(Biffy Clyro)
Berlin Mitte, Ramones-Museum, Donnerstag der 15.Oktober, 19 Uhr. Wenige Musik-Journalisten, zufällig hereingeschneite Flaneure und einige Fans der aufstrebenden Band Biffy Clyro warten auf deren Eintreffen. Für diesen Abend ist ein intimes Akustik-Konzert im Rahmen der Promotion für ihr am 6. November erscheinendes Album "Only Revolutions" angekündigt.
Das Trio nimmt sich trotz Verspätung, die durch zahlreiche Radiotermine in und um Berlin begründet ist, vor dem Gig Zeit für Interviews. Drummer Ben Johnston steht Musicheadquarter angesichts des Mammutprogramms an diesem Tag trotzdem entspannt Rede und Antwort. Zusammen mit unserem Redakteur Thomas Welsch und seinem "Assistenten" Luca Welsch sitzt er im Cafébereich des Museums und lässt sich auch von den aus den unterschiedlichsten Motiven Anwesenden nicht stören.

Biffy Clyro-Dummer Ben Johnston (links) im Gespräch mit Musicheadquarter-Redakteur Thomas Welsch.
Hallo Ben, vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst für uns. Ihr seid ja in den kommenden Wochen extrem viel unterwegs. In eurem Blog ist zu lesen, dass ihr erst an Weihnachten wieder zu Hause sein werdet.
Ben Johnston: Ja, wir werden erst am 23. Dezember nach Hause kommen, glaube ich.
Könnt ihr das genießen oder ist das schon eine große Herausforderung?
Ben Johnston: Dass wir so lange nicht zu Hause sein können, ist der härteste Teil unseres Jobs. Aber wir haben einen Traumjob und wir können ihn genießen. Das ist es nun mal, was wir immer tun wollten. Wer sich über einen Traumjob beschwert, hat irgendetwas nicht verstanden. Wir sind glücklich, dass wir so viel zu tun haben und unseren Traum leben können. Und an Weihnachten sehen wir unsere Familien wieder, darauf freuen wir uns sehr.
Vor einer Woche seid ihr bei Jools Holland aufgetreten und wurdet bei einem eurer neuen Songs "The Captain" von fünf oder sechs Bläsern unterstützt. Werden sie euch auch auf eurer anstehenden Tour begleiten?
Ben Johnston: Nein, dieses Mal nicht. Bevor wir neue Songs aufnehmen, wollen wir sicher sein, dass sie allein von uns Dreien getragen werden. "The Captain" mit den Bläsern und "That Golden Rule" mit den Streichern klingen wirklich toll, aber zu allererst sind wir eine Drei-Mann-Rockband. Vielleicht werden wir in den nächsten Jahren mal mit Hörnern, Trompeten und Streichinstrumenten wiederkommen, aber uns wird es immer wichtig sein, uns nicht auf diese Unterstützung verlassen zu müssen.
Und vor zwei Tagen wart ihr in den Maida Vale Studios der BBC zu Gast. Der Mitschnitt im Internet klang nach einer sehr intimen und enthusiastischen Atmosphäre…
Ben Johnston: Ja, es scheint so, als ob bei diesen Sessions der BBC viele interessierte BBC-Mitarbeiter mit einer ganzen Reihe musikverrückter Freunde anwesend sind. Es fühlte sich wie ein Biffy-Gig an. Es war sehr entspannt und wir hatten ganz vergessen, dass die Show ausgestrahlt wird.
Wie nehmen die Leute eure neuen Songs auf?
Ben Johnston: Großartig! Immer wenn wir ein neues Album aufgenommen haben, können wir es kaum erwarten, die Songs endlich live zu spielen. Am liebsten würden wir dann nur die neuen Stücke spielen, aber die Fans erwarten natürlich auch die älteren Sachen. Es ist jedenfalls ein großartiges Gefühl, wenn die neuen Lieder bei den Fans so gut ankommen.
An manchen Stellen in euren Alben habe ich für kurze Momente das Gefühl, in die 80er Jahre zurückversetzt zu sein, wie zum Beispiel beim Beginn von "Glitter And Trauma". Welches Verhältnis habt ihr zu diesem Jahrzehnt in musikalischer Hinsicht?
Ben Johnston: Nun, mein Bruder (Bassist James Johnston, Anm. der Redaktion) und ich sind 1980 auf die Welt gekommen, Simon 1979. Unsere ersten Eindrücke waren geprägt durch die 80er. Besonders in den 90ern dachten die Leute dann, dass die 80er in musikalischer Sicht der Horror waren. Mit etwas Abstand akzeptieren aber viele die elektronischen Einflüsse damals und sehen das etwas entspannter. Wenn wir heute zurückblicken, sind die 80er sogar eine der besten Dekaden überhaupt! Das klingt vielleicht bizarr, es war halt lange so uncool, die 80er-Jahre Musik zu mögen. Aber wir waren große Fans von den Talking Heads, Peter Gabriel…
…und Talk Talk?
