(Black Stone Cherry)
Kaum sitzt John Fred Young neben uns auf der Couch hat er schon die Schlagzeugstöcke in der Hand. "Ich hab's echt nicht drauf mit diesen Dingern", sagt der Drummer von Black Stone Cherry. Gemeint ist jedoch das Guitar-Hero-Schlagzeug, auf dem er mit den Sticks tippelt. Wenn man die Musik nach Gefühl spiele, manchmal auch minimal nach dem Takt, sei ein solches Videospiel ziemlich schwer. Es ist einer von vielen thematischen Ausflügen im Interview mit Young, den wir im Kölner Büro von Roadrunner Records treffen. Der Anlass: "Between The Devil & The Deep Blue Sea", das neue Album der Band aus Kentucky, welches am 27. Mai in Deutschland veröffentlicht wird. Sieben Stücke durften wir davon bisher hören – sie beweisen, dass sich die vier Jungs treu bleiben: Griffige Gitarrenriffs, eingängige Melodie, biergeschwängerte Country- und Banjo-Klänge, über allem die charismatische Stimme von Chris Robertson. Aber auch manches gelungene Experiment wie Sprechgesang oder kleine Patzer, zum Beispiel die säuselnde Backgroundsängerin. Und natürlich Texte aus dem Leben der vier Musiker aus Kentucky, die als Kumpelband die Musikwelt erobern wollen.

Musicheadquarter-Redakteur Benjamin Blum im Gespräch mit John Fred Young.
Euer Album ist in der finalen Produktionsphase. Was bleibt euch noch zu tun?
Young: Aktuell machen wir vor allem Promotion. In den letzten Wochen haben wir den Leuten im Studio noch etwas Feedback gegeben: "Hier muss die Snare-Drum noch etwas zur Geltung kommen, dort die Gitarre etwas lauter sein". Das Mastering ist aber im Grunde schon abgeschlossen.
Ihr habt diesmal mit einem neuen Produzenten, Howard Benson, zusammengearbeitet.
Young: Ja, es war schon ein Unterschied im Gegensatz zu den ersten beiden Alben. Howards Studio liegt in Kalifornien, und wir haben noch nie außerhalb unserer Heimat etwas aufgenommen. Wir brauchten einfach etwas Freiraum, das hatten wir bei den ersten beiden Alben nicht. Ich liebe die Platten immer noch, versteh mich nicht falsch. Die sind wie ein Teil unseres Lebens. Aber es ist gut, dass wir mal rausgekommen sind, obwohl wir es zuerst gar nicht wollten. Und auch für unseren Produzenten war es besser, dass er sein Team und seine Gerätschaften gleich vor Ort hatte, anstatt das ganze Zeug nach Kentucky zu bringen. Wir haben im Januar 2010 angefangen die neuen Songs zu schreiben. Unser Label hat uns ein paar Schreiber zur Seite gestellt, aber wir waren zuerst skeptisch; hatten befürchtet, dass es den "Vibe" in unserer Band stören könnte. Man muss sich auch mal vor äußeren Einflüssen schützen. Im Endeffekt haben wir wieder eine ganze Menge Ideen zusammengebracht – auf kreativ-chaotische Art. Die Band sitzt zusammen, einer sagt: "Hört euch das an", ein anderer sagt, "mach es doch lieber so". Und als dann externe Schreiber dazu kamen, war es so, als hätte man ein zusätzliches Ohr. Es ist ein Dialog entstanden, man hat über Songs diskutiert, anstatt dass uns fertige Stücke vor die Nase gesetzt wurden. Wir waren in dieser Zeit sehr produktiv, haben 55 oder 60 Songs geschrieben. Okay, manche von denen sind nicht gut (lacht). Aber es sind viele dabei, die wir für ein viertes Album verwenden können. Und genauso ist ein Stück auf der neuen Platte, "Such A Shame", das noch aus der Zeit der Produktion von "Folklore And Superstition" stammt.
