Live Earth - The Concerts For A Clima In Crisis (2 DVD / CD)

Nach dem Vorbild von Bob Geldofs Live Aid (1985) und Live 8 (2005) wollte der ehemalige demokratische US-Vize-Präsident Al Gore ein Projekt initiieren, das die vorangegangenen weltweiten Konzertereignisse in den Schatten stellen und sich inhaltlich der globalen Erwärmung und dem Klimaschutz widmen sollte. Eins ist Gore gelungen: Von den Dimensionen war Live Earth sicherlich das bisher größte Event dieser Art. 24 Stunden lang Musik auf allen Kontinenten. Das hatte bisher noch niemand geschafft. Doch wenn ich an Live Aid in den 80ern denke, dann war im Jahr 2007 irgendwie der Zauber weg. Vielleicht sind wir schon zu sehr an diese globalen Ereignisse gewöhnt? Der Hype zumindest, sich im Freundeskreis zu treffen und Stunden gemeinsam vor dem Fernseher zu verbringen – wie 1985 – stellte sich bei Live Earth nicht ein.
Die nun erscheinende DVD-Veröffentlichung hat zumindest einen entscheidenden Vorteil: Sie bietet Musikgenuss ohne das nervende Nachrichtenband von N24 oder das konfuse Hin- und Hergeschalte von Pro7. Zudem muss ich mich nicht mehr wegen der widersprüchlichen Angaben zu Uhrzeit und Reihenfolge auftretender Künstler ärgern.
Leider bietet die DVD aber nur einen Bruchteil der auftretenden Bands, konzentriert sich vor allem auf London und New Jersey, und die genialen Interpreten des deutschen Konzerts (Juli, Mando Diao, Maria Mena, Mia., Shakira, Silbermond) kommen überhaupt nicht zu Wort. Alle gezeigten Acts sind zudem nur mit einem einzigen Song vertreten, was den Ablauf doch ziemlich hektisch wirken lässt. Von der Länge her haben wir eine DVD mit 117 und eine mit 86 Minuten Konzert. Da wäre doch noch einiges mehr drin gewesen (wenn man zwei Double-Layer als Ausgangsbasis nimmt).
Zur Musik. Der DVD-Release startet im Wembley-Stadion mit den sogenannten SOS All-Stars, nämlich den Schlagzeugern Roger Taylor, Taylor Hawkins und Chad Smith, die mit Unterstützung diverser Rhythmusgruppen eine gewaltige Percussion-Kulisse aufbauen. Dann dürfen schon Genesis zu früher Stunde ran, die ihrem Ruf als Dinosaurier souverän gerecht werden. Snow Patrol interpretieren filigran und atmosphärisch „Shut Your Eyes“ bevor das unsägliche „Que Sera, Sera“ von Damien Rice & David Gray mich verzweifelt nach der Skip-Taste suchen läst. Aus New Jersey meldet sich KT Tunstall mit rauchiger Stimme. Dann folgen Taking Back Sunday, von denen ich noch nie gehört habe, die aber sehr rockig daherkommen. Paolo Nutini trägt bei „What A Wonderful World“ pathetisch dick auf und legt dabei ein schauerliches Extrem-Vibrato in die Stimme.
Die Black Eyed Peas zeigen sich mit „Where Is The Love“ von ihrer besten Seite. Danach dürfen Duran Duran beweisen, dass sie live mehr drauf haben als ihren nostalgischen Elektropop. John Mayer ist überraschen gut – fast genial – und präsentiert eine sehr eindringliche Version von „Gravity“. Keane, Metallica und Melissa Etheridge sind musikalisch und von ihrer Bühnenpräsenz jeder für sich eine Bank. Al Gore hat sich damit das richtige Umfeld ausgesucht, um eine seiner Blut- und Tränen-Reden zu schwingen.
Kelly Clarkson bringt „Sober“ in einer Akustikversion auf die Bühne, bei der sie zu Beginn sehr zerbrechlich wirkt, aber voll Power ein Finale auffährt das sich gewaschen hat. Aus Johannesburg wird Angelique Kidjo mit einer schönen rhythmischen Performance eingeblendet. Anschließend vom gleichen Ort Joss Stone mit ihrer unglaublich ausdrucksstarken Soulstimme und „Right To Be Wrong“. Den Abschluss der ersten Scheibe bilden der Schmusepop von James Blunt und die elektrischen Rhythmen zu Hip-Hop-Gesang von den Beastie Boys, die mich einmal mehr nicht vom Hocker reißen.
Silberling 2 startet mit einem netten Duett zwischen Keith Urban und Alicia Keys. Es flogt endlich ein Beitrag aus Hamburg, aber (aaaah) ausgerechnet Enrique Iglesias, der uns vor dem Rest der Welt ausreichend blamiert. Dann auch hier eine Überraschung: Missy Higgins mit „Steer“ – eine wahrlich bezaubernde Stimme, die wunderschönen Folkrock auf die Bühne bringt. Wolfmother, straight, Chris Cornell, melancholisch, und Bon Jovi, entspannt, setzen den Reigen vor.
Dann darf Lenny Kravitz die Millionen Zuschauer am Strand von Rio de Janeiro zum Kochen bringen. Die Smashing Pumpkins kreieren in New Jersey mit „United States“ einen genialen Gitarrensound, der in Dolby Surround die Wände vibrieren lässt. Als wiedergekehrte Heroen der 70er und 80er sind Roger Waters und The Police am Start. Dann zeigen Crowded House, die australischen Superstars, mit „Better Be Home Soon“ einen Ausschnitt aus dem vielleicht längsten Konzert des Tages.
Rihanna beweist mit einer gelungenen Version von „Umbrella“, dass sie auch live gut rüberkommt und nicht nur überproduzierte Discosongs zu bieten hat. Zum Finale gibt es noch zwei energiegeladene Rockhämmer von Linkin Park und den Foo Fighters. Dann bringt Madonna das Festival gemeinsam mit den Gypsie-Folkern Gogol Bordello absolut kultig zum Abschluss. Gerade letztere Performance ist der Wahnsinn im Quadrat.
Insgesamt haben wir so 36 Songs in einem bunten Querschnitt, der zumindest einen netten Eindruck des 07.07.07 vermittelt.
Im Dokuteil darf Al Gore (der Alptraum aller Kraftwerkbesitzer, Autohersteller und Flugreisenden) Idee und Geschichte des Konzepts erläutern, beginnend mit seinen Vortragsreihen, dem Kinofilm und schließlich der Umsetzung der Live-Earth-Idee. Dazu hat er 33 Minuten Zeit. Dann werden noch sieben Kurzfilme zur Thematik untergebracht.
Die begleitende CD bietet 15 Songs, die zum großen Teil den Titeln der DVDs entsprechen. Positiv sticht Madonna mit „Hey You“ heraus – einem klasse Song, in dem sie aus Anlass des Festivals alle Register ihres Könnens zieht. Negativ fällt mir wieder das unsägliche „Que Sera, Sera“ auf. Brrrr.
(Musik-)historisch gesehen ist die Compilation eigentlich ein Muss. Was hat die Verantwortlichen aber geritten, sich auf diese knappe Auswahl zu beschränken? Da hätte man mehr draus machen können. Trotzdem gute 7 Sterne. Al Gore nervt zwar inzwischen genau wie weiland Bob Geldof, doch abseits von allem politischen Gutmenschentum hatten wir mal einen Tag voller guter Musik. Und so soll der 7.7.2007 auch in Erinnerung bleiben.