Interview mit Brixtonboogie-Mastermind Krisz Kreuzer

(Brixtonboogie)

01.09.2009 von Thomas Kröll

Weltwirtschaftskrise, gedrosselte Produktionen, Firmenzusammenbrüche, anhaltende Kreditklemme und wieder einmal mehr Arbeitslose. Viele stimmen da den Blues an. Und verstehen etwas ganz grundlegend falsch. Denn der Blues ist nicht nur Klagelied, nicht nur Heulen und Zähneklappern, nicht nur chronisches Nichtweiterwissen. Der Blues ist vor allem eine Haltung. Blues heißt auch: Die Situation präzise zu analysieren. Kraft zu sammeln, Seelenfrieden zu finden. Sich gegen Demütigungen zu Wehr setzen. Und aufgeschlossen und durchaus fröhlich nach vorn zu schreiten.

So sieht es auch der Hamburger Musik-Produzent Krisz Kreuzer. Seit seiner Jugend liebt er den Blues, spielte auch Harmonika in diversen Bands. Inzwischen ist der 46-jährige zwar Co-Besitzer der Musikproduktionsfirma "BASS" die u.a. Commercials produziert und Heinz Strunk zu ihren Kunden zählt, doch die Liebe zum Blues ist geblieben. Um seine Vorstellung eines modernen urbanen Blues zu realisieren, gründete er 2005 Brixtonboogie. Deren Debütalbum erscheint am 18. September und heisst nicht rein zufällig "Urban Blues". Kurz vor der Veröffentlichung gibt sich Krisz Kreuzer im Interview die Ehre und verrät uns seine ganz persönlichen Ansichten zur Bluesmusik und deren spezieller Interpretation mit Brixtonboogie.

Ein Teil von Brixtonboogie (v.l.n.r.): Masha Litterscheid, Wayne Martin und Krisz Kreuzer (Foto: Uwe Böhm)

Was ist Brixtonboogie: Eine Band oder das Projekt eines oder mehrerer Produzenten und wie heißen sie?

Krisz Kreuzer: Brixtonboogie ist ein Kollektiv. Und dieses Kollektiv besteht aus befreundeten Musikern und Stimmen, so wie etwa Wayne Martin aus New Orleans, Masha Litterscheid aus Hamburg, Brian Sanders aus Las Vegas, Trina Hamlin aus New York City oder Nataly Dorra, eine in Kamerun geborene und in Deutschland aufgewachsene Pastorentochter. Mein Name ist Krisz Kreuzer und ich bin der Initiator und Gastgeber von Brixtonboogie.

Seit wann gibt es Brixtonboogie und wo und wie wurde Brixtonboogie gegründet?

Krisz Kreuzer: Brixtonboogie entstand Ende 2004 – und das eher zufällig. Ich fand eine Reihe alter Blues-Schallplatten wieder, die alle Umzüge und Plünderungen meiner Plattensammlung überstanden hatten. Vinyl von Blues-Legenden wie Son House, Elmore James, Sonny Boy Williamson und Muddy Waters. Als ich diese Platten hörte, war es, als ob plötzlich uralte Freunde wieder aufgetaucht wären. Ich hatte diese Musik geliebt, als ich 15 war und anfing, mit Gitarre und Mundharmonika Musik zu machen. Und ich merkte, diese Musik ist für mich immer noch so tief, so inspirierend und wichtig, dass ich meine eigene, heutige Version spielen wollte. Also habe ich meine musikalischen Freunde und deren Talente versammelt. Und gemeinsam haben wir unseren Stil entwickelt: den "Urban Blues".

Welche Idee steht hinter dem Namen Brixtonboogie?