Obwohl es nicht so aussieht, ist die Antwort von Young gekürzt und komprimiert. Über sechs Minuten hat der Schlagzeuger ohne Pause verbal getrommelt. Das Dutzend Fragen auf unserem Zettel schrumpft zusammen. Von den 30 Minuten Interviewzeit ist noch die Hälfte übrig. Hätten wir doch nur zu Beginn nicht mit ihm über die unterschiedlichen Bildformate des amerikanischen und europäischen Fernsehens und entsprechende Tempounterschiede gesprochen (Young: "Sieht das bei euch abgefahren aus!")... Unterbrechen oder anschieben möchten wir ihn aber nicht: Zu sympathisch plaudert der 26-Jährige über seine Band, lächelt, gestikuliert, wirft seine Locken in den Nacken, hat keine Berührungsängste. Auch die nächste Frage ist offen formuliert, etwas nervös schauen wir auf den Zettel.
Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen eurem neuen Album und den letzten beiden?
Young: Das erste Album war deshalb großartig, weil wir viel von unseren Wurzeln aus Kentucky einbringen konnten, Geschichten aus der Heimat. Wir hatten damals allerdings auch noch nicht viel anderes gesehen. Die zweite Platte folgte dann eher einem Konzept. Es war eine Liebeserklärung an New Orleans, die vielen Blues-, Cajun- und Zydeco-Musiker dort, Mystik und Voodoo. Teile des dritten Albums haben wir dann zuhause in Kentucky geschrieben. Es gab viele Parties und Barbecues im Sommer 2010, alle unsere Freunde waren dort. Im Anschluss sind wir dann Richtung Kalifornien gefahren, um dort weiter daran zu arbeiten. Wir haben uns ein bisschen gefühlt wie Teenager, die auf große Fahrt gehen und nicht erwachsen werden wollten.

Youngs Antworten füllen die Textzeilen der sieben Songs, die wir bereits vom neuen Album hören konnten, mit Leben. "Like I Roll" zum Beispiel ist luftig-leichter Rock fürs Radio, in dem genau jene Tour nach Kalifornien zum Thema wird. "I've got an open road and a restless soul/And Rolling Stones on the radio", singt Robertson. Man darf das ruhig kitschig finden. Hört man jedoch BSC-Drummer Young über seine Band, Kalifornien und die Heimat sprechen, dann steckt mehr Authenzität als PR-Masche darin. Trotz der aufregenden Zeit an der Westküste geht es für die vier Jungs am Schluss von "Like I Roll" wieder in die Heimat: "I roll through the hills of my old Kentucky home/Back to the place where my heart belongs". Sie würden uns wohl auch mit der Bierdose in der Hand zu sich winken, um einen Hamburger vom Grill zu essen. Falls wir irgendwann einmal in einer ideal-romantischen Welt durch Kentucky schlendern sollten. Hat Young eigentlich auf meine Frage geantwortet? Noch einmal nachbohren:
In der Pressemitteilung heißt es, dass euer Album ein Jahr aus dem Leben der Band widerspiegelt. Hast du ein Beispiel, wie ein Song vor diesem Hintergrund entstanden ist?
Young: Ich nehme mal "Blame It On The Boom Boom" als Beispiel. Im bereits erwähnten Sommer saßen wir zusammen und haben uns gedacht: Lasst uns wieder einen Song schreiben, als wären wir nochmal 16. So wie damals, als wir noch keinen Plattenvertrag hatten. Wir haben damals jeden Tag nach der Schule zusammen Musik gemacht. In der Schule selber hingen wir dagegen meistens in den Seilen (lacht). Songs wie "Blame It On The Boom Boom" und "Let Me See You Shake" sollten einfach widerspiegeln, wie es ist, wenn wir eine gute Zeit zusammen haben. Musik ist ja auch eine emotionale Sache, von Fröhlichkeit bis Wut. "White Trash Millionaire" haben wir geschrieben, um das Lebensgefühl im Süden auszudrücken. Es geht nicht darum, Millionen von Dollar zu haben. Freunde, Bierchen trinken, Fischen gehen, das ist es. Man muss ja nicht aus Kentucky sein, um das zu tun. Ihr macht das ja bestimmt auch. "Count your cash and kiss my ass", die Textzeile fasst es wohl ganz gut zusammen.
