Interview mit Andrew Vladeck in Köln

(Andrew Vladeck)

28.09.2010 von Thomas Kröll

Im vergangenen Jahr erschien das zweite Soloalbum von Andrew Vladeck "The Wheel". Darauf huldigt der Singer-Songwriter aus New York dem Folk auf eine ganz besondere, ihm eigene Art und Weise. In der Alt-Folk-Szene seiner Heimatstadt ist Andrew Vladeck bereits eine bekannte Größe und aktuell zum ersten Mal auf Deutschlandtour. MHQ-Chefredakteur Thomas Kröll unterhielt sich mit ihm vor seinem Konzert in der Kölner "Wohngemeinschaft" über musikalische Helden, eine ungewöhnliche Begegnung mit Bruce Springsteen und die Tücken europäischer Schaltgetriebe. Dabei entpuppte sich Andrew Vladeck als äußerst amüsanter Gesprächspartner.

Zum Interview ziehen wir uns in eine Ecke der "Wohngemeinschaft"-Kneipe zurück, in der ein gemütliches Sofa steht. Direkt daneben thront eine Jukebox, die passenderweise die Skyline von New York mit der Brooklyn Bridge im Vordergrund zeigt. Was mich auch direkt zu meiner ersten Frage führt...

Ich habe gelesen, dass deine Eltern drei solcher Jukeboxen zuhause hatten, voll mit Musik aus den Fünfzigern und Sechzigern. Stimmt das?

Andrew Vladeck: Ja, meine Eltern waren unglaublich. Diese Jukebox ist aber wohl eher aus den frühen Siebzigern. Darauf sieht man noch das World Trade Center. Und das wurde 1975 gebaut, glaube ich. Unsere Jukeboxen waren wirklich von 1950 und sie sahen aus wie ein alter Cadillac. Riesengross, verchromt und mit Tonnen von blinkenden Lampen. Das war grossartig. Ich wuchs also mit dieser Art von Musik auf. Eine stand in der Küche, eine im Wohnzimmer und eine am Essenstisch. Sie füllten jeden Raum aus (lacht). Jetzt gibt es nur noch eine davon. Irgendwann haben meine Eltern realisiert: Genug ist genug. Ich muss nochmal nach alten Bildern dieser Jukeboxes suchen.   

Dies ist deine erste Deutschlandtour, richtig?

Andrew Vladeck: Ja, dies ist meine erste Deutschlandtour. Ich bin aber schon durch Deutschland und Europa gereist als ich jünger war. In Köln war ich damals auch. Und um meinen Bruder in Bonn und Freunde in Frankfurt zu besuchen. Als Musiker ist es meine erste Tour.

Sprichst du Deutsch?

Andrew Vladeck: Nicht mehr. Vor zehn Jahren konnte ich mal ein wenig, als ich meinen Bruder in Bonn besucht habe. Ich habe da ein paar Sachen gelernt, aber nicht viel. Mein Bruder war dort ein halbes Jahr lang in ärztlicher Behandlung. Eine moderne Behandlung gegen Krebs, die es in den USA nicht gab. Nach sechs Monaten war er frei von Krebs und gilt bis heute als geheilt. Also, vielen Dank Bonn (lacht)! Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Stadt.

Welche Erfahrungen hast du auf dieser Tour bisher gemacht?

Andrew Vladeck: Es ist wirklich unglaublich. Ich spiele hier vor einem neuen Publikum und die Leute schätzen es, dass ich die amerikanischen Traditionals moderner interpretiere. Es macht Spass für die Leute zu spielen. Ich bin sehr angenehm überrascht, wie gut das hier funktioniert. Sogar in Teilen von Ostdeutschland oder im Süden von Italien, wo die Sprachbarriere höher ist. Die Menschen geben mir ein enorm positives Feedback. Ich bin sehr froh darüber. Weißt du, ich kam hierher ohne jemanden zu kennen. Von daher ist es schon jetzt eine sehr erfolgreiche Tour.

Ich habe in dem Blog auf deiner Webseite ein Foto gesehen, wo du mit einer Menge Leute im Kreis sitzt und riesige italienische Pizzen ißt.

Andrew Vladeck: Italien war ein grosser Spass. Vor einigen der Konzerte hatten wir solche grossen familienähnlichen Essen, zum Beispiel mit der Band, die für uns die Show eröffnet hat. Sehr nette Leute. Und was ist besser als eine Pizza-Party? Wir hatten eine grossartige Zeit. Die Resonanz in Italien, aber auch in Deutschland ist erstaunlich. Ich habe in jedem Land so gut gegessen (lacht). Ich bin sehr dankbar für das alles.

Ich mag Italien auch sehr. Hast du denn heute auch schon etwas von Köln gesehen?

Andrew Vladeck: Nein, heute leider nicht. Außer auf unserem Weg hierher. Aber es ist eine schöne Stadt. Sie unterscheidet sich zum Beispiel sehr von Frankfurt oder Berlin. Sie fühlt sich irgendwie älter an und das mag ich.

