(Ben Harper)
„Wo immer ich bin, gibt es einen bestimmten Puls“
Am 17. März 2006 erscheint mit der Doppel-CD „Both Sides of the Gun“ das neunte Album von Ben Harper. Warum der Kalifornier in Deutschland nach wie vor nur unter der Rubrik „Geheimtipp“ geführt wird, ist eines der grossen Mysterien unserer Zeit. Dabei sucht sein musikalischer Stilmix aus Reggae, Blues, Gospel, Country und Funk nicht nur hierzulande seinesgleichen. Was er vor allem live mit seiner Band den Innocent Criminals an Qualität abliefert, wird so manchen Superstar vor Neid erblassen lassen. Vor dem Release seines neuen Albums hatte Musicheadquarter die Gelegenheit zu einem Interview mit Ben Harper. Er beschreibt darin die ihm eigene Art von Kreativität, nimmt aber auch Stellung zu vielen anderen Themen. Etwa zu seinem Verständnis von Musik, seiner Zusammenarbeit mit den Blind Boys of Alabama, seiner Kindheit, seinen Zukunftsplänen und natürlich auch zu „Both Sides of the Gun“. Mit Ben Harper sprach Thomas Welsch (in Zusammenarbeit mit Thomas Kröll).

Trafen sich im Kölner Hyatt-Hotel: Musicheadquarter-Redakteur Thomas Welsch und Ben Harper.
George Scott hat dich zum „offiziellen Mitglied der Blind Boys of Alabama“ erklärt. Ist das eines der schönsten Komplimente, die du je erhalten hast?
Ben Harper: Ein schöneres Kompliment konnten sie mir nicht machen.
Welche Erfahrungen hast du aus der Zusammenarbeit mit den Blind Boys gewonnen?
B. Harper: Die Blind Boys verkörpern sieben Jahrzehnte Musikgeschichte. Sie gehören zu den gefühlvollsten Sängern, die es je gab. Wenn du mit ihnen so intensiv in Kontakt warst, bist du ein anderer Mensch. Von der Wirtschaftskrise der 30er Jahre, über den Zweiten Weltkrieg, den Bürgerrechtsbewegungen und der Geburt des Rock´n Roll, über Vietnam und Nixon, was diese Männer an Erfahrungen gesammelt haben, ist so immens. Es gibt viele Möglichkeiten, sein Leben zu bereichern. Du kannst reisen, du kannst lesen, dich bilden. Aber für mich war die Arbeit mit den Blind Boys eine persönliche und spirituelle Offenbarung.
Auf der DVD „Live at the Apollo“ kann man sich ein Bild davon machen, wie besonders diese Zusammenarbeit für dich war.
B. Harper: Es freut mich, wenn davon was rüberkommt.
Die Bandbreite deiner Musik ist groß und du fühlst dich in unterschiedlichen Stilrichtungen zuhause. Sind für dich bestimmte Stilrichtungen mit bestimmten Stimmungen verknüpft?
B. Harper: Definitiv gehören bestimmte Stilrichtungen zu bestimmten Stimmungen. Aber das ist individuell sehr unterschiedlich. Ich hab immer gesagt, unterschiedliche Musik hat unterschiedliche Absichten. Du willst nicht unbedingt in einen Club gehen und Bob Dylan hören, weil seine Musik dich tief im Inneren berührt. Aber vielleicht willst du ja gerade dort Bob Dylan hören. Es gibt da keine Regeln. Die Leute finden in der Musik das, was sie gerade brauchen.
„`Both Sides of the Gun´ ist ein bisschen wie eine A- und eine B-Seite.“
Es kommt bei dir auch vor, dass du deine Songs auf der Bühne in ein neues Genre packst, so wie du auf der letzten Tour „Excuse me Mister“ als Reggae-Version gespielt hast. Können wir das auch in Zukunft erwarten?
B. Harper: Ich werde auch in Zukunft manche meiner Songs neu mixen und sie in neuen Versionen live spielen. Auf jeden Fall.
Setzt du selbst Musik so ein, dass du deine Stimmung in bestimmte Richtungen lenkst?
