestellt. Beim Event selbst war es dann eher die zweite Reihe der Stars, die sich die Klinke in die Hand gab. Aber das auf sehr hohem Niveau. Die Doppel-DVD bietet das Rundum-Sorglos-Paket für alle Fans von Lady Di und / oder guter Musik. Die Bandauswahl soll, nach Auffassung der Prinzen oder vielleicht doch eher der Promoter, Interpreten umfassen, die Diana mochte oder mögen würde. So breit gefasst kann man natürlich nichts verkehrt machen. Die Aufzeichnung umfasst alles. Jede Ansage durch Familienmitglieder, Schauspieler und Moderatoren ist enthalten, alle Filmeinspielungen und alle performten Songs.
Es beginnt mit (wie soll es anders sein) Elton John, der sich standhaft weigerte, zum Millionsten Mal „Candle In The Wind“ anzustimmen und sich für „Your Song“ entschied. Gratulation zu dieser Wahl. „My gift is my song. And this one’s for you.” Gänsehaut pur. Duran Duran – ähm, bemühen sich. Und „Wild Boys“ kommt ja auch ganz gut an. Erste Überraschung ist James Morrison. Damit auf der Bühne umgebaut werden kann, wird er auf eine Art Vorbühne verbannt und liefert dort eine unglaubliche akustische Performance ab. Den jungen Mann muss man ihm Auge behalten. Lily Allen überzeugt mit „Smile“, Fergie mit „Big Girls Don´t Cry“. The Feeling und Pharrell Williams ohne besondere Höhepunkte. Erst Nelly Furtado bringt das Wembley Stadion wieder zum Kochen, bevor das English National Ballet mit dem „Schwanensee“ den ersten Akt beendet.
Keine Ahnung, wer auf die Idee mit den drei Akten kam und was die Einteilung bedeuten soll. Jedenfalls beginnt Akt 2 mit einer kleinen Erinnerung an Live Aid und den Altrockern Status Quo, die einen erstaunlich frischen Auftritt hinlegen. Hut ab. Dann stürmt der barfüßige Wirbelwind Joss Stone die Bühne. Immer wieder erstaunlich, welches Stimmvolumen dieses zarte Wesen erzeugen kann. Roger Hodgson ist klar der Höhepunkt des zweiten Akts. Sein Set mit Supertramp-Klassikern, die durch seine Charakterstimme leben und die er nur am Piano begleitet (zeitweise mit Saxophon-Unterstützung), ist einfach famos. Das können auch Tom Jones und Joe Perry nicht steigern. Natasha Bedingfield beschränkt sich leider auf einen Song („Unwritten“): Das hätte ruhig mehr sein dürfen. Bryan Ferry verbreitet den gewohnten Glamour on stage, kann mich aber nicht vom Hocker reißen. Ich behaupte mal, dass seine Zeit einfach vorbei ist. Abgeschlossen wird Akt 2 durch eine Aneinanderreihung bekannter Musicalmelodien von Andrew Lloyd Webber (der auch selbst anwesend ist), interpretiert von illustren Größen wie Anastacia, Andrea Bocelli, Sarah Brightman und Jason Donovan.
Für Akt 3 hätte ich mir nun den Höhepunkt erwartet – aber orientiert an der klassischen Tragödie ist der Höhepunkt wohl schon vorbei und es geht zur Auflösung bergab. Rod Stewart hätte man sich wirklich sparen können. Der alte Mann spult sein Programm recht emotionslos ab. Zum Glück gibt es die Skip-Taste. Besser Kanye West, der das jüngere Publikum auf den Plan ruft und feste im Griff hat. Überraschenderweise ist es aber P. Diddy, der mit nur einem Song die Massen im Wembley-Stadion dazu bringt, ihre Stimme gen Himmel zu erheben und mit Diana zu kommunizieren, die „ganz sicher irgendwo da oben ist und auf uns runter schaut“. Ein genialer Entertainer. Bisher konnte ich mit dem auf Police-Samples gerappten „I’ll Be Missing You“ rein gar nicht anfangen – aber so bekommt es einen neuen Stellenwert.
Zum Schluss dann doch noch Stars aus der neuen (alten) ersten Reihe. Take That gehören auf dieses Event wie das Amen in die Kirche. Und sie singen mit „Shine“ und „Patience“ zwei neue Songs, die jetzt schon Klassiker sind, und packen noch „Back For Good“ mit drauf. Grandios. Wer hätte das vor zwei Jahren für möglich gehalten? Für mich spielen die vier Rest-Boygroupler inzwischen Robbie Williams locker an die Wand. Elton John beschließt das Konzert nach gut 5 Stunden und 40 Minuten, bevor nochmal viel Melancholie ausbricht und zu den Klängen von „These Are The Days Of Our Lives“ (Queen vom Band) Fotos aus Dis Kindheit über die Leinwände flimmern. Wer jetzt kein Taschentuch griffbereit hat...
Die Filmeinspielungen zwischendurch lassen Zeitzeugen zu Wort kommen, die Diana aus verschiedenen Gelegenheiten kannten und vor allem von ihrer menschlichen Seite berichten. Darunter z.B. eine Vielzahl von Charity-Organisationen, die Diana unterstützte und denen auch in ihrem Sinne der Erlös aus Konzert, Fernsehübertragungen und eben der vorliegenden DVD zufließt. Zwei Filme, die gedreht wurden, es aber nicht auf die Showbühne schafften, gibt es als Bonusmaterial. Außerdem eine Dokumentation nach dem Motto „Making Of“.
Die musikalische Mischung ist breit gefächert. Jeder wird seine persönlichen Highlights haben. Da das ganze auch noch für den guten Zweck ist, sag ich einfach mal: greift zu. Hier wird ein Stück Zeitgeschichte lebendig.