Ich habe auch gelesen, dass du früher in New York als Park Ranger gearbeitet hast. Wie bist du dann ein professioneller Musiker geworden?

Andrew Vladeck: Ich habe schon zu dieser Zeit eine Menge Musik gemacht. Aber ich brauchte einen Job um meine Miete bezahlen zu können. Zu vielen Dingen war ich nicht besonders geeignet. Ich hatte keine Ahnung von Computern und als Kellner war ich auch nicht gut. Dann habe ich diese Stellenanzeige als Park Ranger gesehen. Zu der Zeit war ich noch Student für Amerikanische Geschichte und sie stellten mich als ihren Historiker ein. Das hat mich etwas Überwindung gekostet, weil ich dabei eine Uniform tragen musste. Und einen sehr lustigen Hut. Das war etwas peinlich. Ich habe dann die Touren gemacht, die sich um die amerikanische Geschichte und die Geschichte des Parks drehten. Es war einfach eine Gelegenheit um Geld zu verdienen. Nach einer Weile wurde ich in Sachen Musik dann immer beschäftigter, sodass ich den Job wieder aufgeben musste. Es war trotzdem eine sehr interessante Sache.

Du kommst aus New York City. In Europa stellt man sich New York immer als Schmelztiegel der unterschiedlichsten Kulturen vor. Als Big Apple eben. Was findest du an New York faszinierend?

Andrew Vladeck: Ich schätze an New York, dass es einer der vielfältigsten Orte der Welt ist. Natürlich gibt es auch in Europa viele unterschiedliche Städte. Ich liebe diese Möglichkeiten, an einem Tag nach Chinatown zu gehen, dann in die indische Nachbarschaft zu wechseln oder italienisch zu essen. Du kannst dich auch ins mexikanische Viertel begeben, wo niemand Englisch spricht. Ich fahre viel mit dem Fahrrad. Ich bin jeden Tag mit dem Fahrrad über die Brooklyn Bridge gefahren, als ich Downtown gearbeitet habe. Es ist einfach eine faszinierende Stadt. Aber es ist wie mit jedem Ort, du gewöhnst dich irgendwann daran. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, selbst wenn die Stadt so erstaunlich ist wie New York. Genauso ergeht es dir vielleicht mit Köln. Manchmal brauchst du einen Touristen wie mich, der dich daran erinnert, in welch einer schönen Stadt du lebst. Ich mag Touristen alleine schon aus diesem Grund. Wenn ich über die Brooklyn Bridge oder die 5th Avenue gehe, stehen sie zwar überall im Weg rum, aber sie erinnern mich daran, dass ich an einem wirklich grossartigen Ort lebe.

Du bist auch noch Mitglied der Honey Brothers. Dein erstes Soloalbum erschien 2004. Das zweite, "The Wheel", folgte im vergangenen Jahr. Warum lagen fünf Jahre dazwischen?

Andrew Vladeck: Das ist die Herausforderung, die man als Musiker heutzutage hat. Teilweise hatte das finanzielle Gründe (lacht). Es hat mich zwei oder drei Jahre gekostet, die letzte Platte fertigzustellen. Ich möchte, dass so etwas nicht wieder passiert. Weißt du, du fängst an mit Leuten zu arbeiten und ein Ding kommt zum nächsten, es kommen weitere Leute dazu und du verlierst irgendwie den Faden. Die Zeit geht so schnell vorbei. Das ist nicht meine Art und Weise Dinge zu tun. Jetzt gerade nehme ich wieder eine Platte auf und ich habe mir fest vorgenommen, dass diese EP in ein oder zwei Monaten veröffentlicht wird. Insgesamt hat das Ganze dann nur drei oder vier Monate gedauert und das ist sehr viel besser.

Für mich klingt deine Musik, als sei sie sehr von solchen Künstlern wie Bob Dylan, Tom Waits oder John Lennon beeinflusst. Sind das tatsächlich deine persönlichen musikalischen Helden oder hast du andere?

Andrew Vladeck: Ich würde da in der Tat als erstes Bob Dylan oder Bruce Springsteen nennen. Diese Art von Künstlern. Auch Tom Waits, der sehr erzählerische Songs schreibt, ist immer eine grosse Inspiration. Die Musik, die ich aber am meisten mag, ist die aus den Zwanziger und Dreißiger Jahren. Der alte Folk, der alte Blues. Musiker wie Woody Guthrie oder Pete Seeger. Das sind dieselben Musiker, von denen Bob Dylan, Bruce Springsteen und Tom Waits gelernt haben. Ich bin in der glücklichen Lage von ihnen allen zu lernen. Ich finde, ein guter Song ist einfach ein guter Song.

Bruce Springsteen hat ja vor einigen Jahren mal ein Album mit Pete Seeger-Songs aufgenommen.

Andrew Vladeck: Ja, richtig. Ich bin mal mit Bruce Springsteen zusammengestossen. Er kam aus einem Aufzug und rannte direkt in mich rein. Er ist nicht sehr gross und mit seinem verschwitzten Gesicht stieß er gegen meine Brust. Das war wirklich lustig (lacht).