Ben Johnston: Ja! Ich liebe Talk Talk, eine großartige Band!

"Musikalisch sind die 80er-Jahre eine der besten Dekaden überhaupt."
Mir fällt in eurer Musik immer wieder ein bestimmtes Muster auf: Ein Song hat einen harmonischen Anfang und man glaubt zu wissen, was kommt, aber dann nimmt er eine Wendung und ist kaum wiederzuerkennen.
Ben Johnston: Ja, es ist unser Ziel, den Zuhörer mitzunehmen auf eine Reise. Und wenn er es sich dabei gemütlich macht, möchten wir ihn überraschen und es ist nicht mehr offensichtlich, was als nächstes kommt. Manchmal kann man sich vielleicht am Ende eines Songs gar nicht mehr erinnern, wie er losgegangen ist.
Ja, das ist genau das, was ich meine…
Ben Johnston: Und das ist uns auch wichtig. Auch die Musik, die wir gerne hören, hat oft dieses Muster. Wie auf einer Reise entdeckst du immer wieder Neues und so kann man ein Album über Jahre hinweg immer wieder hören. Wenn du nach zwei Durchläufen alles entdeckt hast, ist das irgendwie langweilig. Auch bei den Texten ist es uns wichtig, dass es Spielräume für Interpretationen gibt.
Wenn man eure Setlisten in diesen Tagen betrachtet, so findet man kaum noch einen Song vom Album "The Vertigo Of Bliss". Wie schätzt ihr dieses Album heute ein?
Ben Johnston: Das Album entstand in einer sehr experimentellen Phase. "Vertigo Of Bliss" wurde innerhalb von zwei Tagen aufgenommen. Es ist wohl unser Punk-Album, in das wir versucht haben, Millionen von Ideen zu stecken. Ich glaube, es zeugt ein bisschen von unserer Unreife damals, aber trotzdem sind wir sehr stolz auf das Album und wir werden auf unseren regulären Konzerten einige der Songs daraus spielen. Es ist schon komisch, für viele der Hardcore-Biffy-Fans ist es unser bestes Album! Das sagt eine Menge über unsere Fans aus… (lacht) …, sie mögen halt die Herausforderungen.
Am 6. November kommt also euer neues Werk "Only Revolutions" heraus. Ist es für dich persönlich möglich, das was es dir bedeutet in einem Wort oder einem Symbol auszudrücken?
Ben Johnston: Oh, das ist hart... (überlegt) …hoffnungsvoll, das ist es. Ja, da steckt viel Hoffnung drin. "Puzzle" war ein sehr intensives Album und die Themen waren Trauer und Tod. Lyrisch und thematisch richtet sich unser neues Album positiv Richtung Zukunft. Hoffnungsvoll…
Wenn ihr eure Songs schreibt und aufnehmt ist es vor allem harte Arbeit oder muss da ganz viel Leichtigkeit dabei sein?
Ben Johnston: Es ist eine Mischung aus beidem. Ein neues Album zu machen ist immer harte Arbeit, weil du immer alles gibst, was du hast. Es darf aber nicht zu hart werden, sonst stimmt was nicht. Wenn du es zu sehr erzwingen willst, bleibt die Inspiration auf der Strecke. So etwas kann man einem Album auch anhören. Man hört auch, ob ein Album auf den letzten Drücker im Studio geschrieben wurde. Um ein gutes Album hinzukriegen, braucht es immer Arbeit und Flow.
Ihr habt wieder mehr Songs geschrieben und aufgenommen, als auf das Album passen. Haben es die zwölf besten Songs auf "Only Revolutions" geschafft oder die zwölf, die am besten zum Gesamtkonzept passen?
Ben Johnston: Definitiv letzteres! Es kommt darauf an, die Songs auszuwählen, die zum Album passen. Das heißt, wir haben ungefähr zwölf weitere Songs für B-Seiten von Singles. Bevor wir ins Studio gegangen sind hatten wir sogar an die dreißig neue Songs. Zu der Zeit waren wir noch nicht sicher, welche auf dem Album sein werden. Dann haben wir geschaut, welchen Weg es nehmen wird und danach die Songs ausgewählt. Eigentlich ist es sehr schwer zu sagen, ob es die besten Songs sind oder nicht, das sollen die entscheiden, die sich unsere Lieder anhören. Wir wollten ein in sich stimmiges Album machen, das eine bestimmte Form hat. Ich persönlich finde viele unserer B-Sides mindestens genauso gut, wie die Songs auf den Alben. Sie alle sind für mich von gleich hoher Bedeutung.