Krisz Kreuzer: Wir haben den Namen schon vor Jahren erfunden, als wir Songs schrieben, im Studio herumalberten und mit Worten, Begriffen und Namen spielten – so wie es Musiker eben machen und es natürlich im Blues oder Rap eine lange Geschichte hat. Irgendwie kam ich auf Brixton. Der Stadtteil Londons gilt als die Seele des schwarzen Britanniens und ist bekannt für seine Musik-Szene. Da war ich Mitte der 80er öfter und das Viertel hat mich immer fasziniert. Boogie war ein Rhythmus und ein Klavierstil Anfang der 20er Jahre in den USA, als alles anfing. Boogie war neu, rauh, dynamisch. "Boogie" stand aber auch für eine Menge anderer Dinge: für "Tanzen", und - etwas freier verwendet – für den Akt des gelungenen Geschlechtsverkehrs. Im Namen Brixtonboogie verbindet sich also einiges. Aus einem Spass entstand ein Name – und der blieb an mir hängen.

Wie entsteht eure Musik?

Krisz Kreuzer: Ein paar Titel sind durch Blues-Samples inspiriert – einer Zeile aus Big Bill Broonzys Song "Black, Brown & White", J.L. Hookers "Solid Sender" oder Eddy Clearwaters "Came Up The Hardway". Mit diesen Samples haben wir gepielt und mit den Mitteln der modernen Studio-Technologie bearbeitet. Dazu kamen Einflüsse aus dem Hiphop, Folk, Dub oder Country. Der Blues steckt ja in vielen Stilrichtungen der Musik, also lassen sich diese Stile auch wieder in den Blues zurückführen. Einige Songs wie etwa unsere Single "Nobody But You" entstanden aus einem Riff, das wir dann Schritt für Schritt zu einem ganzen Song entwickelt haben. Brixtonboogie arbeitet mit spontanen Ideen, Assoziationen, Sounds. So wie jede neue Musik entsteht. Der rote Faden ist unser Gefühl und Geschmack, wie "Urban Blues" klingen soll.

Wie bewältigt ihr die Gratwanderung zwischen Credibility und Sell-Out?

Krisz Kreuzer: Indem wir uns nicht ständig hinterfragen. Übrigens: ich kenne keinen Blues-Helden, dem es nicht ums Geld ging. Da stellte sich nicht die Frage nach Credibility oder Sell-Out. Da stellte sich nur die Frage "How to live and how to survive". Und wenn ich mir meinen Kontostand anschaue, kommt mir das durchaus bekannt vor...

Ist das überhaupt noch Blues im klassischen Sinne?

Krisz Kreuzer: Mit Purismus kann ich mehr nicht so viel anfangen, auch wenn "Coming Home", der letzte Titel auf dem Album, ein ganz klassischer, vom Delta Blues beeinflusster Song ist. Aber wir wollen einen zeitgemäßen Blues spielen, der nach unserer Lebensrealität klingt.

Wie begegnet ihr der Kritik klassischer Blues-Puristen?

Krisz Kreuzer: Interessanterweise erhalten wir aus der Szene sehr viel Zuspruch, denn der klassische Blues-Purist hat meist gute Ohren. Klar, wir brechen das tradierte Bluesverständniss, das wollen wir ja auch. Aber wir besinnen uns mit unserer Musik auf die Tiefe und auf die Spiritualität einer uralten Tradition und reichern diese mit zeitgenössischen Klängen an, die wir lieben. Das heisst, wir verwalten nicht den Nachlass, sondern schreiten voran mit unserem Bluesverständnis.

Anders gefragt: Wer ist eigentlich die Zielgruppe von Brixtonboogie?

Krisz Kreuzer: Wir machen Musik von Erwachsenen für Erwachsene. Aber natürlich schließen wir niemanden aus.

Das Album "Urban Blues" erscheint am 18. September!

Zu deiner musikalischen Sozialisation: Wie bist du zum Blues gekommen?

