Various Artists

WOODSTOCK - Ultimate Collector’s Edition (4-Discs)

Veröffentlicht: 24.07.2009 / Warner Home Video

Von: Andreas Weist

Various Artists

Der Jahrestag nähert sich mit großen Schritten: Vor vierzig Jahren fand in Bethel im US-Bundestaat New York das wichtigste Musikfestival aller Zeiten statt – ein Ereignis, das die Musikwelt für immer verändern und ihr eine neue, politische Dimension mit auf den Weg geben sollte. "3 Days Of Peace  Music" umschreibt Regisseur Michael Wadleigh gekonnt das historische Filmdokument über die drei Tage vom 15. bis 17. August 1969. Erst durch diesen Film wurde das Phänomen Woodstock den Menschen über die USA hinaus bekannt gemacht und der Legendenstatus der "Mutter aller Open-Air-Festivals" begründet. Der jetzt zum Jubiläum in einer ultimativen Edition vorliegende Director’s Cut mit einer Gesamtlänge von gut 210 Minuten wurde klanglich überarbeitet und gegenüber dem ursprünglichen Kinofilm um einige Auftritte bekannter Rockgrößen erweitert. In seiner Ursprungsversion gewann der Streifen zwei Oscars für den besten Dokumentarfilm und den besten Schnitt.

Der lange Film wird auf zwei Discs aufgeteilt. Der Zuschauer darf sich auf stimmungsvolle, von Musik unterlegte Bilder freuen, die sich mit Interviews, Hintergrundberichten und Mitschnitten der Auftritte abwechseln. Bild und Ton sind von erstaunlich guter Qualität – nur der häufig zweigeteilte Bildschirm nervt mich etwas, ohne den es aber sicher den zweiten Oscar nicht gegeben hätte. Die Splitscreen-Technik war innovativ, doch sie lenkt das Auge zu sehr ab und man weiß kaum, wo man hinschauen soll. Die Eindrücke sind umfassend. Man sieht Bilder vom Bühnenaufbau und vom Eintreffen der Zuschauer. Einige Infos kann man aus Interviews, Kommentaren und Ansagen ziehen, z.B. dass die Erwartungen der Veranstalter irgendwo zwischen 60.000 und 200.000 Besuchern lagen, während sich in Wirklichkeit rund eine Million auf den Weg machten, von denen ob des Verkehrschaos‘ gerade mal 400.000 das Gelände erreichte. Wer eine Karte hatte, hatte nicht etwa Glück, sondern Pech, da aufgrund des Ansturms schon nach kurzer Zeit die Kassen geschlossen wurden und das Festival für kostenlos erklärt wurde.

Wenn man so nach 40 Jahren die Bilder betrachtet, ahnt man zumindest, was das Establishment von der Geschichte halten musste: Da kommen Hunderttausende "Hippies" zusammen und vereinen sich zu einer riesigen neuen Stadt, konsumieren Drogen und zeigen sich nackt in der Öffentlichkeit. Ein Skandal, der letztendlich keiner war, denn zudem wird gezeigt, wie friedlich alles ablief und wie souverän die Menge sich im Chaos selbst organisierte. Die Zustände waren verheerend – erklärbar daraus, dass sowohl Zuschauer als auch Veranstalter nicht mit den Dimensionen gerechnet hatten und absolut unzureichend ausgestattet waren, egal ob es um Nahrungsmittel, wetterfeste Kleidung oder hygienische Standards ging. Zu Recht wird das Gelände bereits am zweiten Tag als "Katastrophengebiet" bezeichnet. Der Stimmung tut das aber keinen Abbruch, wie man an vergnügten Schlammschlachten und philosophisch angehauchten Zustandsbeschreibungen erkennen kann.

