Interview mit Sel Balamir in Köln

(Amplifier)

11.06.2011 von Shirin K

Es gibt massig einfach konsumierbare Musik auf dieser Welt, die man wie eine Suppe löffeln kann, schnell und ohne kauen zu müssen. Müsste ich dieses Bild auf Amplifiers Musik übertragen, könnte ich dennoch nicht den Vergleich zu einem Fünf-Gänge-Menü ziehen. Denn der Vergleich würde hinken, wenn man spätestens am Ende des Fünf-Gänge-Menüs festgestellt hat, dass man immer noch nicht genug hat. Sättigungsgefühl? Mitnichten! "The Octopus", Anfang 2011 erschienen, ist das aktuelle Meisterwerk der Band aus Manchester und hat bereits den Stellenwert eines Klassikers erhalten. Der Grund dafür ist klar, oder vielleicht auch nicht so klar, denn um dieses Doppelalbum zu konsumieren, braucht man vieeeeeeeel Zeit, viel Muße und vielleicht auch einen guten Wein zum VerdauenÂ… und am nächsten Tag kann man das Ganze nochmal von vorne anfangen. Der Vorteil: Musik macht nicht fett, nur glücklich. Ich traf mich mit Sel Balamir, Sänger und Mastermind der Band, in Köln, um mit ihm über die Entstehung des Albums und die Arbeitsweise der Band zu sprechen. Leider war die Zeit sehr knapp, denn der Nerd in mir hätte zu gerne noch viel mehr Fragen gestellt...

Amplifier - der Name ist Programm (alle Fotos von Shirin Kasraeian)!

Hallo Sel, könntest du bitte dich und die Band kurz vorstellen?

Sel Balamir: Hi, ich bin Sel, ich bin Sänger und Gitarrist von Amplifier und wir haben uns 1998, 1999 in Manchester gegründet, zumindest war 1999 das Jahr, in dem wir unser erstes Konzert gegeben haben. Im Übrigen kommt keiner von uns ursprünglich aus Manchester – ich komme aus London, unser Bassist Neil kommt aus Dublin und unser Drummer Matt aus Cardiff. Wir haben uns in Manchester getroffen und haben gemeinsam Musik gemacht, anfangs nicht unbedingt, um eine Band zu gründen, sondern nur aus Spaß am Musikmachen. Und dann wurde daraus die Band Amplifier.

Wie würdest du eure Musik jemandem beschreiben, der noch nie etwas von euch gehört hat?

Sel Balamir: In erster Linie spielen wir natürlich Rock, teilweise sehr heavy, teilweise sehr psychedelisch, teilweise Stoner. Man kann unseren Stil nicht unbedingt als klassischen Rock bezeichnen, vielleicht höchstens als neuen modernen klassischen Rock. Wir sehen unsere Wurzeln eher in Bands wie Pink Floyd, The Who oder den Beatles, vor allem, was die Herangehensweise beim Schreiben und Komponieren von Songs angeht, aber das Ganze eben in die Moderne transportiert. Wenn man uns mit Bands aus der neueren Zeit vergleichen müsste, würden wir sagen, dass wir da weitergemacht haben, wo Nirvana oder Soundgarden aufgehört haben, nur dass wir diese Art von Musik mit den klassischen britischen 70er-Jahre-Acts vermischt haben.

Ihr habt euch nach eurem vorletzten Album von eurem Label getrennt und dann die letzten vier Jahre damit verbracht, an eurer aktuellen Scheibe "The Octopus" zu arbeiten...

Sel Balamir: Ja, es waren allein schon anderthalb Jahre nötig, um das Material zu schreiben, und danach nochmal zwei Jahre, in denen wir ins Studio gegangen sind Â… Wir haben es uns ziemlich schwergemacht, denn wir wollten es nicht wie ein Studioalbum aufnehmen, sondern eher wie ein Live-Album. Dafür mussten wir den Prozess umstrukturieren. Bis wir alles zusammengetragen hatten, dauerte es einfach nochmal anderthalb Jahre, naja, und am Ende waren es insgesamt vier Jahre, bis wir mit dem Album fertig waren. Wir hätten uns die Zeit definitiv nicht lassen können, wenn wir bei einem Label gewesen wären.

Müsst ihr nebenher noch arbeiten? Habt ihr noch richtige Berufe, so 9 to 5-mäßig?

