Interview mit Alin Coen in der Bonner Klangstation

(Alin Coen Band)

16.09.2010 von Thomas Kröll

Die Songs der Alin Coen Band erzählen vom Hoffen und Scheitern, vom Lieben und Loslassen. Ihre Musik entspringt dem Folk, durchwandert den Pop und trifft schließlich mitten ins Herz. Und was die Vier auf die Bühne bringen, hat eine geradezu ansteckende Leichtigkeit. Am 27. August erschien ihr Debütalbum "Wer bist du?" und MHQ-Chefredakteur Thomas Kröll nahm die Gelegenheit wahr, um Alin Coen vor ihrem Konzert in der Bonner Klangstation ein paar Fragen zu stellen. Im Interview spricht die symphatische 28-Jährige offen über Persönliches, ihre Musik und warum sie einmal vor Lampenfieber fast gestorben wäre.

Vor drei Jahren hatten wir zum ersten Mal Kontakt. Damals habt ihr auf euren Konzerten noch eine selbstproduzierte 7-Track-EP verkauft. Dann habe ich längere Zeit nichts von dir gehört. Jetzt ist vor kurzem euer Debütalbum erschienen und inzwischen laufen eure Songs sogar im Radio. Was ist in den letzten drei Jahren passiert?

Alin Coen: Ist das schon drei Jahre her? 2007 haben wir uns ja eigentlich erst gegründet und haben dann in einem Jahr insgesamt drei Konzerte gespielt. Wir waren am Anfang also noch nicht so aktiv. 2008 haben wir dann schon ab und zu eine Tour gemacht. Unsere Mai-Tour war zehn Tage lang. Seit 2008 haben wir übrigens jeden Mai eine Tour gemacht. Dann haben wir 2008 beim Popcamp mitgemacht, nach dem wir beschlossen haben ein Album aufzunehmen. Besser gesagt, die Jungs haben mich darauf hingewiesen, dass wir reif dafür sind und ich habe die Jungs darauf hingewiesen, dass wir noch nicht reif dafür sind (lacht). Irgendwann waren aber genug Lieder da und wir haben dieses Album in Angriff genommen. Zusammen mit Frank Möbus und Kosho (Gitarrist der Söhne Mannheims, d.Red.), die beim Popcamp Dozenten waren, was sich dann aber als doch nicht so praktisch erwiesen hat, weil die beiden so wenig Zeit hatten. Daraufhin haben wir das Ganze an Nils Frahm gegeben, der ein Freund von mir ist und haben mit ihm monatelang dran gesessen das aufzunehmen und zusammenzuschweißen. In der Zwischenzeit haben wir eine Kanada-Tour gemacht und waren mehrere Male in Deutschland auf Tour. Anfang 2009 haben wir dann ein Management gefunden und einen Vertrag mit Rough Trade als Vertrieb bekommen. Wir haben inzwischen sogar vier neue Stücke auf der Tour mit dabei und grosse Lust das nächste Album anzugehen.

Ihr seid jetzt seit Ende August auf Tour. Seid ihr zufrieden bisher?

Alin Coen: Ja, total. Man merkt, dass es wächst. Man merkt, dass mehr Leute davon etwas mitbekommen und die Begeisterung, die im Publikum stattfindet, wächst definitiv. Ich glaube auch, dass wir uns entwickeln, vor allem mit dem neuen Zeug, das wir jetzt dabei haben. Und ich glaube, dass die Leute das auch mitkriegen, dass wir als Band immer doller zusammenwachsen und immer mehr unseren eigenen Platz finden.

Was ist das für ein Gefühl, wenn du plötzlich deine eigenen Songs im Radio hörst?

Alin Coen: Ich habs noch nie im Radio gehört. Ich warte die ganze Zeit darauf, was das dann für ein Gefühl ist (lacht). Aber ich weiß es einfach noch nicht, weil es mir noch nie passiert ist.

Das Album ist zweisprachig. Also Deutsch und Englisch.

Alin Coen: Und einmal auch ohne Sprache. Zweisprachig und sprachlos.

Also quasi dreisprachig. Warum hast du dich nicht auf eine Sprache festgelegt?

Alin Coen: Das wollte ich nicht. Ich habe von Anfang an zweisprachig geschrieben. Ich bin in Schweden gewesen, als ich angefangen habe zu schreiben und da war es total logisch auf Englisch zu schreiben. Mein Schwedisch ist nur sehr minimal. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, mit Spanisch und Deutsch, weil mein Vater Mexikaner ist. Vielleicht hat man dadurch einfach schon eine andere Wahrnehmung von Sprache. Man denkt einfach in verschiedenen Sprachen. Für mich ist das keine fremde Kiste. Ich war zweieinhalb Jahre mit einem Australier zusammen und mit dem habe ich nur Englisch gesprochen. Für mich ist Englisch also auch eine Alltagssprache.