B. Harper: Ich lege die Musik ein, die gerade zu meiner Stimmung passt. Es kommt aber auch vor, dass ich mich in eine bestimmte Stimmung bringen will und suche danach meine Musik aus.
Lass uns über dein neues Album sprechen. „Both Sides of the Gun“ wird im März erscheinen. Du hast über die Zeit im Studio gesagt, dass du dich dort so natürlich gefühlt hast, wie du es sonst nur auf der Bühne tust.
B. Harper: Wir hatten eine großartige Zeit im Studio. Ich war total offen und ungehemmt. Ich habe dort einen Zustand erreicht, in dem ich nicht mehr nachdachte und hab einfach gespielt. Das war großartig. Du musst dir vorstellen, das Studio ist normalerweise wie ein Labor, du bringst Stück für Stück zusammen. Aber diesmal war es anders, ich hab mich gefühlt wie auf der Bühne.
„Both Sides of the Gun“ ist ein Doppelalbum. Du sagtest, dass die 18 Stücke theoretisch auch auf eine Disc gepasst hätten, du sie aber auf zwei Scheiben unterbringen wolltest. Was war der Grund dafür?
B. Harper: Auf einer Scheibe wäre das Album irgendwie unvollständig gewesen. Egal wie ich die Songs aneinander reihte, es passte einfach nicht. Die eine Disk ist tendenziell härter und lauter, die andere softer und ruhiger, aber es gibt auch ruhige Momente auf der ersten und lautere auf der zweiten. Es ist ein bisschen wie eine A- und eine B-Seite. Du spielst die erste Seite und die geht dann über in die zweite. Die verschiedenen Stimmungen beider Seiten hätten sich auf einer Disc im Weg gestanden, sich gegenseitig durch die Stärke der jeweils anderen Stimmung neutralisiert. Nimm als Beispiel „Morning Yearning“ und “Better Way”. Beide Songs haben ihre besondere Stärke, aber sie passen nicht nebeneinander: „Morning Yearning“ würde „Better Way“ die Intensität nehmen und „Better Way“ nähme „Morning Yearning“ die Intimität. Sie konnten einfach nicht koexistieren. Ich hätte sie zwar auf verschiedenen Alben veröffentlichen können, aber ich fühle mich mit dieser Lösung viel besser, weil jede der beiden Disks für sich genommen nicht komplett wäre. Zusammen bilden sie aber ein Ganzes.
Gibt es Doppelalben, die für dich eine Inspiration waren?
B. Harper: Ja, ich habe in der letzten Zeit viele Doppelalben gehört. „Blond on Blond“ von Bob Dylan, „Sign of the Times“ von Prince und Stevie Wonder´s “Songs in the Key of Life”. Sie alle waren Inspiration für mich.
„Politisch sind die Vereinigten Staaten sehr gespalten.“
Auf deiner Webseite hast du den Text zum Song „Black Rain“ veröffentlicht. Es scheint ein Song voller Wut und Ärger zu sein. Da singst du „You don´t fight for us, but expect us to die for you“. Hat sich deine Wut soweit aufgestaut bis du nicht mehr anders konntest, als zu agieren?
B. Harper: So ist es, ohne Frage. Keiner sollte mehr still sitzen bleiben nachdem wir gesehen haben, was nach dem Hurricane Katrina geschah. Ich war damals im Studio und war so voller Wut über das was ich sah, dass ich alles fallen ließ und „Black Rain“ geschrieben habe.
Die Vereinigten Staaten scheinen ein gespaltenes Land zu sein. Teils du diesen Eindruck?
B. Harper: Es ist ein sehr fragmentiertes Land. Vergleichst du zum Beispiel San Francisco und North Carolina, so findest du riesige Unterschiede. Und politisch sind wir sehr gespalten.
In Frankreich hast du eine unglaublich große Fangemeinde. Hast du eine Ahnung, warum das so ist?
B. Harper: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Es scheint aber eine Achse zu geben. Und die drei Punkte auf dieser Achse sind Frankreich, Italien und Australien. Wenn du dir Jeff Buckley anschaust: Frankreich, Italien, Australien. Nimm Elliott Smith: Frankreich, Italien, Australien. Oder Placebo: Frankreich, Italien, Australien. Da gibt es eine bestimmte Verbindung, aber ich weiß nicht wo die herkommt. Ich weiß nur, dass es etwas Großes ist und es macht mich demütig.