"White Trash Millionaire" ist eines der vergleichsweise harten Stücke auf eurem neuen Album. Warum habt ihr euch für diesen Song als erste Single entschieden?
Young: Vor allem, damit sich die Leute sicher sein können, dass wir immer noch richtig rocken. "Killing Floor" war allerdings auch einer unserer Favoriten. Vielleicht wird das auch noch eine Single.
Das Argument "Rocken" ist simpel, aber fundiert. Denn als Opener für das neue Album ist "White Trash Millionaire" ein Gewinn: Ein Einstieg mit Gitarren, die schwerer klingen, als noch auf der letzten BSC-Platte. Und das erwähnte "Killing Floor" schlägt in die gleiche Kerbe: Das Gitarrenriff nach einem orientalisch angehauchten Intro gebärdet sich – für BSC-Verhältnisse – härter, als man es zuletzt gewohnt war. Bei "Blame It On The Boom Boom" lässt dagegen der Titel schon vermuten, dass es sich um einen ungewöhnlichen Song handelt: Robertson singt im Stakkato-artigen Sprechstil. Natürlich kein Rap, aber rhythmisch, fließend, passend – eine unentdeckte Stärke des ohnehin großartigen Sängers. Unterstützt wird er von einem Chor, der nicht pathetisch, sondern angenehm nach Provinzkirche klingt. In den übrigen Stücken sind die Einflüsse dann deutlich bei zeitgenössischen Kollegen der Rockmusik zu verorten.
Von euren neuen Songs klingen manche Parts nach Black Label Society, manche nach Alter Bridge. Habt ihr euch von den Bands beeinflussen lassen, mit denen ihr in den letzten Jahren zusammen Konzerte und Tourneen gespielt habt?
Young: Ich denke schon. Es gab aber schon viel früher Einflüsse: Mein Vater und mein Onkel haben ja auch Musik gemacht. Bei uns war alles voller Poster, von Elvis bis Cream, richtige Ikonen. Das hat uns wohl davor bewahrt, dass wir ausschließlich mit zeitgenössischen Bands wie Metallica oder Nirvana aufgewachsen sind. Es gab insgesamt unheimlich viele Einflüsse für uns. Zakk Wylde hat uns vor einigen Jahren auch ziemlich beeindruckt. Er spielt geniale Gitarrenparts, harte Rockmusik und setzt dann Balladen wie "In This River" dagegen, ein wunderbarer Song. Diese Mischung ist großartig. So sollen auch unsere Alben sein, wir wollen verschiedene Geschmäcker ansprechen.
In eurem deutschen Wikipedia-Artikel ist uns eine Stelle besonders aufgefallen: Der Autor hat euch in einem Satz mit Lynyrd Skynyrd, Black Crowes, Led Zeppelin, AC/DC und Guns 'n' Roses verglichen.
Young: Wirklich großartig. Von diesen Bands haben wir viel gehört, genauso wie von Cream und anderen Bands. Das wichtige ist, dass die genannten Bands ihre Spuren in der Musikwelt hinterlassen haben. Wenn du Musik machst, dann musst du es lieben – und genau das versuchen wir.
Die nette Dame vom Plattenlabel hat uns bereits Bescheid gegeben, die Zeit ist um. Sieben unserer 15 Fragen haben es in das Gespräch geschafft. Und doch nehmen wir viel mehr mit als bei anderen Interviewterminen: John Fred Young ist ein genauso ausschweifender wie gewiefter Gesprächspartner. Doch in all dem steckt einfach nur ein 26-jährige Musiker aus dem mittleren Westen der USA, der authentisch ist. Finden zumindest wir. Und freuen uns nun noch mehr auf das neue Album von Black Stone Cherry.