Sel Balamir: Richtige Berufe? (lacht) Das IST ein richtiger Beruf. Und mehr als 9 to 5, es ist eher 24/7, vor allem jetzt, wo wir alles selbst machen. Wir hätten überhaupt keine Zeit, um etwas Anderes zu machen. Das ist so, wenn man kein Label hat: Man muss alles selbst machen. Aber das ist auch gleichzeitig das Beste an der ganzen Sache.

"The Octopus" ist ja eine Doppel-CD. War das von Anfang an so geplant?

Sel Balamir: Nein, wir haben wirklich angefangen, Musik zu machen, ohne irgendetwas zu planen. Irgendwann wurde uns dann klar, dass der Umfang für ein Album zu groß war. Und da wir keinen Restriktionen unterlagen, was den Umfang anging, haben wir es als Doppelalbum heraugegeben.

Live im Underground - Sel Balamir lädt zum Weltuntergang ein.

Wart ihr überrascht vom Erfolg des "Octopus", immerhin wurde es fast einstimmig in den Himmel gelobt...

Sel Balamir: Naja, man kann natürlich nie wissen, wie die Leute auf ein neues Werk reagieren. Ich glaube aber wirklich, dass einer der Gründe, warum die Leute "The Octopus" so gerne mögen, ist, dass wir alles selbst gemacht haben. Um ehrlich zu sein, habe ich in den meisten Interviews, die ich geführt habe, nie über die Musik gesprochen, sondern über die Umstände und die Art und Weise, wie das Album entstanden ist. Wie auch immer, es war uns erst mal nicht so wichtig, ob das Album erfolgreich wird. Ich weiß, es ist einfach, das zu sagen, wenn sich herausgestellt hat, dass die Leute es mögenÂ… aber wenn alle es gehasst hätten, hätte sich wahrscheinlich nicht so viel für uns geändert. Es wäre ja trotzdem das Beste gewesen, was wir haben erschaffen können. Hätten es alle gehasst, hätten wir vielleicht gedacht, dass die Leute einfach noch nicht bereit sind dafür oder es nicht verstehen. Wir hängen keiner Mode nach, und ich erwarte daher auch nicht, dass wir plötzlich in sind.

Und jetzt DIE Frage, die du bestimmt schon 1000 Mal beantworten musstest. Wofür steht der "Octopus", das zentrale Symbol eurer neuen Platte, das als einziges Motiv auf eurem Cover prangt und einem auch sonst überall ins Auge springt?

Sel Balamir: In der Tat habe ich die Frage schon viele Male beantwortet, aber jedes Mal gibt es eine andere Antwort. Das ist ja keine Rockoper mit einer durchgehenden Erzählung, in der es einen Bösewicht gibt und einen Helden. Es ist eine konzeptuelle Konstruktion einer symbolischen Theorie, eine seltsame Art, das, was das Leben ausmacht, zu durchdringen oder zu reflektieren. Wir machen keine Musik, weil wir es müssen, sondern weil wir leben. Es macht einen Unterschied, ob du Platten machst, weil du eine bestimmte Stückzahl verkaufen musst - das ist der Grund, warum Amplifier nicht in der Musikindustrie arbeiten, denn wir funktionieren nicht so. Wir machen Platten, weil wir nun mal Musiker sind, weil wir mit der Musik Emotionen und Erfahrungen auf eine Art und Weise erforschen und zu verstehen versuchen, auf die man es mit einem Tagebuch oder in einem Gespräch nicht schafft. Das ist der "Octopus". Die Bilder, die Texte und die Songs sind quasi ein Eintauchen in meine Sicht auf die Realität und auf das Leben, wobei diese auch nicht festgelegt ist und vielleicht auch keine wirkliche Bedeutung hat (lacht).

Es gibt aber bestimmte Motive, die in euren Werken auftauchen, und sich auch durch das neue Album ziehen, eins davon ist der Weltraum, ein anderer der OzeanÂ…

Sel Balamir: Der Weltraum ist eine MetapherÂ… der Ozean und der Weltraum sind im Grunde dasselbe, beides sind leere Räume. Und die Leere ist es, die deine Persönlichkeit ausmacht, du bist wie eine Blase im leeren Raum. Auch davon handelt "Octopus". Aber es gibt keine definitive Wahrheit und ein grundlegendes Thema darin. Der Punkt ist, dass es so etwas auch gar nicht gibt.