In deinen Konzerten coverst du immer wieder Songs, wie „Indifference“ oder „Sexual Healing“. Kennst du Coverversionen von deinen Songs?
B. Harper: Ja, Paul Weller sang „Waiting on an Angel“, das war Wahnsinn. Und natürlich die Blind Boys, die so etwas wie die endgültigen Versionen meiner Songs, zum Beispiel „Give a Man a Home“ gemacht haben. Oder auch John Martin, der „Excuse me Mister“ gecovert hat, auch diese Version finde ich wirklich gut. Oh, und Norma Watersen, sie hat auch eine unglaubliche Version von „Pleasure and Pain“ gesungen. Und auch Idlewild´s „Pleasure and Pain“ hat mir gut gefallen.
„With my own two Hands“ scheint...
Ben Haper: (unterbricht) Ja klar, Pearl Jam haben „With my own two Hands“ gecovert, das war cool.
Genau! Dieser Song scheint eine Art Symbol deiner Freundschaften mit anderen Musikern zu werden. Pearl Jam covern den Song und auch auf der Jack Johnson and Friends Platte, die im Februar erscheint, trägst du diesen Song bei.
B. Harper: Ja, Jack rief mich an und sagte, dass er eine Art Kinderalbum machen will und er gerne „Two Hands“ darauf haben möchte. Da hab ich gesagt: Okay, woran denkst du genau? Und er sagte es gehe um Sing-A-long-Songs und Lullabies, also hab ich eine ganz entspannte Version vorgeschlagen. Wir trafen uns und haben den Song aufgenommen.
„Es gibt eben nicht viele 80 oder 90-jährige Songwriter da draußen.“
Lass uns über deine Band reden – die Innocent Criminals. Die einzelnen Bandmitglieder haben ihre musikalischen Nebenprojekte. Ist das wichtig für die Band?
B. Harper: Das ist sogar ein ganz entscheidender Punkt, denn wenn du ausschließlich mit einer Band spielst, verengt sich deine musikalische Perspektive zu einem Tunnel. Es ist klasse, dass die Jungs nach draußen drängen, ihre Erfahrungen machen, mit neuen Einflüssen konfrontiert werden. Ich bin begeistert von ihren Projekten und unterstütze das aus voller Überzeugung.
Wenn man die Innocent Criminals so sieht, scheint es, als verkörpern die einzelnen Bandmitglieder die verschiedenen Musikstile.
B. Harper: Ja, das tun sie. Das tun sie wirklich.
Oder hat jeder einzelne jeden Stil im Repertoire?
B. Harper: Das ist ein weiterer sehr guter Punkt – sie haben alle Stile im Repertoire. Du denkst, sie sind zum Beispiel in afrikanischen Rhythmen zu Hause und dann lieben sie Rock. Harten Rock. Sie haben alles drauf.
Juan Nelson, dein Bassist, scheint beispielsweise den Soul und Funk zu repräsentieren und man kann sich nicht so recht vorstellen, dass er vor den Criminals Rock gemacht hat.
B. Harper: Junge, der Mann spielt alles. Er kennt jeden Led Zeppelin Song, er spielt Aerosmith. Oder auch Hall & Oates.
Was brauchst du um kreativ zu sein? Ist es eine bestimmte Umgebung? Sind es bestimmte Menschen um dich herum?
B. Harper: (zieht einen Stift aus seiner Tasche) Das ist alles, was ich brauche. Einen Stift... und einen schönen Blick (schaut aus dem Fenster auf das Kölner Stadtbild mit dem Dom). Denn wo immer ich bin, bin ich zu Hause. Und wo immer ich bin, gibt es einen bestimmten Puls. Egal mit wem ich spreche, es gibt einen Song in jedem Geräusch. Und wenn du den Song nicht schreibst, schreibt ihn ein anderer. Deshalb musst du dich auf den Hintern setzen und loslegen, weißt du? Ich möchte die Zeit nutzen und immer das Beste rausholen. Denn wenn du mal 80 oder 90 Jahre alt bist, ist die Zeit vorbei. Es gibt eben nicht viele 80 oder 90-jährige Songwriter da draußen.