Und du willst es auch so belassen?

Alin Coen: Wir expandieren gerade sprachmäßig. Wir haben jetzt noch ein französisisches Stück dabei. Und ich glaube, dass es nicht mehr lange dauert, bis ich auch Spanisch mit dabei habe. Spanisch singt sich so schön und fühlt sich so schön an. Und wir müssen nicht denken: Was lässt sich denn vermarkten? Wir können denken: Was möchten wir denn machen? Was wollen wir gerne als Kunst machen?

Aber vielleicht kommt ja irgendwann der Tag, an dem jemand sagt: Also um die Kiste gross zu machen, müsst ihr euch jetzt mal auf eine Sprache festlegen.

Alin Coen: Den Tag gab es ja schon. Aber da haben wir Nein Danke gesagt.

Demnach würdest du deine künstlerische Freiheit immer über den kommerziellen Erfolg stellen?

Alin Coen: Zur Zeit ja. Noch habe ich die Freiheit das so zu entscheiden. Ich glaube, ich werde diese Freiheit auch behalten, weil ich das Gefühl habe, nicht abhängig zu sein von Leuten, die mir etwas vorschreiben wollen. Bevor jemand anfängt, mich beim Musikmachen beschränken zu wollen, lasse ich es lieber sein. Ich will nicht auf Teufel komm raus erfolgreich sein. Das mit der Musik ist jetzt gerade total wichtig und total gut, aber wenn sich das irgendwann nicht mehr richtig anfühlt oder zu beengend wird, ist da mit meinem Studium des Wasser-Ressourcen-Managements definitiv auch noch ein anderes Standbein.

Das Debütalbum der Alin Coen Band "Wer bist du?" ist seit Ende August im Handel!

Du betrachtest die Musik im Moment also noch mehr als Hobby?

Alin Coen (laut): Nein! Überhaupt nicht! (wieder leiser) Seit zwei Jahren mache ich nichts anderes als Musik. Ich habe die Musik auch während des Studiums nicht als Hobby betrachtet. Für mich ist Musik Leidenschaft und ein ganz wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeit.

Du bist geboren in Hamburg. Dann steht in deiner Biographie was von Indien, Osttimor, Kanada, Australien, Schweden und Weimar. Wo hat es dir am besten gefallen?

Alin Coen: Das kann ich garnicht so sagen. Ich will eigentlich immer weiter. In Osttimor war ich nur eine kurze Zeit. Aber das war für mich sehr, sehr spannend in so reduzierten Verhältnissen zu leben. Ich habe in einer Ministadt von 4.000 Einwohnern gewohnt, wo es nur zwischen zwei Uhr nachmittags und sechs Uhr abends Strom gab und kein fließendes Wasser. Das war für mich eine beeindruckende Zeit, weil das während eines Bürgerkonfliktes in der Hauptstadt war. Da hat man internationale Politik hautnah miterlebt. Friedenstruppeneinsatz und so ein Kram. Das war eine ganz, ganz krasse Zeit für mich, weil Kriegsprobleme auch ein Thema ist, das mich sehr beschäftigt. Und auch mitzubekommen, dass solche Organisationen wie die UNO zwar ihr Bestes versuchen, aber dass da auch ganz, ganz viel schiefläuft. Aber ich halte es in Weimar immerhin schon seit sieben Jahren aus. Es gefällt mir mit der Band zusammen zu arbeiten, sonst wäre ich da wahrscheinlich auch schon wieder weg. In der Zukunft sehe ich mich eher in Toronto oder mal schauen, was es sonst noch für schöne Städte gibt. Aber ich denke, dass das nicht unbedingt Deutschland bleiben wird, wo ich dann lebe.

Ihr habt euer eigenes Label. War dessen Gründung auch darin begründet, damit euch nicht irgendein dicker Labelboss in eure Musik reinreden kann?

Alin Coen: Ja, es hat vielleicht deswegen eine Rolle gespielt, weil es auf Seiten der Labels scheinbar kein so grosses Interesse an uns gab. Und bevor wir uns dafür verbiegen, dass irgend jemand an uns interessiert ist, gründen wir lieber ein eigenes Label. Es kann sein, dass sich das verändern wird, aber im Moment habe ich nicht das Gefühl, dass ich das verändern muss. Wir versuchen es. Bis zu einem gewissen Anteil sind natürlich auch wir kommerziell. Nicht so, dass es uns in unserer Musik beeinflusst, aber wir bemühen uns, dass die Platte von möglichst vielen Leuten wahrgenommen wird.