Das neue Biffy Clyro-Album "Only Revolutions" erscheint am 6. November!
Ihr habt euren Tourplan geändert, weil Muse euch gefragt hat, sie auf ihrer Tour zu unterstützen. War es eine schwere Entscheidung zuzusagen?
Ben Johnston: Es ist nicht schwer Muse zuzusagen…
Ja, das ist die eine Seite, die natürlich nachvollziehbar ist. Aber es gibt auch Fans, die sich schon die Tickets gekauft und vor allem Flüge und Hotels gebucht haben.
Ben Johnston: Ja, das wissen wir und das tut uns auch sehr leid. Wir können nur hoffen, dass die Fans uns verstehen. Zum Beispiel ist es für Bands schwer, sich in Frankreich bekannt zu machen, weil es dort eine Quote für französische Musik in den Radiosendern gibt. Muse ist eine der größten Bands und eine Tour mit ihnen in den ganz großen Arenen abzusagen schien uns fast unmöglich. Wir haben auch neue Termine für die betroffenen Shows gefunden und hoffen, unsere Fans verstehen uns.
Nach welchen Kriterien stellt ihr eine Setlist als Support Act zusammen?
Ben Johnston: Wir haben vielleicht 40 Minuten Zeit und die müssen wir mit unseren wichtigsten und wuchtigsten Songs (er nennt sie "impact songs", Anm. der Redaktion) füllen. Da bleibt keine Zeit für Akustik-Sachen. Du musst dich in das Gedächtnis der Leute spielen. Das Wichtigste ist, dass sie sich an den einen oder anderen Song erinnern. Da spielst du die Lieder mit den besten Melodien oder härtesten Riffs. Außerdem ist es gut, wenn dein Set variiert. Es gibt Bands, die diese Chance verspielen und die Songauswahl nur nach dem eigenen Geschmack treffen. Wir versuchen Eindrücke zu hinterlassen, deshalb machen wir uns viele Gedanken.
Eure Musik wird mit vielen Stilrichtungen in Verbindung gebracht: Emo, Progressive, Alternative, Powerpop und mehr. Gibt es ein Genre bei dem ihr euch missverstanden fühlt?
Ben Johnston: Es gab Zeiten, da fühlten wir uns missverstanden, weil manche Leute uns in nur eine dieser Richtungen pressen wollten. Wir dachten, hey wir sind mehr als Powerpop, hey, wir sind nicht nur Emo. Wir lieben progressive Musik, wir lieben tolle Pop-Melodien, wir sind eine Rockband, wir mögen zarte Musik. Wir möchten eine Band sein, die all diese Ideen aufgreift und verarbeitet. Gerade für Journalisten ist es schwer, mit ein paar Worten zu sagen, was Biffy Clyro ausmacht. Das ist gerade das aufregende für uns und eigentlich genießen wir das.
Welchen eurer Songs magst du am liebsten? (die Frage stellt der 12-jährige Luca, Anm. der Redaktion)
Ben Johnston: Oh, das ist schwer. Ich glaube, im Moment ist es ein Song, den du noch nicht gehört hast: Es ist der letzte Song auf unserem neuen Album, er heißt "Whorses". Der ist sehr schwer zu spielen für mich und auch anstrengend. Also der letzte Song auf dem neuen Album, check it out! (lacht)
Ben, vielen Dank für das nette Gespräch.
Ein herzliches Dankeschön auch Kai Manke von networkingMedia, der uns dieses Interview ermöglicht hat und den Mitarbeitern von Warner Music, Hamburg für ihre Betreuung vor Ort!
Im anschließenden Show-Case spielen die drei Schotten ein 40-minütiges Set, in dem auch neue Songs wie "The Captain", "Many Of Horror" und "God & Satan" ihre Akustik-Tauglichkeit unter Beweis stellen. Das extrem kommunikative Publikum freut sich über die nette Untermalung seiner Gespräche so sehr, dass die Musik leider manchmal im Wortschwall unterzugehen droht. Höhepunkte bilden das launige "Saturday Superhouse" sowie das wunderbare "Mountains". Auf das neue Album darf man sich jedenfalls freuen!
Set:
The Captain
Machines
Little Soldiers
As Dust Dances
Breathe Her
Many Of Horror
Saturday Superhouse
God & Satan
Mountains
Linktipp: http://www.youtube.com/watch?v=x0N4DXSuqeo ("Mountains")