Krisz Kreuzer: Die Mutter meines besten Freundes hörte ständig Blues, so kam ich an meine ersten Platten. Und in der Schule stieß ich auf Leute, mit denen ich Nachmittage lang Blues aufsaugte und schließlich spielte. Den weißen Blues: Eric Clapton, Rory Gallagher, Stevie Ray Vaughan. Im Alter von 16 Jahren entschied ich mich dann, weil alle anderen Gitarre spielten, die Blues-Harmonika zu übernehmen. Ich war kein Virtuose, hatte aber ein gutes Grundgefühl und bekam daher stets Jobs in lokalen Bands. Das hat Spaß gemacht, ich war jung und unterwegs. Andererseits ging mir irgendwann das traditionelle Gehabe auf die Nerven – die immer gleichen Nummern, der immer gleiche Shuffle-Beat. Aber ich war damals noch nicht in der Lage, dem etwas Eigenes entgegen zu setzen. Das klappte erst heutzutage mit Brixtonboogie.

Welche Instrumente spielst du?

Krisz Kreuzer: Die Instrumente die ich spiele sind Gitarre, Bass und Mundharmonika.

Wo hast Du gelernt diese Instrumente zu spielen?

Krisz Kreuzer: Ich hatte leider keine Förderer und für Unterricht fehlte mir immer das Geld. Ein alter Kumpel aus Schulzeiten hatte einfach beides. Wir hingen viel rum, jammten und er zeigte mir einiges an der Gitarre. Den Rest habe ich mir durch üben, zuhören und wieder üben beigebracht.

Wer sind deine erklärten Blues-Helden?

Krisz Kreuzer: Ich könnte zig Namen nennen aber hier vielleicht einige wichtige und bekannte: Howlin Wolf, Muddy Waters, John Lee Hooker, Sonny Boy Williamson, Lightnin Hopkins, Bo Diddley, Big Bill Broonzy, Willi Dixon und last but not least Little Walter.

Gibt es Blues-Lieblingsstücke, die dich besonders geprägt haben?

Krisz Kreuzer: Auch hier viele... ich nenne mal einige: Muddy Waters "Manish Boy" oder "I Can’t Be Satisfied". Eine abgenudelte Blues Jam Session Nummer - aber dennoch grossartig von BB King "The Thrill Is Gone". Oder John Lee Hooker "Boom Boom", "Della Mae", eine wunderschöne Nummer von Esther Phillips "Black Eyed Blue", Little Walters "Hate To See You Go" oder Otis Span "Good Morning Mr. Blues" -  um nur einige zu nennen.

Der Blues gilt als die Musik der Unterdrückten, als Musik gewordener Schmerz. Zugleich ist er eine Form oraler Geschichtsschreibung, dient der Wahrung von Tradition. Was bedeutet der Blues für dich?

Krisz Kreuzer: Blues war die Musik der Unterdrückten, das natürlich ist richtig. Aber Blues war und ist auch Unterhaltungsmusik. Es ging ganz einfach darum, eine gute Zeit zu haben und sich dadurch besser zu fühlen. Und das ist der Blues in erster Linie für mich gewesen. Ich meine: ich bin gesund, ich liebe meine Freundin, meine Freundin liebt mich, auf dem Tisch steht zumeist ein gut gefüllter Teller und danach gibt es einen kräftigen Espresso. Also, das Kapitel des existenziellen Schmerzes scheidet also weitestgehend aus. Aber ich liebe das Einfache im Blues, das Geschichtenerzählen und zugleich diese Tiefe. In der Aussage genauso wie in der Musik. Es ist eine Musik mit Haltung. Und mit Spass – anzüglich, hart, liebevoll, vibrierend – alles in einem. Das macht den Blues aus.

Ist der Blues Klagemauer oder Kraftspender? Mit anderen Worten: Stimmt das Klischee vom Blues als ewiger Klage?