Die musikalische Seite zeigt, wie wir alle wissen, die üblichen Verdächtigen, die durch Woodstock zu Ruhm und Ehre gelangten: Richie Havens startet den Reigen. Joan Baez hat die Menge mit der Schilderung vom Gefängnisaufenthalt ihres Mannes wegen Kriegsdienstverweigerung voll im Griff. Dann singt sie mit einer Stimme, die alles um sie herum zum Verstummen bringt, "Joe Hill" und eine a-cappella-Version von "Swing Low, Sweet Chariot". The Who geben den "Summertime Blues" und der junge Joe Cocker bewegt sich zu "With A Little Help From My Friends" so gestelzt wie 40 Jahre später noch. Teil 1 des Films endet mit Country Joe & The Fish, Crosby, Stills & Nash sowie Ten Years After.

Auch Teil 2 hat aussagekräftige Bilder zu bieten. Zuschauer telefonieren mit ihren Eltern, um zu versichern, dass alles okay ist (und es gibt Tipps für kostenlose R-Gespräche). Ausgerechnet die Armee – gegen die sich das Ereignis im Grunde genommen richtet – schickt Ärzteteams per Hubschrauber für die notwendige medizinische Versorgung. Auch die Schattenseiten werden nicht außen vor gelassen: Der Film zeigt ernsthaft verzweifelte Menschen, die vom Gelände wollen, aber nicht können – die Platzangst empfinden und in Weinkrämpfe ausbrechen. Ein City McGee wird ausgerufen, weil seine Frau entbindet. John Sebastian nimmt das zum Anlass "Younger Generation" zu singen, was die Filmemacher mit Kinderbildern vom Festivalgelände untermalen. Das sind wahrlich magische Momente des Films. Carlos Santana und Janis Joplin legen die Performances ihres Lebens hin. Und dann endet der Film mit Jimi Hendrix: "Vodoo Child", "The Star-spangled Banner" in seiner berühmten Version, die die Gitarrenriffs zu Bombenattacken werden lässt, und schließlich "Purple Haze".

Der Film ist komplett auf englisch mit deutschen Untertiteln – allerdings nur in der Version für Hörgeschädigte, was dann doch seltsam anmutet. Den im Pressetext angekündigten Audiokommentar der Filmemacher konnte ich leider nicht finden. Abschließend bleibt aber zu sagen, dass es der Doku wie keiner anderen gelingt, den Geist des Festivals einzufangen – durch Bilder, Musik und Statements von allen Seiten (und damit meine ich entschiedene Gegner bis hin zu den glückseligen Besuchern und Veranstaltern).

Die Extras: Disc 1 enthält als Bonus  die 4,5minütige Doku "The Museum At Bethel Woods" zu der Erinnerungsstätte, die am Gelände entstand. Eine komplette DVD befasst sich mit "Untold Stories" also Mitschnitten, die es nicht auf den Film geschafft haben. Da wäre die vollständige Festivaleröffnung, Auftritte von Joan Baez ("One Day At A Time"), Canned Heat ("On The Road Again"), Grateful Dead ("Turn On Your Love Light"), Creedence Clearwater Revival ("I Put A Spell On You"), The Who ("My Generation") und Jimi Hendrix ("Spanish Castle Magic"). Beeindruckend auch die extravagante Performance von Sha-Na-Na ("Teean Angel"), die sicher manchen Zuschauer etwas verwirrt und skeptisch zurück gelassen hat. Und natürlich der Festivalabschluss mit dem eindringlichen Apell an alle, einen Müllsack zu füllen und mitzunehmen. Auch das ist ganz großes Kino.

Disc 4 widmet sich der Doku zur Doku "Vom Festival zum Film". Wir erfahren viel über Kameras, Filmmaterial und die Widrigkeiten des Filmens, lernen Chip Monck kennen, der unverhofft zum Moderator des Festivals wurde, und dürfen O-Töne von Regisseur Michael Wadleigh, Veranstalter Michael Lang und dem damaligen Cutter und Regieassistenten Martin Scorsese auf uns wirken lassen. Auch die kritische Würdigung des Ereignisses und des in ihm steckenden Idealismus‘ kommen nicht zu kurz. Woodstock mag auch nach fast vierzig Jahren als die beste Doku aller Zeiten gelten. Ich habe sicher nicht genug Dokufilme gesehen, um dies final zu bestätigen – aber eines kann ich behaupten: Dieses Filmdokument sollte jeder Musikbegeisterte einmal gesehen haben.

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