Woher bekommst du die Ideen für deine Texte?

Andrew Vladeck: Nun, ich halte meine Ohren offen, wenn ich mich mit Freunden unterhalte oder Gesprächen zuhöre. Ich bin da eine Art Voyeur. Meine Augen sind offen, meine Ohren sind offen und die Ideen für einige Songs stammen aus dem Mund von jemand anderem. Ich benutze das dann. Ich schreibe selten über etwas, das in meinem eigenen Leben passiert. Ich möchte Geschichten erzählen, die farbenfroh und fesselnd sind. Das Autobiographische daran ist sehr gut ausgearbeitet, es ist hübsch gemacht.

Du veranstaltest in einem New York Club die "Songster Jukebox Sessions". Norah Jones hat da zum Beispiel schon gespielt. Welche Idee steckt dahinter?

Andrew Vladeck: Der Club heisst "The Living Room". Die "Songster Jukebox Sessions" waren etwas, das wir ins Leben gerufen haben, um Freunde einzuladen und gemeinsam Songs zu spielen. Quasi als Rechtfertigung dafür, dass wir zusammen rumhingen, Spass hatten und ein paar Drinks zusammen nahmen. Wir machten das einige Male so um 2001 oder 2002 herum. Es war eine wunderschöne Sache. Norah Jones ist sicherlich die berühmteste von allen. Aber es zeigten sich so viele andere Singer-Songwriter-Talente zu jener Zeit. Du bist schon der zweite, der mich danach fragt. Ich glaube, es wird Zeit, dass wir wieder damit anfangen.

Wenn du den Rest deines Lebens auf einer einsamen Insel verbringen müsstest, welche fünf Alben würdest du mitnehmen?

Andrew Vladeck: Ich würde Bob Dylans "Street-Legal" mitnehmen. Für mich eines der schönsten Alben überhaupt. Eine sehr religiöse Platte. Sie ist voller Liebe. Dann auf jeden Fall die "Harry Smith Anthology Of American Folk Music, Volume 1". Das sind amerikanische Folkballaden. Eine Sammlung der besten Folksongs aus den 1920ern und 1930ern. Sehr einflussreich beim Folkrevival in den 1960ern. Eine grossartige Platte. Genauso wie Jimi Hendrix und "Axis: Bold As Love". Ganz sicher. Jimi Hendrix deckt einfach eine Menge Grundlagen ab. (überlegt...) Wahrscheinlich würde ich noch das Buena Vista Social Club-Album mitnehmen. Es ist tropical, das passt doch zu einer Insel. Außerdem ist es ein guter Gegensatz zu der übrigen Musik und Abwechslung ist immer gut. Wenn ich an eine Insel denke, dann denke ich an Harry Belafonte. Er hat einige grossartige Calypso-Alben gemacht. Eines heisst zum Beispiel "Jump Up Calypso". Das wäre ein grosser Spass. Auch wenn du nur mit dir selbst tanzen kannst. Und dazu ein Fässchen Rum (lacht).

Gab es lustige oder merkwürdige Dinge, die dir auf dieser Tour passiert sind?

Andrew Vladeck: Oh ja. In Europa gibt es fast nur Autos mit Schaltknüppel. In Amerika fahren wir alle Automatik-Autos. Alles was du da tun musst, ist aufs Gaspedal zu treten. Wir haben ein schickes Auto für diese Tour bekommen. Aber ich hatte keine Ahnung, wie man mit Schaltknüppel fährt. Wir kamen also in diese kleine italienische Stadt und ich saß irgendwann auf dem Fahrersitz. Es war Mittagszeit und die Leute hielten ihre Siesta ab. Ich stand wie ein Esel auf dem Marktplatz und machte allen möglichen Lärm. Die Leute öffneten ihre Fensterläden und schauten hinaus, die Hühner gackerten und die Katzen versteckten sich. Die Leute starrten mich an, wie ich da mit meinem Auto herumhoppelte, anfuhr und wieder stoppte, weil ich die Schaltung nicht verstand. Und ich kurbelte das Fenster herunter und schrie: "Scusi, Asshole americano" (lacht). Das war der Tag, an dem ich lernte mit Gangschaltung zu fahren.

Die neue EP hast du ja bereits erwähnt. Was sind deine weiteren Pläne für die nächste Zukunft?

Andrew Vladeck: Die EP hat nur fünf oder sechs Songs. Sie wird zunächst nur in Amerika erscheinen. Dann suchen wir einen Vertrieb für Europa. Im Januar oder Februar fangen wir mit dem nächsten Studioalbum an. Das soll dann im Herbst fertig sein. Anschließend komme ich wieder auf Tour nach Europa. Im Frühling oder Sommer gibt es zunächst noch eine Tournee in den Staaten. Und nebenher habe ich noch andere Bandprojekte, an denen ich arbeiten muss.

Vielen Dank für das sehr nette Gespräch, Andrew!

Ein Dankeschön auch an die liebe Wiebke von der "Here We Go Agency", die dieses Interview vermittelt hat!

 

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