Du hast mal gesagt, dass es ein großer Traum von dir ist, mal ein Album gemeinsam mit deiner Mutter aufzunehmen.
B. Harper: Ja, das werde ich machen. Das wird vielleicht mein nächstes Projekt.
Als du ein Kind warst, gab es in eurem Haus einen Wandschrank, in den du dich zurückgezogen hast. Dort konntest du die Zukunft sehen. Du hast dich z.B. gesehen, wie du vor einem großen Publikum Musik machst. Verrätst du uns, was du noch gesehen hast?
B. Harper: Nun, ich sah viel, aber ich kann dir nicht alles erzählen. Vielleicht soviel: Egal wo ich hinkomme, ich bin schon mal da gewesen. Manche Tage sind für mich wie ein einziges Déjà-vu.
„An die Show in Hamburg 2004 werde ich mich ewig erinnern.“
Als du mit den Blind Boys die Bühne des Apollo-Theaters in New York betratst, sagtest du „It feels like home“. Meintest du damit das ehrwürdige Theater oder die Stadt New York oder gaben dir die Fans dieses Gefühl?
B. Harper: Es fühlte sich an, als ob sich mein Schicksal erfüllte, als ich diese Bühne betrat. Ich dachte, ´Mann, du bist hier mit den Blind Boys´. Es gibt verschiedene Wege, die zum Apollo Theater führen, aber nur wenige, die seine Vergangenheit ehren, so wie die Blind Boys es tun. Dort mit drei der Blind Boys of Alabama zu sein, war ein absoluter Höhepunkt.
Ich habe einige deiner Shows gesehen, aber Hamburg 2004 im Stadtgarten war etwas besonders für mich...
B. Harper: Oh Mann, diese Show habe ich so genossen!
Ihr habt die dritte Zugabe gespielt mit „Faded“ und „She´s only happy in the Sun“ und das Publikum drehte fast durch. Man konnte sehen, dass es noch Diskussionen hinter der Bühne gab. Wolltet ihr zu einer vierten Zugabe rauskommen?
B. Harper: Das Publikum hörte nicht auf nach einer weiteren Zugabe zu rufen. Wir überlegten wirklich kurz, aber es wäre irgendwie zuviel gewesen. Ich meine vier Zugaben!? Ich wollte nicht maßlos sein. Das war wirklich das erste Mal, dass die Fans eine vierte Zugabe forderten. Ich fand das großartig und wir haben wirklich überlegt, nochmal rauszugehen. An diese Show werde ich mich ewig erinnern.
Woran hast du gemerkt, dass dieser Gig ein besonderer wird?
B. Harper: Ich weiß noch nicht mal was genau passierte. Ich habe keine Ahnung, was das war. Es passierte einfach.
Du bist in einem sehr musikalischen Umfeld aufgewachsen. Es scheint so, als hat sich in deiner Kindheit durch deine Eltern und Großeltern alles um Musik gedreht.
B. Harper: Ja, das stimmt. Es war eine unglaublich stimulierende Umgebung. Meine Großeltern waren sehr begeistert von Musik, Kunst und Kultur, aber auch sehr an Politik interessiert. Sie waren so mitfühlend und betonten die Wichtigkeit, Kultur zu fördern. Sie waren meine Unterstützer und brachten mich auf meinen Weg.
Wachsen deine Kinder in einem ähnlichen Umfeld auf?
B. Harper: Ja, meine Kinder haben ein sehr kreatives und musikalisches Umfeld. Natürlich gibt es Unterschiede, vor allem durch meinen Lebensstil, aber es ist nicht weit weg von der Art wie ich aufgewachsen bin.
Ben, werden wir dich mit den Innocent Criminals in diesem Jahr auf europäischen Bühnen sehen?
B. Harper: So wie es im Moment aussieht, könnt ihr im Herbst mit uns rechnen.
Wir bedanken uns für das Interview!
Mit freundlicher Unterstützung von Corie Rappich und Volker Banasiak (Virgin Music Deutschland).