Krisz Kreuzer: Die meisten meinen, der Blues sei die ewige Klage. Ein Heulen und Zähneklappern. Das stete Nichtweiterwissen. Wie in dem alten Witz: Was passiert, wenn man eine Blues-Platte rückwärts abspielt? Man bekommt zuerst seinen Glauben an Gott, dann seine Würde, dann seine Frau und schließlich seinen Job zurück... und am Ende wacht man auf. Was stimmt: Den Blues spürt man, wenn man unten ist. Was aber auch stimmt: Der Blues hilft einem, wieder hoch zu kommen. Und zudem ist der Blues ein Einpeitscher, ein Kraftspender, ein Mutmacher. Wie der Kaffee am Morgen: black, strong and tasty!

Wie heißt euer Album, das im September erscheint?

Krisz Kreuzer: Das Album heisst "Urban Blues" und erscheint am 18. September.

Welche Idee steckt hinter dem Albumtitel?

Krisz Kreuzer: Ich möchte auf eine ganz simple Weise beschreiben, was wir machen: eine zeitgemäße Definition des Blues.

Was erwartet uns an Musik, an Texten? Vielleicht sogar an Gästen?

Krisz Kreuzer: Nun… es ist leidenschaftlich und mitreißend. Traditionell und innovativ. Hungrig und anklagend. Aufscheuchend und stürmisch. Abgründig und geschmeidig. Dicht und würdevoll. Beseelt und liebevoll. Gepflegt und gewagt. Unterhaltsam. Und Blues eben.

Was kannst du zur ersten Single-Auskopplung sagen?

Krisz Kreuzer: Die erste Single Auskopplung heisst "Nobody But You". Sie erschien schon am 29. Mai. Der Titel wird von Wayne Martin und Mascha Litterscheid gesungen. Und er enthält ein wunderbares Sample von John Lee Hookers "Solid Sender". "Nobody But You" zeigt auf, wohin die musikalische Reise von Brixtonboogie geht. Es ist ganz eindeutig Blues, zugleich hat der Titel einen zeitgemäßen Beat und ordentlichen Wumms. Es geht um den Blitzeinschlag der wahren Liebe. Und dass damit eine Reise beginnt, eine Reise, die auch für Brixtonboogie gerade losgeht.

Wie zieht man ein Projekt in Zeiten der globalen Musikwirtschaftskrise erfolgreich auf? Welche Distributionswege sucht ihr? Internet, Kooperationspartner und so weiter? Oder soll das ganz klassisch über CD-Verkäufe laufen?

Krisz Kreuzer: Man muss viele Wege gehen. Natürlich ist das Web extrem wichtig, aber wir wollen auch in den klassischen Kanälen Radio und Print stattfinden. Wir werden eine limitierte Vinyl EP-Edition mit sechs Songs veröffentlichen. Das Album wird selbstverständlich als CD wie auch als Download erscheinen. Wir konnten DJ Friction für die Remixe unserer zweiten Single "If I" gewinnen, die am 11. September erscheint. Und natürlich ist Brixtonboogie ein ganz vorzüglicher Live-Act.

Wie bringt ihr einen elaborierten Studiosound wie Brixtonboogie auf die Bühne? Mit Live-Band?

Krisz Kreuzer: Brixtonboogie ist auch live ein Kollektiv, das wir in verschiedenen Konstellationen auf die Bühne bringen. In jedem Fall arbeiten wir mit DJ, diversen Live-Instrumenten und Stimmen, um eben nicht wie eine typische Blues-Session Band zu klingen, sondern unseren druckvollen Brixtonboogie-Sound auch live umsetzen zu können. Umrahmt wird das Ganze mit eigenen, zu jedem Titel produzierten Filmen und Visuals. Buchen kann man uns übrigens ganz einfach per Mail an booking@brixtonboogie.com.

Mit freundlicher Unterstützung von Kai Manke (networking Media)! Dafür vielen Dank!

Und hier haben wir für euch noch das Video zur zweiten Brixtonboogie-Single "If I", die am 11. September veröffentlicht wird. Blues you can use!

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