Sel Balamir - der Octopus darf selbst auf der Krawatte nicht fehlen...

Okay, lass uns kurz über den Opener im "Octopus" sprechen, "The Runner". Ein ziemlich unheimliches Stück, das mit vielen seltsamen verzerrten Sounds beginnt, dann hört man jemanden laufen und am Ende hört man den durchlaufenden Sound einer LebenserhaltungsmaschineÂ… seltsame Art, ein Album zu eröffnen?

Sel Balamir: "The Runner" ist ein Modell des Lebens, einer Reise, die sehr einfach beginnt und dann immer komplizierter und hektischer wird. Und am Ende stirbt man - oder man wird geboren, da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich denke darüber meist andersrum, nämlich, dass das Ende des Runners der Punkt ist, an dem jemand geboren wird. Darum ist der Song ja auch am Anfang des Albums und nicht am Ende. Aber das ist halt die Sache mit Musik. Der "Octopus" soll die Leute einfach zum Nachdenken bringen.

Du lässt es so einfach und leicht klingen, aber das Album macht keinen einfach gestrickten Eindruck, es ist voller Anspielungen, ob es nun Zitate von Pink Floyd sind oder ein Sample von Mister Burns, wie er "excellent!" sagt, oder Querverweise zwischen den Songs des Albums...

Sel Balamir: Naja, wir haben ja auch vier Jahre daran gearbeitet. In so einer langen Periode passieren auch viele seltsame Dinge, das ist die Schönheit, die den Dingen innewohnt, die sich langsam entwickeln. Es ist kein Album, das geschrieben wurde, sondern ein Album, das sich entwickelt hat. Es gab ja keinen Masterplan am Anfang, wir haben nicht von Vornherein darüber entschieden, welche Eigenschaften es haben soll. Nach dem ganzen Scheiß mit dem Label wollten wir einfach Musik machen um des Spaßes Willen so wie in 1998, als wir damit begannen, zusammen Musik zu machen. Wir waren damals sorglos, keiner sagte, lass uns einen Plattenvertrag bekommen, es sollte einfach nur Spaß machen. Und das ist das Einzige, was am Anfang der Entstehungsgeschichte des "Octopus" feststand. Alles andere kam erst später. Aber die Tatsache, dass wir hier etwas nur aus Liebe angefangen haben, die kann ich immer noch spüren. Wenn wir auf die Bühne gehen und die Songs spielen, habe ich dieses Gefühl immer noch, dass alles aus Aufrichtigkeit entstanden ist und nicht aus einer Notwendigkeit herausÂ… als das Album sich dann entwickelte und immer mehr Material entstand, wurde natürlich langsam sichtbar, in welche Richtung sich die Stimmung des Albums entwickeln würde, dann haben wir uns natürlich von allem verabschiedet, was in diese Grundstimmung nicht reinpasste, ohne aber zu sagen, so muss es sein, so darf es nicht sein. Letztendlich schrieb es sich in dieser langen Schaffensphase selbst. Mein Vater ist ein Kunsthändler und wenn man mit Malern spricht, dann sagen viele von ihnen, dass sie nicht wirklich das Gemälde machen, sondern die Farbe auftragen und das Gemälde erschafft sich von selbst.

Wenn wir schon von Kunst sprechen, die Vorlage für den Song "The Sick Rose" ist ein Gedicht von William Blake. Hast du eine besondere Beziehung zu diesem Dichter?

Sel Balamir: Ich sehe viele Ähnlichkeiten zwischen ihm und mirÂ… er war nicht verrückt, vielleicht war er ein wenig unorthodox. Er war am Anfang des 19. Jahrhunderts seiner Zeit definitiv voraus. Ich habe deswegen "The Sick Rose" ausgewählt, weil es auch dieses Jahr hätte geschrieben sein können mit der gleichen Wucht und der Erkenntnis über die Bedingung des Menschseins im 21. Jahrhundert, die sicherlich auch zu Zeiten von Blake galt. Blake wurde zu Lebzeiten nicht wirklich gewürdigt, er hat vielleicht 175.000 Exemplare seiner Gedichte verkauft, aber er wird an den Schulen im Unterricht behandelt... es ist witzig, sein Grab befindet sich ganz in der Nähe von dem Ort, wo ich zur Schule ging. Neben seinem Grab ist das von Daniel Defoe, und Defoe hat an seinem Grab einen riesigen Obelisk stehen. Für William Blake interessierte sich aber damals niemand, weil man ihn nicht kannte, und daher hat er nur diesen bescheidenen Grabstein. Aber wenn man jetzt hingeht, und ich war erst kürzlich wieder da, ist seine Grabstätte so ein bisschen wie die von Jim Morrison, mit Blumen und allem. Und für Daniel Defoe interessiert sich niemand mehrÂ… also, ich teile mit ihm dieses Gefühl des Unterschätztseins (lacht).