Das Label heisst "Pflanz einen Baum". Was bedeutet der Name?

Alin Coen: Wir haben ein Lied gehabt, das "Pflanz einen Baum" hieß. Ein Metalstück. Ich kann es dir vorsingen... nee, lieber doch nicht, da mache ich mir jedes Mal die Stimme kaputt, wenn ich das singe (lacht). Ich glaube, das Lied ist am selben Tag entstanden wie unser Lied "Augensalat". Soviel Ernsthaftigkeit ist dem also beizumessen (lacht). Es ist für uns einfach so ein lustiges Ding gewesen. Ein Metalstück zu dem man "Pflanz einen Baum" singt.

Ach, und ich habe mir im Vorfeld hochphilosophische Gedanken über diesen Namen gemacht. Planz einen Baum, irgendwas wächst, der Baum verliert dann irgendwann mal seine Blätter, dann kriegt er wieder neue... aber es hört sich schön an. Na gut. Was mich an eurem Album besonders begeistert hat waren die Texte. Woher bekommst du die Ideen dafür? Und wieviel davon ist autobiographisch?

Alin Coen: Alles ist zu einem gewissen Anteil autobiographisch. Ich habe Gedanken von anderen Menschen mit einfließen lassen, die mir ihre Gefühle mitgeteilt haben. Insbesondere bei "Festhalten" ist es mir immer wieder ein Anliegen darauf hinzuweisen, dass es nicht aus meiner Perspektive geschrieben ist. Die Inspiration für die Lieder kommt aus Gefühlen, die mich ganz doll beschäftigen. Das was mir den Kopf zermartert hat, habe ich dann irgendwann mal in Liedform gepackt. Wobei die Sachen die ich darin beschreibe, häufig schon ewig lange zurückgelegen haben und ich dann aber erst Lust hatte etwas darüber zu schreiben.

Mit welchen Erwartungen gehst du heute hier in Bonn auf die Bühne?

Alin Coen: Wir haben die ganz grosse Hoffnung, dass so viele Leute kommen, dass wir zumindest die Ladenmiete wieder drin haben.

Hast du Lampenfieber vor einem Konzert?

Alin Coen: Heute geht es mal wieder. Aber ab und zu passiert mir das.

Und wie äußert sich das dann?

Alin Coen: In einem gewissen Unbehagen. Es ist einfach Schiss, ein bisschen Angst davor auf die Bühne zu gehen. Es hilft auf jeden Fall auf Tour zu sein, denn da baut man das wieder ab. Wir haben zum Beispiel ein Konzert gegeben, nachdem wir zwei Monate garnicht gespielt haben und da habe ich echt Muffensausen gehabt. Aber es bleibt innerlich, glaube ich. Ich belämmere keine anderen Leute mit meinem Lampenfieber. Außer neulich bei "Inas Nacht" in der ARD, wo ich auftreten durfte. Da wurde mir schon einen Monat vorher gesagt, dass da zwei Millionen Leute zugucken. Ich habe da ein Lied gespielt und der Tag der Aufzeichnung hat mich fertig gemacht. Ich habe die ganze Zeit Atemübungen und so einen Kram machen müssen um runterzukommen. Ich bin gestorben vor Angst. Das hatte ich so vorher auch noch nie bei mir erlebt.

Wenn ich mir vorstelle, ich müsste auf eine Bühne gehen und vor 40, 400 oder 4.000 Leuten Musik machen, dann würde ich auch sterben, glaube ich.

Alin Coen: Aber das hilft ja nicht, wenn man glaubt, dass man sterben muss (lacht). Konzentration ist ganz wichtig.

Wie geht es weiter mit der Alin Coen Band? Die Tour ist nun bald zu Ende. Du hast gesagt, dass ihr schon vier neue Songs fertig habt. Also nehme ich an, dass es bald ein zweites Album gibt.

Alin Coen: Ja, nächstes Jahr bestimmt. Im Januar supporte ich erstmal Philipp Poisel bei einigen seiner Konzerte. Und im März und April gehen wir wieder auf eigene Tour mit der Band. Dann etwas grösser hoffentlich. Ich mache quasi die Vorhut für die Band. Unser Plan für das neue Album ist, dass wir zwanzig neue Lieder machen und dann zwölf davon auswählen.

Dann drücke ich euch die Daumen und bedanke mich für das Gespräch!

Wie das Konzert der Alin Coen Band in Bonn gelaufen ist, könnt ihr HIER nachlesen!

 

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