Ich habe mich übrigens sehr über diese stark orientalischen Einflüsse vor allem auf der zweiten CD gewundert – und gefreut. Das ist doch ein verzerrtes "Allah-o-Akbar" am Anfang von "The Golden Ratio"?

Sel Balamir: Ja, das kann seinÂ… ja ja, aber ich möchte nicht wirklich etwas dazu sagen (lacht), denn manche Leute könnten denken, dass es nicht besonders geschmackvoll ist. Aber die orientalischen Einflüsse haben natürlich damit zu tun, dass ich halb türkisch bin. Meine Mutter ist TürkinÂ… Dieses "Allah-oh-Akbar" stammt von einem Tag, als ich über den großen Bazar von Istanbul ging...

Amplifier-Bassist Neil Mahony

Ihr habt sehr philosophische, fast schon verschlüsselte Texte, aber da gibt es auch Songs wie "Oscar Night/Embryo", in denen die Botschaft ziemlich klar formuliert ist: "A big fuck-off, Hollywood"... hattest du hier so sehr das Bedürfnis, dich ganz klar zu äußern?

Sel Balamir: "Oscar Night" ist witzig, denn wir wollten, dass er wie ein großer Hollywood-Filmsong klingt. Es soll eine Art Oxymoron sein, eine Art Widerspruch in sich selbst. Ich hatte das Gefühl, dass es auf dem Album zumindest einen Punkt geben sollte, wo alles sehr einfach ist (lacht).

Und was hat der Embryo im Titel zu suchen?

Sel Balamir: Embryo ist nur ein musikalisches Interludium, das wir im Studio improvisiert haben - als eine Art embryonische Idee, eine Idee im Reifeprozess.

Kurz noch zu eurer TourÂ… bevor ihr auf die Bühne geht, spielt ihr "The Octopus’s Garden" von den Beatles, aber mit Störgeräuschen unterlegt...

Sel Balamir: Das stimmt, das ist unser Tour-Intro. Und das Coolste daran ist ja, dass Ringo Starr es singt (lacht), jedermanns Lieblingsbeatle...

Und ihr verkauft nach jeder Show einen Amplifier-USB-Stick mit Aufnahmen der Show vom gleichen Abend. Coole Idee!

Sel Balamir: Ja, wir dachten, wir probieren es mal aus und schauen, wie es ankommt. Und es ist gut angekommen, auch wenn es Beschwerden gab, dass die Aufnahme eine MP3-Datei ist und kein FLAC oder vermeintlich Besseres. Naja, du weißt, wie die Leute so sind...

Gab es ansonsten auf der bisherigen Tour Highlights?

Sel Balamir: Ach, eigentlich waren alle gutÂ… die Gigs in Hamburg oder Berlin waren richtig gut, aber wahrscheinlich ist es noch zu früh, um das zu beurteilen. Meistens geht man erst mal nach Hause und zwei, drei Monate später ist es einfacher zu sagen, welche Show am besten war. Auf jeden Fall haben wir eine Menge Spaß!

Sehr gut! Ich freue mich auf das Konzert heute Abend! Vielen Dank für das Interview!

Ein Dankeschön geht auch nach Hamburg zu Oliver Bergmann von Oktober Promotion für seine wunderbare Unterstützung!

Amazon, Musicload, Napster & AOL-Download

Amazon.de Musicload

Mehr zum Thema:

Musicheadquarter Twitter RSS Feed abonieren! Musicheadquarter bei Facebook
Tickets Night Of The Prog Festival
Digg Reddit Del.icio.us Facebook Twitter Google Yahoo! MyWeb Furl" BlinkList Technorati Mixx Windows Live MySpace Mister Wong
Eagles Tickets bei www.eventim.de